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Brücken

Projekt Nord Stream - Versicherungsschutz aus einem Guss

Um Europa direkt mit den Gasvorkommen in Russland zu verbinden, hat das Nord-Stream-Konsortium eine Pipeline durch die Ostsee verlegt. Die Investitionskosten: 7,4 Milliarden Euro. Die zwei parallelen Rohrstränge reichen vom russischen Vyburg bis nach Greifswald im Nordosten von Deutschland.

12.10.2011

Sie sind jeweils 1.224 Kilometer lang; zusammen können sie pro Jahr 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas transportieren und so 26 Millionen europäische Haushalte mit Strom und Wärme versorgen. Damit handelt es sich um eines der größten je realisierten Offshore-Projekte. Die erste Pipeline geht planmäßig im vierten Quartal 2011 in Betrieb.

Ein technisch so komplexes Projekt birgt zahlreiche Risiken. Für Munich Re bestand die Herausforderung darin, ein tragfähiges Versicherungskonzept über die gesamte Laufzeit zu entwickeln. Dabei mussten die vielfältigen Interessen von Risikomanagern, Banken und Versicherung sowie die Expertise von Brokern und Gutachtern zusammengeführt werden. Das setzte neben einem hohen Maß an Flexibilität auch die Bereitschaft voraus, den Dialog mit den Partnern zu suchen.

Grösstes fakultatives Einzelrisiko für Munich Re

Vor gut zehn Jahren hat Munich Re begonnen, in großem Stil fakultativ Offshore-Bauprojekte zu versichern. Nach dem erfolgreichen Abschluss mehrerer Referenzprojekte wie Blue Stream (im Schwarzen Meer), Greenstream (Mittelmeer) und Dolphin (Persischer Golf) gelang es im Sommer 2008, auch bei Nord Stream mit einem substanziellen Anteil zum Zug zu kommen. Es ist das bislang umfassendste Underwritingprojekt der Offshore-Abteilung und das größte fakultative Einzelrisiko, das Munich Re je in den Büchern hatte.

Für Nord Stream war entscheidend, einen umfassenden und risikoadäquaten Versicherungsschutz über die verschiedenen Phasen der fünfeinhalbjährigen Projektdauer sicherzustellen. In Phase eins stand das Transportrisiko im Mittelpunkt, um die Überführung der Rohre von den diversen Produktionsstätten zu zwei Coating-Werken in Finnland und in Deutschland abzusichern. Statt über eine klassische Transportversicherung erfolgte dies mit Blick auf die folgenden Phasen über eine integrierte Versicherungslösung. Das Risiko wurde daher von Beginn an im Offshore-Energy-Markt gezeichnet.

Minen und alte Munition gefährden das Projekt

Phase zwei umfasste die Bearbeitung in den Coating-Werken. Dort wurden die Rohrsegmente mit Beton ummantelt, der sie widerstandsfähiger gegenüber mechanischen Beschädigungen macht. Eine generalstabsmäßige Planung war nötig, um die mehr als 200.000 Einzelsegmente stets zum richtigen Zeitpunkt anzuliefern. Auch für dieses Risiko erhielt Munich Re den Zuschlag, nachdem zuvor verschiedene Kombinationen von Limiten und Selbstbehalten verhandelt worden waren. Die dritte Phase umfasst das komplexeste Risiko: die eigentliche Verlegung der Pipelines in bis zu 200 Meter Wassertiefe. Treten dort Probleme auf, sind die Kosten hoch, weil nur Spezialschiffe mit besonderer Ausrüstung die Reparaturen ausführen können. Zudem verläuft die Pipeline durch die Wirtschaftszonen mehrerer Ostseeanrainer. Muss der eingeräumte Korridor für Reparaturen überschritten werden, könnten langwierige Verhandlungen die Arbeiten verzögern. Dazu kommt die Gefahr, bei der Verlegung auf Minen bzw. versenkte Munition aus den beiden Weltkriegen zu stoßen, darunter auch auf Granaten mit chemischen Kampfstoffen. Das trotz aller Vorsichtsmaßnahmen bestehende Restrisiko deckt die Police mit.

Laufender Betrieb trotz Bauarbeiten

Auch die eigentlichen Verlegearbeiten sind mit einem hohen Risiko behaftet. Statistisch kommt es etwa alle 1.000 Kilometer zu einem Schaden. Im schlimmsten Fall bricht das Rohr und Seewasser dringt ein. Eine Reparatur am Meeresboden ist nur mittels Überdruckkammern möglich. Bislang kam dieses Verfahren allerdings nur bei dünneren Rohren als bei Nord Stream zum Einsatz. Um die Risiken richtig einschätzen zu können, war neben technischem Knowhow eine ganzheitliche Betrachtung des Risikos notwendig.

In Phase vier geht es darum, den laufenden Betrieb der ersten Pipeline abzusichern, während in unmittelbarer Nähe der zweite Strang verlegt wird. Die Police musste folglich so gestaltet werden, dass sie mögliche Beschädigungen der ersten Pipeline, etwa durch den Anker eines Verlegeschiffs, ebenfalls deckt. Das Projekt Nord Stream soll im vierten Quartal 2012 abgeschlossen sein, wenn der zweite Strang in Betrieb geht. Doch bereits jetzt blicken wir nach vorn. In den kommenden Jahren sind weitere Pipeline-Projekte wie die South-Stream-Verbindung durch das Schwarze Meer geplant, die Versicherungsschutz benötigen.

Munich Re Experten
Thomas Friedrich
Fachexperte und Underwriter für „Offshore Oil and Gas“-Risiken im Referat Facultative Energy
Joachim Wiechers
Senior Underwriter
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