Invaliditätsversicherung: Neue Möglichkeiten der evidenzbasierten Risikobewertung
Die Kombination aus Datenanalyse und versicherungsmedizinischer Expertise kann die Risikobewertung in der Invaliditätsversicherung grundlegend verändern – das zeigt die jüngste Studie von Munich Re.
Vogelperspektive auf einen Platz mit vielen Menschen, die in verschiedene Richtungen gehen, auf einem gepflasterten Boden.
© Orbon Alija / Getty Images

Verbesserte Risikobewertung

Munich Re bietet seinen Kunden medizinische Risikoprüfungsrichtlinien, die auf verschiedene Invaliditätsversicherungen angewendet werden können – und das in über 120 Märkten weltweit. In Deutschland gehören die Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsversicherungen (BU bzw. EU) dazu. Die Schadeneintrittswahrscheinlichkeit, die diesen Produkten jeweils zugrunde liegt, hängt von der Definition der Leistungsauslöser ab. Bei einer umfassenden Deckung wie der BU tritt der Schaden ein, wenn der Versicherte seinen zuletzt ausgeübten Beruf über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten zu weniger als 50% ausüben kann. Bei einer Basisabdeckung wie EU ist der Versicherte dauerhaft nicht in der Lage, irgendeiner Art von Arbeit nachzugehen. Die Schadeneintrittswahrscheinlichkeit wird darüber hinaus von demografischen Merkmalen, dem Beruf und vorliegenden Vorerkrankungen beeinflusst.  

Die medizinische Literatur liefert nur selten Analysen, die mit versicherungsrelevanten Fragestellungen bei Invaliditätsversicherungsprodukten übereinstimmen. Daher war es bislang oft schwierig, klare Risikorelationen zwischen Vorerkrankungen und den jeweils verschiedenen Produktdefinitionen herzustellen. Entsprechend wurden medizinische Risikoprüfungsrichtlinien eines Invaliditätsprodukts aus einem anderen Invaliditätsprodukt mit abweichender Definition weitgehend durch individuelle Experteneinschätzungen abgeleitet. Die fortschreitende Digitalisierung und somit die Verfügbarkeit zunehmend detaillierter Risikoprüfungs-, Portfolio- und externer Daten ermöglichen eine immer präzisere Analyse. Dabei ergänzen sich datenbasierte Auswertungen und fachliche Experteneinschätzungen in wachsendem Maße.

Munich Re untersuchte in Zusammenarbeit mit einem Datenanalyseinstitut den Zusammenhang zwischen vorbestehenden medizinischen Diagnosen und nachfolgender Dauer von Krankschreibungen sowie Erwerbsminderungsrente – als Proxy für verschiedene Produktdefinitionen. Die retrospektive Längsschnittstudie mit einem Beobachtungszeitraum von acht Jahren basierte auf einem umfassenden Datensatz der deutschen gesetzlichen Krankenversicherung und bezog sich auf mehrere Millionen Versicherte. Der Datensatz umfasste über 1.000 medizinische Diagnosen im ICD-10-Format sowie demografische und sozio-ökonomische Informationen.

Die Ergebnisse der Studie auf einen Blick

  • Zusätzliche Leistungsfälle bei Basisdeckungen mit einfacher, aber strenger Leistungsdefinition (z.B. bei Erwerbunfähigkeitsversicherungen) werden überproportional von Personen mit schweren bzw. chronischen Vorerkrankungen geltend gemacht. Dazu zählen etwa Krebs, schwere neurologische Störungen und psychische Erkrankungen.
  • Diese Diagnosen mit chronischen und schweren Verläufen weisen ein ansteigendes relatives Risiko von umfassenden Deckungen im Vergleich zu Basisdeckungen auf. Die Anwendung angemessener medizinischer Zuschläge ist hier für den Schutz des Versichertenkollektivs unerlässlich.
  • Bei Diagnosen mit milderem oder kontrollierbarem klinischem Verlauf wie Eisenmangelanämie oder Asthma wurde ein stabiles Risikomuster beobachtet. Medizinische Risikozuschläge oder Ausschlüsse für solche Erkrankungen können hier einheitlich auf alle Typen der Invaliditätsversicherung angewendet werden. 
Viele Vorerkrankungen können zu einem kurzfristigen Arbeitsausfall führen, während wenige Vorerkrankungen längere Arbeitsausfälle zur Folge haben.
Einen ausführlicheren Artikel finden Sie in The European Actuary, Ausgabe 45.
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Implikationen für die Lebensversicherung

Die Verknüpfung von versicherungsmedizinischer und aktuarieller Expertise mit datenbasierten Erkenntnissen schafft die Grundlage für präzisere Risikoprüfungen und innovative Produktgestaltung. Versicherer profitieren von adäquaten Einschätzungen zum Zeitpunkt der Risikoprüfung, während Versicherte von faireren, bedarfsgerechten Produktangeboten profitieren.

Die Studie zeigt, dass Risikozuschläge bei Invaliditätsdeckungen präzise und risikogerecht kalkuliert werden müssen. Basisdeckungen mit strengeren Leistungsauslöser (z.B. längere Karenzzeiten oder EU) führen nicht zwangsläufig zu geringeren Risikozuschlägen. Munich Re hat ihre Risikoprüfungsrichtlinien für Invaliditätsprodukte auf Basis dieser neuen Erkenntnisse entsprechend überarbeitet. Für bestimmte Erkrankungen bieten die Richtlinien nun aktualisierte Empfehlungen für die Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsversicherung, die bereits in das medizinische Risikomanual MIRA und die digitalen Regelwerke von Munich Re eingeflossen sind. Diese sind wiederum Grundlage der MIRA Digital Suite inklusive MIRA Pro. 

Prof. Mathias Orban
© Oliver Soulas
Die Expertise von Munich Re in der medizinische Risikobewertung basiert auf der Kombination von medizinischem Know-how und Datenanalysen. Es liegt uns daran, diese Expertise auszubauen - nicht zuletzt zum Nutzen von Versicherern und Versicherungsnehmern. In einem regulatorischen Umfeld, in dem die medizinische Risikoprüfung von Behörden und Patientenvertretern genau in den Blick genommen wird, ist es unerlässlich, den evidenzbasierten Ansatz in der Risikoprüfung kontinuierlich zu verfeinern und nachvollziehbar zu machen.
Prof. Mathias Orban
Senior Medical Consultant, Medical Research & Development
Munich Re

Experts

Alban Senn
Dr. Alban Senn
Chief Medical Officer, Head of Medical Research & Development
Munich Re Life & Health, Central and Eastern Europe
Mathias Orban
Dr. Mathias Orban
Privatdozent, Medical Consultant
Marvin Schneller
Marvin Schneller
Senior Client Manager
Life/Health
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