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Gesundheitsrisiken

Weißer Dampf statt blauer Dunst

Elektrische Zigaretten, sogenannte „E-Zigaretten“, werden immer beliebter. Rauchlose Zigaretten ohne Tabak gibt es zwar bereits seit den frühen 1960er-Jahren. Aber erst 2003 hat sich der chinesische Apotheker Hon Lik die moderne E-Zigarette patentieren lassen. Seit einigen Jahren boomt das Geschäft: Die Werbung betont die gesundheitlichen Vorteile des Umstiegs von herkömmlichen Zigaretten auf E-Zigaretten mit der Hilfe etlicher Prominenter, Internetseiten propagieren das Thema und klassische Ladengeschäfte buhlen um Laufkundschaft. Die Zahl der Anwender allein in Großbritannien wird auf 1,3Millionen geschätzt.

30.05.2014

E-Zigaretten sind batteriebetriebene Geräte, die in Form und Größe an herkömmliche Zigaretten erinnern. Sie enthalten einen Zerstäuber und eine Heizschlange, die eine flüssige Nikotinlösung verdampft. Der erzeugte Dampf wird inhaliert, der Körper nimmt Nikotin über die Lunge auf. Dabei wird gleichzeitig der Eindruck des Rauchens einer klassischen Zigarette reproduziert.   Für Versicherer stellt sich nun die Frage, ob E-Zigaretten wirklich eine sicherere Alternative zum Rauchen sind. Und falls ja, welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Risikoprüfung bei Antragstellern, die E-Zigaretten anstatt herkömmlicher Zigaretten benutzen?

Eine sicherere Alternative?

Weniger als das Nikotin mit seinem hohen Suchtpotenzial sind es vor allem die chemischen Stoffe im Tabakrauch, die bei etwa der Hälfte aller Langzeitraucher zu einer tödlichen Krankheit führen. Tabakzigaretten enthalten rund 4.000 verschiedene chemische Verbindungen, darunter Gifte wie Arsen und Wasserstoffzyanid. Seit langem gilt Tabakrauch nachweislich als ein Karzinogen, das für mehr als jeden vierten krebsbedingten Todesfall in Großbritannien verantwortlich ist. Klassische Tabakzigaretten sind für sich genommen die häufigste Krebsursache weltweit. Es herrscht Einigkeit darüber, dass die E-Zigarette eine wahrscheinlich ungefährlichere Möglichkeit darstellt, dem Körper Nikotin zuzuführen. Dennoch bleiben viele Fragen offen, denn auch die E-Zigarette setzt eine Vielzahl chemischer Verbindungen frei. Doch angesichts fehlender Regulierung, vielfach fehlerhafter Deklaration des Inhalts, vieler verschiedener Anbieter und unterschiedlichster Produktlinien gibt es derzeit kaum eine Möglichkeit, die Auswirkungen der Inhalate auf die Gesundheit zu überprüfen. Zudem: Dasselbe Marketing, das E-Zigaretten als sicherere Alternative zum Rauchen anpreist, macht sie auch für junge Nichtraucher attraktiv. So richtet sich die Werbung gezielt an junge Nutzer, etwa in den Social Media. Die E-Zigarette wird als trendiges Accessoire angepriesen und der Aspekt des Nikotininhalierens gerät dabei in den Hintergrund. Das in Großbritannien herrschende Verbot von Tabakwerbung gilt nicht für E-Zigaretten. Die Befürchtung, dass diese ehemalige Raucher, Nichtraucher und Kinder zum Rauchen animieren könnten, indem Nikotinsucht verharmlost und gefördert wird, konnte bislang nicht belegt werden: Glücklicherweise scheinen es fast ausschließlich Exraucher und tägliche Raucher zu sein, die unter Jugendlichen zwischen 11 und 18 Jahren häufig (mehr als einmal pro Woche) E-Zigaretten konsumieren. Auf Seiten der Ärzteschaft gibt es Befürchtungen, dass sich hier eine Marktlücke für die Tabakindustrie auftut, die über eine Erhöhung des Nikotingehalts versuchen wird mehr Konsumenten an sich zu binden.

Der Geschmack der Freiheit

Entscheidend für die Attraktivität von E-Zigaretten wird die Akzeptanz ihres Konsums in traditionellen Nichtraucherbereichen sein. Tatsächlich ist die vermeintliche Freiheit des Konsumenten, überall rauchen zu dürfen, einer der Punkte, die sich die Werbung für E-Zigaretten zunutze macht. Und tatsächlich: Erste spezielle Raucherbereiche für E-Zigaretten werden in Großbritannien bereits ausgewiesen, so im Terminal 4 des Flughafens Heathrow. Um der Verharmlosung des auch von E-Zigaretten ausgehenden Gesundheitsrisikos entgegen zu wirken, eine klare Deklarierung der Inhaltsstoffe einfordern zu können und die freie Verfügbarkeit dieser Produkte für Jugendliche zu verhindern, stellt die britische Zulassungsbehörde MHRA (Medicines and Healthcare Regulatory Agency) E-Zigaretten ab 2016 unter dieselben Zulassungsauflagen wie für klassische Nikotinersatztherapien wie Pflaster und Kaugummis. In den USA hat sich wie in England eine restriktive Haltung durchgesetzt: Die U.S. Food and Drug Administration (FDA) plant, die Zulassungsregularien für übrige Tabakprodukte auf E-Zigaretten auszuweiten. Das Ziel ist, die Sicherheit von E-Zigaretten zu erhöhen und die Verfügbarkeit der Geräte und Flüssigmischungen auf Erwachsene zu begrenzen.

Konsequenzen für das Underwriting

Es liegen für absehbare Zeit keine Langzeitstudien darüber vor, wie lange Raucher bei E-Zigaretten bleiben bzw. wie häufig sie ihre normalen Rauchgewohnheiten wieder aufnehmen. In einer kürzlich durchgeführten Untersuchung der Action on Smoking and Health (ASH) gaben Raucher und ehemalige Raucher unterschiedliche Gründe für den Konsum von E-Zigaretten an. Ehemalige Raucher geben als Hauptgrund an, E-Zigaretten als Hilfsmittel verwendet zu haben, um mit dem Rauchen aufzuhören (48%) und sich „vom Tabak fernhalten zu können“ (32%). Raucher dagegen benutzen E-Zigaretten hauptsächlich, um „die Tabakmenge zu reduzieren, aber nicht um komplett aufzuhören“ (31%), als Hilfestellung zum Aufhören (30%) und um sich „vom Tabak fernhalten zu können“ (29%). Aus Sicht des Risikoprüfers kommt erschwerend hinzu, dass Labor-Tests, die zum Nachweis eines Nikotinkonsums herangezogen werden, nicht zwischen Rauchern normaler Zigaretten und von E-Zigaretten unterscheiden. Bei einer kürzlich während einer Konferenz der in den USA frei tätigen Underwriter durchgeführten Umfrage zeigte sich, dass 40% der Erstversicherungen eine Richtlinie bzgl. E-Zigaretten etabliert haben und diese in 80% als Tabakprodukte klassifiziert werden. (Die Ergebnisse finden Sie unten als Download.) Mangels ausführlicher Langzeitstudien zur Sicherheit und zu den Konsequenzen des Konsums von E-Zigaretten lautet die derzeitige Empfehlung von Munich Re, sorgfältig abzuwägen, wie Benutzer von E-Zigaretten zu kategorisieren sind. Aus diesem Grund sollten Antragsformulare nach der Anwendung von Tabak- oder Nikotinersatzprodukten jeglicher Art fragen: Pflaster, Kaugummis und E-Zigaretten eingeschlossen.

Munich Re Experten
Dr. Charlotte von Bodelschwingh
ist Medical Consultant im Ressort Life/Health.
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