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Erneuerbare Energien

Plan B für die Energiewende

Hohe Erwartungen, viele Widerstände – die Energiewende kommt derzeit kaum vom Fleck. Es fehlt eine systematische europäische Energiepolitik. Ein Kommentar von Dr. Torsten Jeworrek.

06.08.2012

Zum ersten Geburtstag der Energiewende in Deutschland häufen sich negative Schlagzeilen: Insolvenzen von Photovoltaikherstellern, Probleme bei Offshore‐Wind, Verzögerung beim Netzausbau, steigende Preise und zunehmende Bürgerproteste gegen Stromtrassen oder Windräder. Es scheint, als sollte die Energiewende alles zugleich bewirken: schadstofffreie, kostengünstige Energie, ohne Atomkraft, erzeugt am besten vor Ort und mit Hilfe heimischer Technologie – aber bitte nicht vor der eigenen Haustür. Wir sind dabei, die Energiewende zu überfrachten. Mit dem Ausstieg aus der Kernenergie haben wir in einem breiten gesellschaftlichen Konsens Fakten geschaffen. Darüber hinaus wollen wir loskommen von fossilen Trägern, um die Klimaziele zu erfüllen.

Die Jahrhundertaufgabe erfordert eine Jahrhundertanstrengung. Für Kleinstaaterei ist sie viel zu groß.
Dr. Torsten Jeworrek
Mitglied des Vorstands und CEO Rückversicherung

Es ist an der Zeit, dass wir die Maßnahmen der Energiepolitik hinterfragen und neu ausrichten. So werden die weiter wachsende globale Energienachfrage und ein unsicheres Angebot bei Öl und Gas vermutlich für dauerhaft steigende Preise sorgen. Das große Ziel der Energiepolitik muss deshalb sein, das Wirtschaftswachstum von der Verbrennung fossiler Energieträger zu entkoppeln, um die Zukunftsfähigkeit unseres Wirtschaftstandorts zu sichern. Außerdem tragen wir damit zum Kampf gegen die Erderwärmung bei. Aus diesen Gründen stellt der Umbau der Energieversorgung auf erneuerbare Träger die herausragende Aufgabe dieses Jahrhunderts dar.

Zwar ist es unstrittig, dass der Staat hierfür Impulse setzen muss, denn die neuen Technologien sind häufig noch nicht konkurrenzfähig. Das sehen bereits 109 Länder so und haben Anreizsysteme geschaffen. Doch der größte Hebel bleibt der Markt: Wettbewerb, Skaleneffekte und technischer Fortschritt verbilligen die Technologien zusehends. Um Überförderung und Fehlallokationen zu vermeiden, sollten Subventionen einerseits nach einem streng ökonomischen Ansatz gestaltet werden und die rasche Marktfähigkeit einer Technologie zum Ziel haben. Auch innerhalb von Fördersystemen ist dem Wettbewerb so viel Raum wie möglich zu lassen: Statt Standorte oder Technologien sollen Ziele gefördert werden: erzeugte Strommenge, Verfügbarkeit oder Regelbarkeit – also etwa die Fähigkeit, Sonnenstrom auch bei Nacht zu erzeugen. Dies würde dann stärker auf länderübergreifend sinnvolle Vorhaben abzielen – nämlich die geeignetste Technologie für den besten Standort.

Investoren brauchen verlässliche Rahmenbedingungen

Jedoch: Subventionen wirken nur, wenn sie verlässlich sind. In den letzten Jahren wurden in einzelnen Ländern Europas Instrumente immer wieder kurzfristig geändert, manchmal nach Kassenlage. Das erzeugt Unsicherheit und stellt eines der größten Hemmnisse für Investoren dar. Dabei wäre genau das die Aufgabe der Politik: durch langfristige und weiträumige Bedingungen attraktive Investitionsbedingungen herzustellen. Nicht aufeinander abgestimmte nationale oder gar regionale Förderkonzepte konkurrieren heute um Investitionen. Ein ökonomisch optimaler Energieumbau bedeutet zwingend, dass ein über den nationalen Rahmen hinausgehender Ansatz gefunden werden muss. Unnötiger Mehraufwand für Investoren könnte dadurch ebenso vermieden werden wie national zwar gewünschte, gesamtökonomisch aber unsinnige Projekte.

Investitionen in sich entwickelnden Märkten bergen enorme Risiken. Eine Beteiligung der Weltbank oder anderer Entwicklungsbanken bei den Finanzierungsmechanismen hat sich bewährt, um Investitionen auch in weniger stabilem Umfeld auszulösen. Trotz allem bringen neue Technologien auch neuartige Risiken mit sich: Hält die Technik, was sie verspricht? Bläst der Wind wie prognostiziert? Hier kann die private Versicherungswirtschaft für mehr Sicherheit sorgen, indem sie einen Teil dieser Risiken übernimmt. Munich Re hat innovative Lösungen entwickelt wie die Leistungsgarantie‐Deckung für Photovoltaik‐Hersteller oder die Fündigkeitsversicherung bei Geothermie.

Die Jahrhundertaufgabe erfordert eine Jahrhundertanstrengung. Für Kleinstaaterei ist sie viel zu groß, aber gerade nach den Erfahrungen mit den UN‐Klimaverhandlungen wäre es illusorisch, eine globale Energiepolitik zu erwarten.

Eine europäische Energiepolitik

Daher sollten wir zunächst konsequent auf Europa setzen. Es ist nicht nachzuvollziehen, wieso der Personen‐, der Waren‐, der Dienstleistungs‐ und der Kapitalverkehr in der EU frei von jeder Beschränkung, die Stromübertragungskapazität zwischen den Ländern aber oft politisch gewollt begrenzt ist. Steuergelder werden verschwendet, wenn wir Solarstrom von deutschen Scheunendächern auf Dauer mit Milliarden subventionieren, mit jedem investierten € in Südspanien aber doppelt so viel Energie ernten könnten. Und es trägt wenig zur gesellschaftlichen Akzeptanz bei, wenn in deutschen Kommunen um die letzten möglichen Windstandorte gerungen wird, aber an der französischen oder der griechischen Küste trotz exzellenter Windbedingungen bisher kaum Windräder stehen.

Ich halte dreierlei für notwendig: Die EU muss erstens die Kompetenz für den übergeordneten Teil der Energiepolitik erhalten, um den Strommarkt zu öffnen, damit die erforderlichen Investitionen dorthin fließen, wo sie ökonomisch am sinnvollsten sind. Dafür wird – zweitens – ein neuer, ausschließlich EU‐weiter Fördermechanismus benötigt, der dazu führt, dass sich effiziente Standorte und Technologien durchsetzen und Fehlallokationen vermieden werden. Damit ein solches europäisches Stromsystem funktioniert, müssen – drittens – leistungsstarke Netze geschaffen werden, perspektivisch mit einer Öffnung in Nachbarregionen.

Vorhaben wie das Wüstenstromprojekt Desertec weisen in diese Richtung. Das Faszinierende daran ist nicht, dass hier in großem Umfang Strom aus der Sonne oder aus Wind gewonnen wird, sondern dass er dort anfällt, wo dies am effizientesten möglich ist, und dorthin fließt, wo er benötigt wird. Von solchen Leuchttürmen brauchen wir mehr, und das sollte die EU gezielt unterstützen. Hier sind Visionen gefragt und Mut! Könnten Norwegens Pumpspeicherwerke nicht zum Akku Europas werden? Und Frankreichs, Englands und Irlands Atlantikküsten zum Generator? Wenn wir solchen Mut aufbringen und die Kleinstaaterei Europas überwinden, ist das zum Vorteil aller. So wird die Vielfalt des Kontinents für den Energieumbau zu einem unschätzbaren Standortvorteil für eine sichere, klimafreundliche, ökonomisch sinnvolle und gesellschaftlich akzeptierte Energieversorgung. Außerdem: Solche Projekte, die Investitionscharakter tragen, sind im Kontext der Staatsschulden‐und Finanzkrise eine kluge europäische Wachstumspolitik.

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