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Wirtschaft

Disruption oder Evolution?

Die Versicherungsbranche ist im Wandel. Joachim Wenning, CEO von Munich Re, sprach mit Andy Rear, Chief Executive von Digital Partners (DP) und John-Paul Pieper, CEO von nexible, über künftige Trends. Beide treiben Innovation, wenn auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln: DP als Partner von Disruptoren, nexible als erster rein digitaler Versicherer Deutschlands. Welche Rolle spielen Start-ups? Wie können beide Seiten profitieren, wenn sich Start-ups und etablierte Versicherer zusammentun, um gemeinsam die Zukunft der Versicherung zu gestalten?

13.10.2017

Wenning 
Kein Zweifel: Unsere Branche befindet sich im Wandel. Wir erleben tief greifende, sogar disruptive Veränderungen. Wo stehen wir in ein paar Jahren? Werden InsurTechs Erfolg haben?

Pieper
Für Unternehmen ist heute vor allem eines wichtig: sie müssen sich anpassen können. Die Welt um uns herum verändert sich rasant – viel schneller als noch vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren. Wer die Chance verpasst, sich weiterzuentwickeln, verliert schnell den Anschluss.

Rear
Aus meiner Sicht entwickelt sich die Versicherungsbranche evolutionär weiter. Ich erwarte nicht, dass plötzlich ein digitaler Anbieter à la Google auf dem Versicherungsmarkt auftritt und alles niederwalzt.

Wenning
Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass der Wandel in der Versicherungswirtschaft durch die Branche selbst herbeigeführt wird. Wir werden neue Technologien und Daten nutzen und sämtliche digitalen Möglichkeiten ausschöpfen, um den Kunden innovative Lösungen zu bieten. Versicherer, denen das gelingt, werden auf der Gewinnerseite stehen – und erfolgreicher sein als die Start-ups.

Zugegeben, Start-ups haben wichtige Vorteile: Sie können sich voll und ganz auf ein Ziel konzentrieren und müssen nicht mehrere Geschäftsfelder im Blick haben. Sie arbeiten in einem eingeschworenen Team. Und sie haben nichts zu verlieren. Ein wesentlicher Nachteil ist, dass sie keine Marke, keine Finanzkraft und – zumindest am Anfang – auch keine Kunden haben. Das sind alles Dinge, die im Markt Vertrauen schaffen, und die sie sich erst erarbeiten müssen.

 

© Munich Re
Aus meiner Sicht entwickelt sich die Versicherungsbranche evolutionär weiter. Ich erwarte nicht, dass plötzlich ein digitaler Anbieter à la Google auf dem Versicherungsmarkt auftritt und alles niederwalzt. 
Andy Rear
Chief Executive von Digital Partners (DP)

Rear
Zum Thema Marke möchte ich Folgendes sagen: Erstens haben nur wenige Versicherer eine wirklich starke Verbrauchermarke, und zweitens: Häufig entscheidet gar nicht die Marke, sondern der Preis. Wer zum Beispiel in Internet-Portalen britische Kfz-Versicherungen vergleicht, stellt fest: Die meisten Produkte werden nicht unter dem Namen des Versicherers angeboten, sondern unter der Marke einer Bank oder eines Supermarkts etc. Häufig steht hinter den drei günstigsten Angeboten sogar der gleiche Versicherer. Der vertreibt aber lieber unter anderem Namen, weil der eigene nicht zugkräftig genug ist. Neben dem Preis ist auch die Kundenerfahrung entscheidend. Wahrscheinlich werden viele neue Anbieter, die eine hervorragende Kundenerfahrung aufbauen, von etablierten Marktteilnehmern aufgekauft, denen das nicht gelungen ist. Davon profitieren dann beide Seiten.

Wenning 
All diese Veränderungen passieren aber nicht von heute auf morgen. Schließlich macht ein Versicherer seinen Kunden nicht tagtäglich neue Angebote, wie zum Beispiel Amazon. Unsere Versprechen sind langfristig. Es wird also einige Zeit dauern, bis die Auswirkungen des Wandels sichtbar sind. Die Start-ups müssen Geduld haben, bis sich ihre Ideen in der Realität niederschlagen. Und der Versicherungswirtschaft bleibt mehr Zeit für Innovation als manchmal angenommen.

Pieper 
Diese Langfristigkeit wirkt sich auch auf die Marke aus: Sonderlich attraktiv und aufregend ist die Marke eines Versicherer zwar nicht – aber sie ist verknüpft mit der Erwartung, dass der Anbieter seine Versprechen einhält. Gerade in der Lebensversicherung muss man sich auf solche Zusagen verlassen können. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber nicht alle Marken transportieren diese Botschaft.

Rear 
Bisher arbeitet die große Mehrheit der InsurTechs nach dem MGA-Modell. Das heißt, sie zeichnen die Risiken nicht auf eigene Rechnung, sondern verlassen sich auf ihren Risikoträger und seine Erfahrung mit dem langfristigen Geschäft. Die Sache wird sehr viel komplizierter, wenn man selbst einen Risikoträger mit Kapital ausstattet und Risiken auf die eigene Bilanz nimmt.

© Munich Re
Im Gegensatz zu anderen Start-ups tritt nexible als rein digitaler Anbieter auf. Das heißt: Es läuft nichts über Telefon, weder beim Vertrieb noch bei der Schadenbearbeitung für unsere Kunden.Damit das funktioniert, muss die Online-Abwicklung einfach und übersichtlich sein – genau das erwarten die digitalen Kunden.
John-Paul Pieper
CEO von nexible

Pieper
Einige der wichtigsten Investoren außerhalb der Versicherungswirtschaft können das nur schwer nachvollziehen: Als Versicherer muss man langfristig denken. Das ist man im Silicon Valley nicht gewohnt.

Wenning 
Die Start-ups scheinen sehr optimistisch zu sein, was ihren künftigen Erfolg, die Zahl der Kunden, Sparten und Produkte sowie die Möglichkeiten für Cross Selling angeht. Sehen Sie das auch so?

Rear
Ja. Das liegt in der Natur von Venture Capital. Wenn Sie als Investor Wagniskapital zur Verfügung stellen, lassen Sie es ganz bewusst darauf ankommen: Ein bestimmter Prozentsatz der Vorhaben, in die Sie investieren, wird unweigerlich scheitern. Das nehmen Sie in Kauf, denn es liegt in der Natur des Geschäfts. Start-ups, die um Investoren werben, malen grundsätzlich ein sehr rosiges Bild. Sie präsentieren ausschließlich die Upside – deshalb können sie so optimistisch sein. So funktioniert dieses Spiel.

Pieper 
Wer Kapital auftreiben will, muss forsch und selbstsicher auftreten. Allerdings darf man nicht vergessen:  Viele Anleger, insbesondere im Silicon Valley, investieren nach wie vor auf gut Glück. Die besten Investoren glauben nicht unbedingt an ein bestimmtes Vorhaben. Sie streuen ihr Kapital in der Hoffnung, dass einmal ein so genanntes Einhorn dabei ist, ein neues Facebook, das ein Vielfaches dessen abwirft, was sie bisher aufs Spiel gesetzt haben.

Wie können Start-ups und etablierte Versicherer gemeinsam die Zukunft der Versicherung gestalten? (in Englisch)

Wenning
Sprechen wir über den Business Case von nexible. Strategisch ist nexible eine Ergänzung zur nicht-digitalen ERGO Strategie: Damit gelingt es, sowohl digitale als auch nicht digitale Kunden anzusprechen. Ich gehe davon aus, dass ERGO mit nexible Kunden gewinnt, die man bisher nicht erreicht hat.

Pieper
Im Gegensatz zu anderen Start-ups tritt nexible als rein digitaler Anbieter auf. Das heißt: Es läuft nichts über Telefon, weder beim Vertrieb noch bei der Schadenbearbeitung für unsere Kunden. Damit das funktioniert, muss die Online-Abwicklung einfach und übersichtlich sein – genau das erwarten die digitalen Kunden. Mit nexible wollen wir die Grenzen der Digitalisierung in der Versicherung erweitern und die Möglichkeiten ausloten, unsere digitalen Kunden bestmöglich zu betreuen. Aktuell laufen allerdings immer noch rund 80 Prozent des Vertriebs über traditionelle Vertriebswege.

© Munich Re
Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass der Wandel in der Versicherungswirtschaft durch die Branche selbst herbeigeführt wird. Wir werden neue Technologien und Daten nutzen und sämtliche digitalen Möglichkeiten ausschöpfen, um den Kunden innovative Lösungen zu bieten.
Joachim Wenning
CEO Munich Re

Wenning
Die werden von ERGO dann auf klassische Weise abgedeckt. In Deutschland ist nexible der erste rein digitale Versicherer, richtig? Also führt nexible den Markt an. Ich gehe davon aus, dass Sie diese Führung verteidigen und sich nicht von einem Wettbewerber überholen lassen. Ich erwarte auch, dass der Business Case profitabel ist. Und schließlich muss das Geschäftsmodell von nexible auf Wachstum ausgelegt sein. 

Pieper 
Das ist der Fall. Bisher sind neue Anbieter immer Kompromisse eingegangen und nutzen z. B. Call Center oder Makler. Wir haben uns entschieden, endlich Nägel mit Köpfen zu machen, selbst wenn wir unterwegs nachjustieren müssen. Unser Unternehmen setzt auf fortlaufende Automatisierung und skalierbare Ressourcen. Als Spin-off sind wir bereits Teil einer weltweit agierenden Gruppe. ERGO deckt über 30 Länder ab, mit Munich Re (Gruppe) sind es noch mehr. Diese vorhandene Infrastruktur können wir nutzen. Mit unserem Geschäftsmodell können wir in den verschiedenen Ländern auf bestehende Risikoträger zurückgreifen oder beim Eintritt in neue Märkte unseren eigenen Risikoträger einsetzen. Ich bin mir sicher: In unserer Zusammenarbeit mit ERGO und Munich Re steckt noch viel Potenzial.

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