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Gesundheitsrisiken

Erhöhte Risiken durch Schönheitsoperationen?

Schönheit boomt. Faltenlos, schlank und wohlgeformt präsentiert unsere Medienwelt das Idealbild des Menschen und weckt den Wunsch nach Perfektion. Ein Wunsch, der der Schönheitsindustrie ein kontinuierliches Wachstum beschert. Von den USA bis nach China steigt in allen Einkommensschichten die Zahl der Kunden, die mehr aus ihrem Körper machen möchten.

20.12.2013

Doch kein Eingriff ohne Risiko: Immer wieder hört man von Komplikationen oder missglückten Operationen, welche die Gesundheit der Patienten in Gefahr bringen. Erst vor kurzem wurde der Gründer eines französischen Herstellers von Brustimplantaten, die mit billigem, nicht für Medizinprodukte zugelassenem Industriesilikon gefüllt waren, zu vier Jahren Haft verurteilt. Doch bergen kosmetische Operationen lebensbedrohliche Risiken? Was würde ein solches Änderungsrisiko für die Lebensversicherer bedeuten? Ein Team um Andreas Armuss und Alban Senn, beides Versicherungsmediziner aus dem Center of Competence Medical Underwriting and Claims Consulting von Munich Re, beobachtet die Branche und ihre besonderen Risiken.

Herausforderungen im Risikomanagement

Der Sektor der kosmetischen Chirurgie ist stark fragmentiert. Die Bandbreite reicht von kleinen Eingriffen bis zu großer Chirurgie. Jeder Eingriff hat somit seine spezifischen Risiken. Doch wie ist der Begriff „kosmetische Chirurgie“ definiert und welche Operationen sind für das Risikomanagement in der Lebensversicherung überhaupt relevant? Für die Risikobetrachtung konzentrieren sich Berger und Armuss auf Eingriffe, für die keine medizinische Indikation vorliegt – das heißt sie werden ausschließlich aufgrund ästhetischer Maßstäbe gemacht – und die nach gewissen Standards von medizinischem Personal durchgeführt werden. Dazu zählen etwa Fettabsaugung, Brustoperationen, Nasenbegradigung oder eine Gesichtsstraffung. Von der Beobachtung ausgeschlossen sind rekonstruktive Operationen, wie Sie nach Krebserkrankungen, Unfällen oder Verbrennungen nötig sein können. Diese Eingriffe finden im Rahmen einer medizinisch indizierten Behandlung statt und das Risiko wird in der Regel von der zugrunde liegenden Erkrankung bestimmt. Ebenfalls nicht berücksichtigt werden kleinere Eingriffe wie eine Botox-Behandlung, Piercings oder Mikroimplantate, da diese sich in einer Grauzone geringer Standardisierung, Dokumentation und Kontrollierbarkeit bewegen und statistisch in der Regel nicht erfasst sind.
Mehr Menschen entscheiden sich für kosmetische Eingriffe. Komplikationen sind nicht unmöglich. Hat dies Auswirkungen auf das Mortalitäts- und Invaliditätsrisiko? © Getty Images/Adam Gault
Neben den allgemeinen Gefahren bei einem operativen Eingriff gehören Verkapselungen des Gewebes und Risse im Implantat zu den größten Risiken bei einer Brustvergrößerung. Rund 15 Prozent der Patienten müssen sich innerhalb von 12 Monaten erneut einem operativen Eingriff unterziehen.

Zahlenmaterial ist Mangelware

Grundlage jeder fundierten Risikobeurteilung ist ausreichendes Zahlenmaterial. Doch leider mangelt es leider an Fakten; im Vergleich zu anderen Eingriffen liegen bei kosmetischen Operationen weit weniger Daten zu negativen Auswirkungen und Komplikationen vor. Denn eine kosmetische Operation ist in der Regel eine Privatangelegenheit und kein Bestandteil des öffentlichen Gesundheitswesens. Bis heute hat noch kaum eine Regierung viel Energie in die Regulation und die Überwachung der medizinischen Schönheitsindustrie investiert. Natürlich versucht die Branche aus eigenem Interesse gewisse Standards durchzusetzen und Komplikationen zu vermeiden, schon um Reputationsschäden vorzubeugen. Brancheninterne Studien konzentrieren sich jedoch meist auf die Frage nach der Zufriedenheit der Klienten und nicht auf Nebenwirkungen und Risiken.

Wachstumsraten von 10 Prozent pro Jahr

Die mangelnde Datenlage hinsichtlich der medizinischen Risiken steht im Kontrast zur großen Zahl an weltweit durchgeführten Operationen: So stieg die Anzahl kosmetischer Eingriffe von 1997 bis 2010 um durchschnittlich 10 Prozent pro Jahr. Die Fachverbände prognostizieren, dass sich dieser Aufwärtstrend fortsetzt. Die zunehmende Nachfrage treibt auch die Entwicklung in diesem hochdynamischen Segment der modernen Medizin an. Beständig werden neue Operationsmethoden entwickelt und eingesetzt, obgleich deren Langzeitfolgen nicht hinreichend erforscht sind.

Kunden kommen aus allen Einkommensschichten

Der größte Markt für Schönheitsoperationen ist Asien, dicht gefolgt von Nordamerika und Europa. Fettabsaugungen und Brustvergrößerungen sind die häufigsten Operationen. Etwa 10 Millionen Frauen weltweit haben bis heute ein Brustimplantat erhalten. Das Klientel stammt mittlerweile aus allen Einkommensschichten. So kostet beispielsweise eine Brustvergrößerung durchschnittlich rund 4.000 Euro, was für viele Menschen inzwischen erschwinglich ist.
Mehr Menschen entscheiden sich für kosmetische Eingriffe. Komplikationen sind nicht unmöglich. Hat dies Auswirkungen auf das Mortalitäts- und Invaliditätsrisiko? © Munich Re
Entwicklung kosmetische Operationen weltweit
Laut „International Survey on Aesthetic Procedures“ ISAPS von 2010 und 2011 wurde zwischen 1997 und 2010 ein durchschnittliches Wachstum bei kosmetischen Operationen von rund 10 Prozent festgestellt. Fachverbände prognostizieren, dass sich dieser Trend fortsetzt.

Mortalitätsrisiko vergleichsweise gering

Der am besten in Studien untersuchte schönheitschirurgische Eingriff ist die Brustoperation. Obgleich diese chirurgisch anspruchsvoll ist und nur in Vollnarkose durchgeführt werden kann, ist die Mortalität gering und vergleichbar mit dem Risiko, bei einer natürlichen Geburt zu versterben. Dies wurde 2006 durch eine große Studie in Kanada bestätigt. Bei 40.000 Frauen, die sich einer Brustvergrößerung aus kosmetischen Gründen unterzogen, wurde keine erhöhte Sterblichkeitsrate im Vergleich mit der allgemeinen Bevölkerung festgestellt.

Weitere Folgen durch kosmetische Operationen

Auch das Brustkrebsrisiko scheint durch eine kosmetische Operation nicht beeinflusst zu werden. Laut einer Studie, die im British Medical Journal im Jahr 2013 publiziert wurde, konnte bei mehreren 10.000 Frauen kein erhöhtes Risiko für Brustkrebs nach einer Brustvergrößerung nachgewiesen werden. Allerdings gibt es noch keine verlässlichen Aussagen dazu, ob Brustimplantate die diagnostische Genauigkeit von Untersuchungen zur Erkennung von Brustkrebs – wie die Mammographie – beeinträchtigen. Das größte Risiko bei einer Brustoperation liegt in einer postoperativen Infektion, die, bei schneller und professioneller Behandlung, in der Regel keine anhaltende Einschränkungen hervorruft. Eine Infektion tritt bei rund zwei bis fünf Prozent der Patienten nach der Operation ein. Etwa acht Prozent der Patienten leiden unter einer Verkapselung im Bindegewebe, die eine erneute Operation erfordert, allerdings ebenfalls keine Auswirkungen auf die Berufsfähigkeit oder Mortalität hat. Das Gleiche gilt für Risse im Implantat. Insgesamt müssen sich rund 15 Prozent der Patienten innerhalb von 12 Monaten nach der ersten Brustvergrößerung erneut auf den OP-Tisch legen. Deshalb ist es anzuraten, einen Lebensversicherungsantrag für ein Jahr nach der Operation zurückzustellen. Dies gilt insbesondere für Invaliditätsabsicherungen. Kritisch hinterfragt werden sollten auch die Fälle, die sich wiederholten oder exzessiven Schönheitsoperativen unterzogen haben. Dies kann zum Beispiel ein Anzeichen für eine gestörte oder sogar krankhafte Körperwahrnehmung sein.

Die weitere Entwicklung erfordert Wachsamkeit im Risikomanagement

„Stand heute sehen wir kein erhöhtes Todesfallrisiko bei Versicherungsnehmern, die sich einer kosmetischen Operation unterziehen. Bei Invaliditätsprodukten ist jedoch in den ersten Monaten nach einem schönheitschirurgischen Eingriff Vorsicht geboten, da die Komplikationsraten nicht unerheblich sind. Dennoch: Die kosmetische Chirurgie hat sich zu einer schnell wachsenden und hochdynamischen Industrie entwickelt. Gleichzeitig sind gesetzliche Mindestanforderungen an Sicherheit und Qualität oft unzureichend und die Langzeitrisiken sind aufgrund fehlender epidemiologischer Studien häufig nicht bekannt. Darum müssen wir die Entwicklungen in diesem Markt im Auge behalten, um Risiken frühzeitig zu erkennen und diese in der Lebensversicherung sicher zu managen“, resümiert Armuss.

Munich Re Experten
Alban Senn
Alban Senn
Head of Section International Claims
Life/Health
Andreas Armuss
ist promovierter Mediziner und Medical Officer im Medical Underwriting und Claims Support von Munich Re.
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