
Die Welt steht für 2027 womöglich vor einem neuen Jahres-Temperaturrekord. Ursache ist das natürliche Klimaphänomen El Niño, das nach derzeitigen Voraussagen in der zweiten Jahreshälfte zum Jahresende sehr stark werden könnte. El Niño-Phasen beeinflussen Wetterextreme auf der ganzen Welt – und bringen tendenziell höhere Temperaturen mit sich.
Je nach Stärke eines El Niño ist ein nochmaliger Temperaturaufschlag auf die ohnehin durch den Klimawandel steigenden Temperaturen denkbar, besonders im Jahr nach dem Beginn einer El Niño-Phase.
Rekordjahr bei der globalen Mitteltemperatur ist bisher 2024 mit rund 1,5°C über dem Durchschnitt der vorindustriellen Zeit (1850-1900). Das Jahr war auch von einem schon 2023 beginnenden El Niño geprägt, eine ähnliche Ausgangssituation also wie derzeit. Die Vorzeichen stehen für den weiteren Jahresverlauf auf einen sehr starken El Niño: Möglicherweise wird er sogar die bisher stärksten El Niño-Phasen von 2016 und 1997/98 übertreffen. Insgesamt ist für 2027 daher ein neuer weltweiter Jahres-Temperaturrekord sehr wahrscheinlich geworden.
Eine „El Niño“-Phase ist eine Ausprägung der natürlichen Klimaschwankung ENSO („El Niño/Southern Oscillation“), einer Schwankung der Meeresoberflächentemperaturen im Pazifik. Im neutralen Zustand ist das Wasser an der Oberfläche des Westpazifik deutlich wärmer als im Ostpazifik vor Südamerika. In „La Niña“-Phasen ist der Temperaturunterschied noch größer. Bei „El Niño“ dagegen treiben abgeschwächte Passatwinde nicht mehr so viel warmes Oberflächenwasser in Richtung Westen. Das Wasser vor Südamerika wärmt sich auf, im Westpazifik wird es kühler. Von einem „Super-El Niño“ wird gesprochen, wenn die Wasseroberfläche in einer bestimmten Region im Pazifik („Niño-3.4-Anomalie) um mehr als 2°C wärmer ist als im langfristigen Durchschnitt.
Eine El Niño-Phase dauert üblicherweise sechs Monate bis ein Jahr, mit Schwerpunkt um den Jahreswechsel. La Niña-Phasen halten üblicherweise länger an.
Die wichtigsten El Niño-Auswirkungen sind:
- Da El Niño-Phasen nun durch den Klimawandel in einer deutlich wärmeren Welt stattfinden, bewegen sich auch die ausgelösten Wettereffekte auf einem neuen Niveau.
- In Australien, dem Südwesten Afrikas, Mittelamerika und dem Nordwesten Südamerikas führt El Niño tendenziell zu Trockenheit und Waldbränden. Auf der westlichen Seite Südamerikas und Teilen Brasiliens kommt es dagegen vermehrt zu Überschwemmungen und Sturzfluten, die auch bis in den Südwesten der USA reichen können.
- In der Hurrikansaison im Nordatlantik ist die Sturmaktivität tendenziell gedämpft, da stärkere Scherwinde und eine trockenere, stabile Atmosphäre dem Entstehen von tropischen Wirbelstürmen entgegenwirken. Allerdings beeinflussen auch andere Faktoren die Hurrikan-Aktivität. So können theoretisch hohe Wassertemperaturen in der Hauptphase der Saison wiederum Stürme begünstigen. Insgesamt sind Vorhersagen also schwierig. So können Hurrikane auch unter El Niño-Bedingungen extreme Schäden anrichten. Hurrikan Andrew im Jahr 1992 ist ein Beispiel: Er verwüstete während einer El Niño-Phase den Bundesstaat Florida. Andrew zählt bis heute zu den zehn teuersten tropischen Wirbelstürmen weltweit, gemessen an den inflationsbereinigten Schäden.
- Im Nordostpazifik, also vor der Westküste der USA und Mexikos, ist das Hurrikanrisiko während einer El Niño-Phase deutlich erhöht. 2015 beispielsweise traf in Mexiko Hurrikan Patricia mit Windgeschwindigkeiten bis zu 340 km/h auf Land – einer der stärksten Wirbelstürme jemals. Die Schäden waren schwer, insgesamt wegen der dünnen Besiedelung der Region aber begrenzt. Im Oktober 2023 – ebenfalls während einer El Niño-Phase – verwüstete Hurrikan Otis das Touristenzentrum Acapulco an der Westküste von Mexiko. Die Gesamtschäden betrugen beinahe 15 Mrd. US$, davon war ein Drittel versichert.
- Im Nordwestpazifik begünstigt eine El Niño-Phase die Entstehung von Taifunen. Zudem verschiebt El Niño die Entstehungsgebiete von Taifunen dort tendenziell nach Osten. Dadurch treten verstärkt langlebige und intensive Taifune auf, deren Zugbahnen auch häufiger nach Norden in Richtung Japan, Korea und China verlaufen.
Die beiden kostspieligsten Taifune mit Schäden in zweistelliger Milliardenhöhe in Japan, Jebi 2018 und Hagibis 2019, ereigneten sich beeinflusst von einer besonderen El Niño-Variante. Einer der zerstörerischsten Wirbelstürme unter El Niño-Einfluss war Taifun Doksuri, der im Juli 2023 China, Taiwan, Vietnam und die Philippinen traf und Schäden von rund 25 Mrd. US$ verursachte. Nur ein kleiner Teil davon – 2 Mrd. US$ – war versichert.
In La Niña-Jahren sind die Auswirkungen ganz überwiegend umgekehrt, also zum Beispiel mehr tropische Wirbelstürme im Nordatlantik oder Hochwasser im Osten Australiens. Genaue Vorhersagen sind dabei immer schwierig, da auch noch andere zyklische Schwankungen eine Rolle spielen.
El Niño beeinflusst Wetterextreme auf der ganzen Welt – Die wichtigsten Effekte
Verstärkt der Klimawandel El Niño oder La Niña?
Die ENSO-Schwankungen beeinflussen nicht nur lokale Wetterphänomene, sondern auch die weltweiten Durchschnittstemperaturen: El Niño erhöht die Temperatur, La Niña kühlt etwas. Auffällig ist: Die vergangenen 12 Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen. Den Rekord hält 2024, noch beeinflusst durch eine schon 2023 startende El Niño-Phase, als die Durchschnittstemperatur um beinahe 1,5°C über dem Durchschnitt der vorindustriellen Zeit lag. Unter den heißen Jahren der jüngsten Zeit waren aber auch mehrere neutrale und La Niña-Jahre, wie etwa 2020-2022 und 2025. Das zeigt: Die Effekte von natürlichen Klimazyklen und des Klimawandels überlagern sich und spielen sich in der Tendenz auf einem höheren Temperaturniveau ab.
Ob sich umgekehrt der Klimawandel direkt auch auf die ENSO-Schwankungen auswirkt, wird in der Wissenschaft noch diskutiert. Einige Studien gehen davon aus, dass der Klimawandel auch die ENSO-Phasen selbst verstärkt, also wie bei vielen Naturgefahren selbst die Extreme verstärkt.
Die starken Auswirkungen zyklischer Klimaschwankungen – überlagert von den Effekten des Klimawandels selbst – zeigen, wie wichtig die Forschung und daraus abgeleitete Rückschlüsse nicht zuletzt für Versicherer sind. Alleine historische Statistiken zu nutzen, reicht für ein gutes Risikomanagement nicht aus. Vielmehr ist es notwendig, Schwankungen durch natürliche Klimazyklen zu berücksichtigen und langfristige Effekte des Klimawandels genau in der Risikosteuerung abzubilden.
Bei Munich Re arbeiten dutzende Wissenschaftler – von Meteorologen über Hydrologen bis hin zu Klimawissenschaftlern – an Risikomodellen und in der Risikoeinschätzung, die uns das Absichern von Katastrophenrisiken in großem Umfang möglich machen. Das hat fundamentale Bedeutung: Versicherer übernehmen einen Teil der finanziellen Schäden von Katastrophenopfern – und ermöglichen ihnen damit eine schnellere Rückkehr zu einem normalen Leben.
Munich Re Experten