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Gesundheitsrisiken

Höchste Zeit für harte Fakten: Marihuana als Arzneimittel

Angesichts der zunehmenden medizinischen Anwendung von Cannabis und des Trends, den medizinischen wie nicht-medizinischen Gebrauch zu entkriminalisieren, könnte man vermuten, dass die Wirkweise und der Nutzen der Droge ausreichend bekannt sind. Aber tatsächlich steckt die wissenschaftliche Forschung noch in den Kinderschuhen. In Studien zeigen die wirksamen Bestandteile von Cannabis vielversprechende pharmakologische Wirkungen. Es wird noch eine Weile dauern, bis gesicherte Erkenntnisse über ihren wahren Nutzen vorliegen.

02.09.2016

Die medizinische Verwendung von Marihuana in Form von getrockneten Blättern und Blüten der Hanfpflanze Cannabis sativa und daraus hergestellter Produkte reicht Jahrtausende zurück. In der chinesischen Medizin ist die Anwendung aus dem Jahr 2727 v.Chr. überliefert. Nach Europa gelangte Cannabis erstmals um das Jahr 1840 und konnte sich in den Jahrzehnten danach in der Medizinwelt Europas und Amerikas etablieren. Damals gab es über 30 unterschiedliche Zubereitungen mit Cannabis als Wirkstoff. Auf ärztlichen Rat wurden sie gegen alle möglichen Leiden eingesetzt, etwa bei Menstruationsbeschwerden, Asthma, Husten, Schlaflosigkeit, Migräne oder Halsentzündungen, aber auch in der Geburtshilfe zur Unterstützung der Wehen oder beim Opium-Entzug.

Allerdings hielt die Beliebtheit von Marihuana als Arzneimittel nicht lange an. Es gab Schwierigkeiten, was die Sicherstellung der Qualität und die Entwicklung geeigneter Darreichungsformen betraf. Die Wirksamkeit war unzuverlässig, zudem traten Nebenwirkungen auf. So wandte man sich Anfang des 20. Jahrhunderts in der westlichen Medizin zunehmend von Cannabis ab.

Das Interesse an Medizinalhanf nimmt wieder zu

Das Wissen darüber, wie Marihuana wirkt, hat in den vergangenen Jahrzehnten beträchtlich zugenommen. Für seine Wirkung sind hauptsächlich die Bestandteile Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) – die so genannten Cannabinoide – verantwortlich, die im menschlichen Körper ein eigenes Rezeptorsystem ansprechen. Der menschliche Organismus erzeugt auch eine körpereigene Version von Cannabinoiden, die sogenannten Endocannabinoide. Das erklärt, warum Rezeptoren praktisch überall im Körper vorkommen, vor allem jedoch im Gehirn. Es gibt im Wesentlichen zwei Arten von Cannabinoid-Rezeptoren: CB1 und CB2. 

CB1-Rezeptoren befinden sich vorwiegend in den Bereichen des Gehirns und des Rückenmarks, die das Wohlbefinden, das Denk- und Erinnerungsvermögen, das Schmerzempfinden, die Konzentration und die Koordination beeinflussen. Das wichtigste Cannabinoid in Marihuana ist THC. Es wirkt auf die CB1-Rezeptoren und führt die psychoaktiven Wirkungen herbei, die für die Rauschwirkung von Marihuana verantwortlich sind. 

Das andere wirksame Cannabinoid in Marihuana ist CBD. Es wirkt auf die CB2-Rezeptoren, die hauptsächlich an Zellen des Immunsystems vorkommen, zum Beispiel in der Milz, den weißen Blutkörperchen und den Mandeln. CBD ist nicht psychoaktiv und hemmt möglicherweise sogar die psychoaktive Wirkung von THC. 

Mit der Zunahme des Wissens über die medizinischen Wirkungen von Cannabis auf den menschlichen Organismus sind die beiden Hauptwirkstoffe vermehrt ins Interesse der Forschung gerückt. Am häufigsten wird Marihuana bislang durch Rauchen konsumiert, was jedoch mit Atemwegserkrankungen in Verbindung gebracht wird. Heute stehen für medizinisches Cannabis auch andere Darreichungsformen zur Verfügung. In der Pharmaindustrie wird kontinuierlich nach immer effektiveren Möglichkeiten der Verabreichung geforscht, sowohl was die einheitliche Qualität und Wirkung als auch was die Sicherheit anbelangt.

Vielversprechende Ergebnisse aber noch keine gesicherten Erkenntnisse

In den USA sind zwei Cannabinoid-Arzneimittel zugelassen, die gegen Übelkeit und Erbrechen als Nebenwirkungen einer Chemotherapie und bei Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust infolge von AIDS verschrieben werden. Bei beiden handelt es sich um synthetisches THC in Kapseln, das oral eingenommen wird. Ein Mundspray, das THC- und CBD-Extrakte enthält, wurde bereits in 20 europäischen Ländern und Neuseeland für eng eingegrenzte Indikationen zugelassen.

Dennoch sollten aus der Tatsache, dass Marihuana als verschreibungspflichtiges Medikament ein Comeback erlebt, keine falschen Schlüsse gezogen werden. In der aktuellen medizinischen Forschung finden sich für die meisten übrigen klinischen Erkrankungen nur begrenzt Hinweise auf einen Nutzen von Cannabinoiden. Die Forschung zu Marihuana ist bislang begrenzt; gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirksamkeit bei Erkrankungen sind rar. Daher ist es notwendig, in weiteren Studien die verschiedenen Komponenten des Cannabinoid-Rezeptorsystems und die einzelnen Cannabinoide gezielt zu untersuchen. Nur so lässt sich der Nutzen von medizinischem Cannabis für die Gesellschaft als Ganzes bestimmen.

Marihuana hat auch Folgen für Lebens-, Kranken- und Schaden/Unfallversicherung

Medizinisches Marihuana kann auf vielfältige Weise für die unterschiedlichsten Sparten bedeutsam sein. In der Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung sind die langfristigen Auswirkungen auf das Mortalitäts- und Morbiditätsrisiko weiter unklar. Genannt werden jedoch ein erhöhtes Risiko für die Auslösung psychotischer und psychiatrischer Erkrankungen, Gewöhnungs- und Abhängigkeitseffekte sowie das Risiko des Missbrauchs als Ersatz für Betäubungsmittel oder Alkohol. Ein weiteres potenzielles Risiko sind Unfälle infolge kognitiver Beeinträchtigungen und Fahren unter "Drogeneinfluss". Letzteres stellt eine besondere Herausforderung dar, da anders als beim Atem-Alkoholtest derzeit keine verlässlichen Messgeräte auf dem Markt sind, mit denen sich das Fahren unter Einfluss von Cannabis feststellen lässt.

In die Risikoprüfung sollten daher die Grunderkrankung und mögliche Begleiterkrankungen sorgfältig miteinbezogen werden. Rund zwei Drittel der Versicherer stufen Konsumenten, die Marihuana durch Rauchinhalation konsumieren, als Raucher ein. Das hat eine Umfrage auf dem US-Markt ergeben, die 2014 von Munich Re durchgeführt wurde. Allerdings sind die Wirkungen von Tabak weitaus besser erforscht und das relative Risiko des Marihuana-Rauchens ist noch durch umfangreiche Forschungen zu bestimmen. Dennoch gibt es Hinweise auf eine schädigende Wirkung auf die Atemwege. Manche klinische Studien stellen einen Zusammenhang mit Lungenkrebs her, allerdings wird dies uneinheitlich diskutiert. In der Krankenversicherung ist die Frage relevant, für welche Erkrankungen eine Abgabe auf Rezept möglich ist. Hier können sich immer wieder Veränderungen ergeben. Marihuana ist bei keiner Erkrankung die Erstlinientherapie: es gibt also derzeit keine Erkrankung, bei der Marihuana das Medikament der ersten Wahl darstellt. Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass ein beträchtlicher Teil des aus medizinischen Gründen abgegebenen Marihuanas in Wirklichkeit als Rauschmittel dient. Wenn Cannabis künftig auf breiter Basis akzeptiert und eingesetzt wird, könnte es infolge von Missbrauch zu einer vermehrten Inanspruchnahme von Gesundheitseinrichtungen wie Notaufnahmen und Vergiftungszentralen kommen.

Darüber hinaus kann die Schaden- und Unfallversicherung betroffen sein. Zu berücksichtigen sind hier der hohe Wert der Cannabispflanzen sowohl vor als auch nach der Ernte sowie Fragen der Legalität. Anbaubetriebe und weiterverarbeitende Firmen sowie Apotheken benötigen möglicherweise zusätzliche Deckungen. Verschiedenen Berufsgruppen – Ärzten, Produzenten von Medizinalhanf und Apothekern – könnten zusätzliche Haftungsrisiken aus den Bereichen Allgemeinhaftpflicht, Produkthaftpflicht, Produktrückruf und Berufshaftpflicht drohen.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich Marihuana für medizinische Zwecke etablieren wird und die Anwendungen vermutlich eher zunehmen werden. Deshalb müssen der medizinische Nutzen und die gesundheitlichen Risiken dringend näher wissenschaftlich erforscht werden. Die Bedeutung der Droge ist im Wandel begriffen. Jetzt ist die Versicherungswirtschaft gefordert, mit geeigneten Lösungen flexibel darauf zu reagieren.

Sechs Fakten über Marihuana als Medizin

- Bei keiner Erkrankung ist Marihuana die Erstlinientherapie.
- Klinische Forschungen fehlen für die meisten Indikationen, bei denen Marihuana "zugelassen" ist.
- Medizinisches Marihuana ist in verschiedenen Darreichungsformen erhältlich, nicht nur zum Rauchen bzw. Inhalieren.
- Art und Stärke der Wirkung unterscheiden sich, je nachdem, ob Marihuana geraucht oder oral eingenommen wird.
- Der fortschreitende Trend zur Legalisierung von Marihuana für nicht medizinische Zwecke verkompliziert das Bild.
- Die Entwicklungen in diesem Bereich zeigen eine hohe Dynamik; verstärkte Forschung ist notwendig.
Weiterführende Literatur zum Marihuana aus der Underwriting-Perspektive (Englisch)

Munich Re Experten
Gina C. Guzman
Vice President and Chief Medical Director of Munich American Reassurance Company, Atlanta, Georgia
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