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Erneuerbare Energien

Strom aus der Tiefe Afrikas

Rund um den ostafrikanischen Graben herrschen ideale Bedingungen zur Nutzung von Geothermie. Mit einer neu konzipierten Police sichert Munich Re das Fündigkeitsrisiko ab und trägt dazu bei, dass solche Projekte zur nachhaltigen Stromerzeugung genügend Investoren finden.

30.07.2015

Im Inneren der Erde kocht und brodelt es – wie sehr, davon zeugen Vulkane, Geysire oder heiße Quellen. Je tiefer man zum Erdkern vordringt, wo Temperaturen von rund 5.000 °C herrschen, umso heißer wird es. Dieses gewaltige Energiepotenzial macht sich die Geothermie zunutze. Sie versucht, mit Bohrungen an geeigneten Stellen auf heiße Schichten in der Erdkruste zu stoßen, um die dort vorhandene thermische Energie zu nutzen. In der hydrothermalen Geothermie wird Wasser oder Wasserdampf aus heißen, tiefer liegenden Reservoirs nutzbar gemacht. Großer Vorteil der Geothermie gegenüber anderen erneuerbaren Energiequellen ist die ständige Verfügbarkeit, unabhängig von den Wetterverhältnissen oder von der Tages- und Jahreszeit, sie ist grundlastfähig.
Rund um den ostafrikanischen Graben kann Geothermie genutzt werden. Eine neu konzipierten Police von Munich Re sichert das Fündigkeitsrisiko.
Risikobegrenzung für Geothermieprojekte
Die Erdwärme kann als Grundlastenergie einen wichtigen Beitrag zur Energieversorgung leisten. Für Projektgesellschaften und Investoren ist allerdings die Unsicherheit gerade am Anfang der Bohrphase besonders hoch: Kann das geothermische Reservoir nicht in ausreichender Quantität erschlossen werden, wird das Projekt zumeist eingestellt und die Investi­tionen gehen verloren. Dementsprechend schwierig gestaltet sich die Finanzierung von Geothermieprojekten. Mit der Multi-Well-Exploration Risk Insurance bietet Munich Re eine Absicherung gegen das Fündigkeitsrisiko und trägt dazu bei, ehrgeizige Projekte zu realisieren. Die Lösung von Munich Re hat Vorteile für Investoren und Betreiber: Für die Geldgeber werden Investitionen in hydrothermale Tiefengeothermieprojekte damit beträchtlich sicherer, planbarer und attraktiver. Gleicher­maßen erhöht sich die Planungs­sicherheit für die Betreiber. Zudem fällt es ihnen leichter, Investoren von der Machbarkeit und Realisierung ambi­tionierter Projekte zu überzeugen. Munich Re trägt als technisch erfahrener und finanzkräftiger Partner das Risiko der Nichtfündigkeit.

Das Risiko: Fehlbohrungen


Den Vorteilen steht der anfänglich hohe Investitionsbedarf für Bohrungen gegenüber. Dieser rechnet sich nur, wenn man tatsächlich auf ausreichend heiße und ergiebige Wasserreservoirs stößt. Andernfalls können die Anlagen nicht die erwartete Leistung bringen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass das Risiko von Fehlbohrungen nicht zu unterschätzen ist. Projektbetreiber und Investoren müssen immer damit rechnen, dass sie eine Geothermie-Anlage trotz kostspieliger Vor­arbeiten nicht wirtschaftlich betreiben können. Munich Re tritt seit Langem für erneuerbare Energien als kohlendioxidfreie Alternative zu fossilen Brennstoffen ein und begleitet seit 2004 Geothermieprojekte als Versicherer; nun haben wir innovative ­Ver­sicherungslösungen für die Tiefengeothermie ­entwickelt. Mit einem neuen, in Kenia versicherten Projekt ­(Akiira) erweitern wir unser Portfolio auf den sogenannten Hochenthalpie-Bereich, bei dem die Stromgewinnung im Vordergrund steht. Hier wird der aus der Tiefe geförderte heiße Wasserdampf genutzt, um eine Turbine zur Stromerzeugung anzutreiben. Dafür sind Wasservorkommen mit hohen Temperaturen nötig; im Idealfall hat das Wasser mehrere 100 °C. Das weltweit heißeste geothermische Vorkommen mit einer Temperatur von 420 °C ist im Toskana-Ort Larderello zu finden, wo der Dampf schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts genutzt wird. Diese Vorkommen finden sich vorzugsweise in tektonisch aktiven Gebieten, etwa entlang des pazifischen Ring of Fire (siehe auch Weltkarte oben), in Mexiko, Südostasien, der Türkei oder im Bereich des ostafrikanischen Grabenbruchs. Dort befinden sich die Reservoirs bereits in moderaten Tiefen von 1.500 bis 3.000 Metern, sodass man mit geringerem Aufwand auf wirtschaftlich nutzbare Vorkommen stößt. Im weltweiten Durchschnitt hingegen nimmt die Temperatur ausgehend von der Erdoberfläche lediglich um durchschnittlich etwa 3 °C pro 100 Meter zu, sodass man meist mehr als 4.000 Meter in die Tiefe bohren muss, um wirtschaftlich nutzbare Reservoire zu finden.

Versichert wird eine Mindestausbeute

Bei dem kenianischen Projekt verfolgt Munich Re mit einer Multiple-Well-Exploration Risk Insurance ein neues Deckungs­konzept: Statt wie in Niedrig­enthal­pie­-Regionen wie Deutschland bestehen hier Projekte nicht aus einer Dublette zweier Bohrungen, sondern aus einem Portfolio von vielen Produktions- und Injektionsbohrungen. Entsprechend versichert Munich Re die energetische Mindestleistung eines gesamten Portfolios von Bohrungen in mehreren Projektphasen. Für jede dieser Phasen werden zwischen Munich Re und dem Projekt Erfolgsparameter festgelegt, bei denen es entweder wegen mangelnden Erfolgs abgebrochen und entsprechend eine Ver­sicherungs­leistung fällig wird oder aufgrund der erfolgreichen Resultate in die nächste Phase geht. Durch diese ­Phasen entstehen ein enger Austausch sowie ein Interessengleichklang zwischen Projekt und Munich Re. ­Dieses Konzept hat für beide Seiden Vorteile. Der Risikoausgleich über frühere riskantere und spätere nicht ganz so risikoreiche Phasen macht das Vorhaben erst versicherbar, und die Investoren erhalten eine umfassende Absicherungslösung für die gesamte Projektlaufzeit. Auch die Option eines frühen Ausstiegs bei Erfolglosigkeit ist im Interesse beider ­Parteien, da das finanzielle Verlustrisiko auch der ­Investoren so stärker begrenzt wird. In Kenia sind beispielsweise insgesamt acht Löcher versichert, wobei jeweils zwei bzw. vier zu einer Phase zusammengefasst wurden. Die jeweilige Phase gilt als erfolgreich, wenn der energetische Output aus allen bisherigen Bohrlöchern zusammen im Durchschnitt die vertraglich vereinbarte Mindestleistung erreicht. So können weniger erfolgreiche Bohrungen durch besser produzierende ausgeglichen werden. Bleiben die Bohrungen hinter der vertrag­lichen Mindestleistung zurück, werden von den Projektbeteiligten und Munich Re gemeinsam mögliche sinnvolle Stimulationsmaßnahmen (siehe Abb. Seite 26). zur Sicherstellung des Erfolgs der jeweiligen Bohrung bzw. Phase eruiert und gegebenenfalls durchgeführt. Erreicht die Durchschnittsleistung zumindest das Minimum, wird die nächste Phase in Angriff genommen. Am Ende der acht Bohrungen wird die gesamte Leistung aufsummiert und mit dem in der Police ­vereinbarten Gesamtziel verglichen. Erst dann ist das Projekt tatsächlich erfolgreich abgeschlossen. Sowohl Munich Re als auch der Versicherungsnehmer hat ein Interesse daran, dass die vereinbarten Bohrungen zum erwünschten Ergebnis führen. Bleibt jedoch in der Anfangsphase trotz aller Stimulationsmaßnahmen der Erfolg aus, besteht eine Ausstiegsoption. Denn wird bereits bei den ersten Bohrlöchern die energetische Mindestausbeute nicht erreicht, ist das ein starker Indikator dafür, dass das Projekt insgesamt die Erwartungen verfehlen wird. Würde man unter diesen Voraussetzungen weitermachen, kämen auf alle Parteien hohe Kosten zu, die man eigentlich vermeiden möchte. Auf der anderen Seite besteht die Möglichkeit einer teilweisen Prämienrückerstattung, wenn das Projekt erfolgreicher wird als angenommen. Die Prämienkalkulation erfolgt individuell für jedes Vorhaben. Ausgangspunkt ist die Risikoeinschätzung des Projektbetreibers, die wir mit unseren eigenen Annahmen abgleichen, gegebenenfalls modifizieren und in ein Pricingmodell übertragen. Dabei wird eine Vielzahl von Parametern berücksichtigt, unter anderem die geologischen Verhältnisse in der Region, Daten von Nachbarfeldern und bereits existierenden Bohrungen sowie die speziellen Wünsche des Ver­sicherungsnehmers.   Unsere Risikoanalyse und die darauf aufbauende Fündigkeitsversicherung leisten einen wichtigen Beitrag, die technische und wirtschaftliche Solidität des Projekts nachzuweisen und damit die Finanzierbarkeit sicherzustellen. Häufig ist es erst mit einer Ver­sicherung gegen erfolglose Bohrungen möglich, bereits in der Planungsphase private Investoren oder Kapitalgeber für ein Geothermievorhaben zu gewinnen. Dabei sichert die Fündigkeitsversicherung lediglich eine Untergrenze der energetischen Ausbeute ab, die notwendig ist, um überhaupt ein Kraftwerk zu betreiben. Das Risiko, dass die Anlage im späteren Betrieb nicht die erwartete Wirtschaftlichkeit erreicht, die die Investoren oder Kreditgeber für ihre Renditeerwartung herangezogen haben, wird dagegen nicht versichert.

Kenia setzt verstärkt auf Geothermie

Beim versicherten kenianischen Projekt stehen die Chancen gut, das Ziel einer Kraftwerksleistung von 70 Megawatt Strom bis Ende 2018 zu realisieren. Am benachbarten, wenige Kilometer entfernten Olkaria-Feld sind bereits 500 Megawatt aus Geothermievorhaben installiert. Geologen bescheinigen der Region um den ostafrikanischen Grabenbruch ein hohes Potenzial für die Nutzung von Erdwärme. In Kenia forciert die Regierung den Ausbau von Geothermieprojekten, um den wachsenden Strombedarf zu decken. Nach Angaben der staatlichen Stromgesellschaft hat das steigende Angebot die Strompreise für private und gewerbliche Kunden seit August 2014 um mehr als 30 Prozent gedrückt (Quelle: Weltbank). Das ­aktuelle Projekt wird von lokalen und internationalen ­Firmen finanziert, die zudem Fördergelder, unter anderem von der KfW, bekommen.

Fondsmodell in Mexiko

Das jetzige Modell, bei dem mithilfe entsprechender Versicherungen frühzeitig Geldgeber mit ins Boot geholt werden, wird auch jenseits von Kenia Schule machen. In Mexiko beispielsweise hat Munich Re mit dem Energieministerium, der Entwicklungsbank NAFIN und der Inter-American Development Bank ein Programm aufgelegt, das einen ähnlichen Ansatz verfolgt. Der Unterschied besteht darin, dass die Fündigkeitsversicherung von Munich Re zu einem für Projektentwickler einzigartigen Gesamtpaket komplementiert wird:

  1. Ein Risikofonds aus Fördermitteln der Inter-American Development Bank und des Clean Technology Funds übernimmt die Haftung für die ersten kommerziell nicht versicherbaren Erkundungsbohrungen. Die Haftung für die Folgebohrungen übernimmt Munich Re.
  2. Ein Prämiensubventionsfonds aus Mitteln des Energieministeriums teilsubventioniert die Versicherungskosten für diese Erkundungsbohrungen.
  3. Die Entwicklungsbank NAFIN sichert den Projekten ein zinsgünstiges Darlehensfinanzierungs­paket für alle Projektphasen zu, das so nicht durch kommerzielle Banken dargestellt werden könnte.

Von einer solchen Public Private Partnership profitieren letztlich alle Beteiligten, denn damit wird den Investoren ein „schlüsselfertiges“ und attraktives, umfassendes Haftungs- und Finanzierungspaket bereitgestellt; andererseits werden Geothermieprojekte in unerschlossenen Gebieten so überhaupt erst ­möglich.

Munich Re Experten
Matthias Tönnis
Matthias Tönnis
Technical Underwriter, Geologist
Stephan Jacob
ist Underwriter im Bereich Special and Financial Risks und hat die Geothermie-Aktivitäten von Munich Re ­intensiv begleitet.
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