Mobilität und Transport

Die Zukunft der Mobilität - Wie Versicherer Teil eines neuen Ökosystems werden

Die Automotive- und Mobilitätsbranche befindet sich in grundlegendem Umbruch. Wollen Versicherer auf diesem Gebiet erfolgreich sein, müssen auch sie neue Wege gehen. 

06.05.2021

Innerhalb eines sich rasant verändernden Mobilitäts-Ökosystems setzt Munich Re mit einer konzernweiten Initiative neue Standards: Erstversicherer, Rückversicherer sowie das rückversicherungsinterne Consulting entwickeln gemeinsam neue Produkte und Lösungen für das Risikomanagement. 

Hendrik Todte, Geschäftsführer von ERGO Mobility Solutions (EMS), einer Automotive- und Mobility-Tochtergesellschaft von Munich Re, Mike Scrudato, Senior Vice President von Munich Re America in Princeton, NJ, und Falk Albers, Head of Motor & Mobility Consulting bei Munich Re in München im Interview über neue Risiken und künftige Chancen für Versicherer:

Worin sehen Sie die größten Herausforderungen für die Mobilitätsbranche? 

Falk Albers: Wir befinden uns mitten in einem Wandel. Die Art und Weise, wie wir uns fortbewegen, hat sich innerhalb weniger Jahre grundlegend verändert. Bedeutete früher Mobilität vorwiegend eine Autofahrt von A nach B, sehen wir uns heute mit einer Vielzahl von Transportmöglichkeiten innerhalb einer kompletten Reise - von der Haustür bis zum Ziel - konfrontiert. Dazu zählen Car- und Bike-Sharing, Sammeltaxifahrten und Micro-Mobility-Lösungen wie Kick-Scooter oder E-Bikes. 

Auch die fortschreitende Urbanisierung in großen Teilen der Welt treibt die Entwicklung neuer Mobilitätskonzepte weiter voran. Zusätzlich spielen Umweltaspekte bei Entscheidungen der Verbraucher eine immer größere Rolle. Technologische Innovationen befeuern eine immer breitere Palette neuer, digitaler Mobilitätsangebote. Auch die Grenzen zwischen Fahrzeugverkauf, Leasing, Abonnement, Sharing, Vermietung und On-Demand verschwimmen immer weiter. Das eigene Fahrzeug könnte künftig ein Auslaufmodell sein, das abgelöst wird von gemeinsam genutzten Abonnement- und On-Demand-Nutzungsmodellen. 

Was bedeutet das für Versicherer? 

Hendrik Todte: Versicherung und Mobilität gehören zusammen. Versicherungen müssen in die neuen Mobilitätsangebote mit einbezogen und integriert werden. Neben reinen Versicherungsprodukten müssen wir künftig auch datengesteuerte Risikolösungen, technologiegestützte Flottenprodukte und hochmoderne Tarifierungs- und versicherungs-mathematische Dienstleistungen anbieten. 

Diese neuen Technologien erfordern, dass sich unser Geschäftsmodell weiterentwickelt. Jedes Element in der Wertschöpfungskette – von der Produktentwicklung, dem (digitalen) Vertrieb über das Risikomanagement bis hin zu der Art, wie wir mit Mobilitätsanbietern zusammenarbeiten – wird künftig grundverschieden sein. 

Um Risiken bewerten und proaktiv berechnen zu können, müssen Versicherer auf große Datenmengen zugreifen, sie konsumieren und analysieren können. Idealerweise sind unsere Risiko-Dienste Teil der Infrastruktur unserer Partner. Der Datenaustausch in Echtzeit über Rest-APIs wird nur ein Zwischenschritt sein. Daher werden wir unseren Kunden algorithmusbasierte Risikolösungen als Ergänzung zu ihren Versicherungsprodukten anbieten.

Neue Automobil-Technologien, wie etwa Elektroautos sind für unsere OEM-Kunden natürlich besonders wichtig und wir werden weiterhin maßgeschneiderte Lösungen für ihre Bedürfnisse entwickeln, entweder hausintern oder durch Partnerschaften mit modernsten Engineering-Partnern. 

Und nicht zuletzt ermöglichen uns strategische Partnerschaften wie die die Kooperationen von Ergo Mobility Solutions mit BMW in Deutschland und Great Walls in China innovative, kundenorientierte und flexible digitale Produktlösungen anzubieten. 

Wie gehen Sie dabei strategisch vor und welche Märkte stehen dabei für Sie im Fokus? 

Mike Scrudato: Wir haben fünf Märkte identifiziert, die großes Geschäftspotenzial bieten: verhaltensbasierte Versicherungsprodukte, autonome Fahrzeuge und ADAS, Elektrofahrzeuge, Mobility-as-a-Service (MAAS) -Flotten und technologiefähige Flotten. Für die steigende Cyber-Exponierung entwickeln wir mit unseren Cyber-Experten Lösungen innerhalb dieser neuen Mobilitätsmodelle. 

Grundsätzlich verstehen wir uns als globaler Marktführer, dessen Fokus sich an den Bedürfnissen der einzelnen Märkte orientiert. Beispielsweise haben wir ein größeres Interesse an Elektromobilität in China festgestellt, während wir in den USA neue kommerzielle Flottenprodukte und -dienste sowie Versicherungslösungen für autonome Fahrzeuge auf den Markt gebracht haben. Zudem beabsichtigen wir, mehr dieser innovativen Lösungen nach Europa zu bringen, und natürlich werden wir auch ERGOs Ankermarkt in Deutschland nicht vernachlässigen. Aber wir sind auch in kleineren, vielversprechenden Märkten mit guten Wachstumsraten aktiv, wie zum Beispiel in Indien, wo HDFC ERGO mit den führenden Autofirmen zusammenarbeitet.

Wie profitieren unsere Kunden davon?

Falk Albers: Wir übernehmen das komplette Consulting und begleiten unsere Kunden von der ersten Idee über die Produktentwicklung und -implementierung bis hin zum Pricing und zum Underwriting. 

Zu den eindeutigen Vorteilen für unsere Kunden zählen die gemeinsame Entwicklung und Implementierung von Technologie gestützten Versicherungslösungen. Wir bieten Produkte als White-Label-Lösungen an und ermöglichen Kunden somit einen schnellen und effizienten Markteintritt. Oft ist dies mit einer Kostenersparnis und Betriebseffizienz verbunden. Der Produktfokus liegt auf dem zusätzlichen Service für den Endkunden. Verhaltensbasierte Fahrbewertungen und Pricing-Einblicke, unterstützt durch unsere Lösungen für die Portfoliosteuerung, optimieren zudem die Qualität des Geschäfts.

Welche Versicherungslösungen bieten Sie an?

Falk Albers: Die Automobilindustrie hat auf das veränderte Nutzerverhalten mit elektrifizierten Fahrzeugen und neuen Mobilitätslösungen auf Produktseite reagiert. Aber auch die Beziehung zu den Verbrauchern ändert sich mit einem stärker service- und wertorientierten Ansatz, bei dem das Erlebnis und nicht die Kauftransaktion im Vordergrund steht. Dasselbe gilt auch für Versicherungen. Unsere Lösungen umfassen
 

  • verhaltensbasierte Versicherungsprodukte (Pay-How-You-Drive und  Pay-As-You-Drive-Lösungen), 
  • umfassende Risiko-Management Lösungen für Flotten
  • maßgeschneiderte Versicherungslösungen für Elektrofahrzeuge (Produkt und Pricing),
  • digitale Schaden-Dienste und Schaden-Steuerung,
  • versicherungsmathematische und Data Analytics -Dienste,
  • Lösungen für die Portfoliosteuerung und das Portfoliomanagement.

Können Sie ein konkretes Projekt benennen? 

Mike Scrudato: Für den US-amerikanischen Markt liegen unsere Schwerpunkte auf technologiefähigen Flotten, Mobility-as-a-Service und autonomen Fahrzeugen. Den größten Fortschritt können wir bei den technologiefähigen Flotten verzeichnen. Ziel ist es, die Sicherheit kommerzieller Flotten zu erhöhen. Mittlerweile integrieren wir unsere Services mit kommerziellen Auto-Versicherungslösungen von Munich Re Specialty Insurance. 

Unser Angebot basiert auf dem Produkt LossDetect, einem zum Patent angemeldeten Schadenanalyse-Tool. Kunden können ihre Schadendaten direkt auf unserer Plattform hochladen. Mithilfe der Daten bestimmt LossDetect automatisch die Schadenhöhe für Unfälle, die eventuell hätten vermieden werden können. Wir haben mehr als 5 Milliarden US-Dollar an Schäden in Auto-Flotten auf dem US-Markt analysiert und berechnet, und dass mehr als 2/3 davon wahrscheinlich vermieden hätte werden können. 

Basierend auf den Ergebnissen entwerfen wir einen technisch fokussierten Plan für jeden Kunden. Dazu arbeiten wir eng zusammen mit Technologiepartnern, also weltweit führenden Unternehmen im Bereich Risikomanagement mit Schwerpunkten in Telematik, Kameraaufnahmen, Fahrertraining und fortschrittlicher Fahrerassistenzsysteme. Gemeinsam stellen wir fest, welche Technologie in der Lage gewesen wäre, die am häufigsten auftretenden und für die jeweilige Flotte spezifischen Schadensarten zu verhindern oder zu minimieren. 

Ist Mobility-as-a-Service ein Wachstumsmarkt für Versicherer?

Mike Scrudato: Definitiv. Jedoch wurde dieses Modell durch COVID beeinträchtigt und die Versicherung bleibt eine Herausforderung für viele dieser Plattformen. Aber wir sprechen hier von Risiken, die viele Versicherer bisher nicht als Kerngeschäft kategorisiert haben. Wir helfen Plattformen und Versicherern, das Geschäftsmodell der neuen Mobilitätsakteure zu verstehen und richtig zu bewerten. 

Ein Beispiel hierfür sind Carsharing-Flotten. Hier gibt es drei verschiedene Kundengruppen: die Plattform selbst, den Eigentümer des Fahrzeugs auf der Plattform und den Fahrgast. Versicherer können Produkte und Dienstleistungen für jede Gruppe anbieten, wie etwa einen Unternehmensschutz auf Plattformebene, eine Flotten-Police für die auf die Plattform gestellten Fahrzeuge und Lösungen für die einzelnen Fahrer.

Ist vernetzte Versicherung auf dem Weg zum Mainstream?  

Hendrik Todte: Auf jeden Fall. Eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von vernetzten Versicherungsprodukten ist die Fähigkeit, die Daten zu verarbeiten und zu analysieren, die von vernetzten Fahrzeugen erzeugt werden. Die nutzungsabhängige Versicherung war nur ein erster Schritt in diese Richtung. Moderne Autos verfügen über leistungsstarke Betriebssysteme, vergleichbar mit den Betriebssystemen der heutigen Smartphones, die regelmäßig aktualisiert und verbessert werden. Versicherungslösungen werden innerhalb des Autos ausgeführt werden können, genau wie Apps heutzutage auf Ihrem Mobiltelefon. Dies reduziert die Kosten, mindert die Komplexität – und der Kunde hat gleichzeitig noch Spaß.

Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus? 

Falk Albers: Die Mobilität der Zukunft wird neben technischen und digitalen Innovationen auch von den sich wandelnden Bedürfnissen der Menschen geprägt werden. Das Verhalten der Menschen lässt sich nur schwer vorhersagen. Die Pandemie hat unsere Arbeitsweise, unser Privatleben, aber auch die Art und Weise, wie wir Mobilität konsumieren, dramatisch verändert.

Bei Versicherungen beobachten wir eine steigende Nachfrage nach mehr maßgeschneiderten und kundenorientierten Produkten, die das Verhalten von Konsumenten widerspiegeln. Angebote für Shared-Mobility und Mirco-Mobility-Lösungen werden weiterhin ansteigen, insbesondere in urbanen Regionen. Generell verlagert sich die Mobilität von einem Eigentums- zu einem Abonnementmodell. Hier werden wir künftig sicher auch weiteres und beschleunigtes Wachstum sehen.

Unsere Experten
Falk Albers
Falk Albers
Partner - Head of Commercial Motor & Mobility
Global Consulting
Michael Scrudato
Michael Scrudato
Strategic Innovation Leader, Incubator - Mobility
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