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Wirtschaft

Die neue „Seidenstraße“ – Schub für den internationalen Handel?

Es klingt faszinierend und gigantisch zugleich: das Projekt der neuen Seidenstraße. Unter dem offiziellen Projektnamen „One Belt, One Road“ plant China, Europa wieder stärker an Asien anzubinden und auch den Handel mit Afrika zu stärken. Es ist eine Art Seidenstraße der Moderne, für die mit hohen Milliardensummen Eisenbahnlinien, Pipelines und Häfen ausgebaut werden. Sie könnte dem internationalen Handel und damit auch dem Versicherungsmarkt neue Impulse verleihen.

12.05.2017
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Angeschoben hat die Seidenstraßeninitiative der chinesische Präsident Xi Jinping 2013. Vorrangiges Ziel ist es, die Zusammenarbeit mit den Ländern Eurasiens entlang der historischen Seidenstraße weiterzuentwickeln und damit den chinesischen Außenhandel zu befördern. Xi hatte zugleich klar gemacht, dass sich die neue Initiative nicht nur an die zentralasiatischen Staaten richtet, sondern bis nach Europa reichen soll. Über Seeverbindungen wird auch Afrika angebunden.

Diese Idee der Öffnung gen Westen ist nicht ganz neu. So eröffnete China schon 2011 nach jahrelangem Bau eine Zugstrecke von Chongqing nach Europa. Seitdem ist die Frequenz der verkehrenden Frachtzüge rasant gestiegen. 2015 wurden bereits 815 Güterzüge auf der Strecke zwischen China und Europa eingesetzt, was im Jahresvergleich einen Zuwachs von 165 Prozent entspricht.

Engere Handelsbeziehungen und Ausbau der Infrastruktur im Mittelpunkt

Chinas Projekt „One Belt, One Road“ ist die Seidenstraße der Moderne. Eisenbahnen, Pipelines und Häfen sollen ausgebaut werden, um den Handel zu fördern. © dpa Picture Alliance / Lv Bin
Zentrale Bestandteile der Seidenstraßeninitiative sind neben dem verstärkten politischen Dialog und dem kulturellen Austausch engere Handelsbeziehungen sowie der Ausbau der Infrastruktur. Er erstreckt sich nicht nur auf das Straßen- und Schienennetz, sondern auch auf das Stromnetz und die Pipelineverbindungen. Dieser Ausbau – eines der größten Infrastrukturprojekte im asiatischen Raum – genießt höchste Priorität in Chinas Außen- und Handelspolitik. 

Im Zuge des Vorhabens „One Belt, One Road“ soll ähnlich dem alten Netz aus Karawanenstraßen eine neue Seidenstraße errichtet werden. An diese Handelsrouten sollen letztlich 65 Länder und Territorien angebunden sein, die etwa ein Drittel des weltweiten Bruttoinlandsprodukts umfassen. Dabei sind nicht nur Verbindungen zwischen Nationen über Land – one belt – sondern auch über Wasserstraßen – one road – inbegriffen. Die einzelnen Stränge sollen durch Verbindungskorridore miteinander verknüpft werden. 

Die chinesische Führung hat dazu 2014 einen „Silk Road Fund“ aufgelegt und mit 40 Milliarden US-Dollar ausgestattet. Daneben wird das Projekt auch über die Asiatische Infrastruktur-Investmentbank AIIB und die BRICS Development Bank finanziert. Auch die involvierten Länder werden einen Beitrag leisten. So haben China und Weißrussland z.B. Projekte im Wert von umgerechnet knapp 14 Milliarden US-Dollar vereinbart. China hilft auch bei der Finanzierung einer Eisenbahnverbindung zwischen Ungarn und Serbien. Die gesamten Kosten für das Projekt „One Belt, One Road“ werden auf 900 bis 1.100 Mrd. US-Dollar geschätzt.

Initiative soll internationalen Handel ankurbeln

Die Ambitionen, die China mit dem Projekt verfolgt, sind enorm. Neben der Entwicklung der Infrastruktur in den Ländern entlang der Land- und Wasserwege stehen die Stärkung der Auslandsinvestitionen und der vermehrte internationale Einsatz des Renminbi im Fokus. Außerdem will man das Wirtschaftswachstum und in großen Stil den internationalen Handel ankurbeln. Chinas Position als Handelsmacht würde gestärkt. 

Nach Angaben des chinesischen Handelsministerium belief sich der Waren- und Dienstleistungsverkehr mit den Ländern entlang der „One Belt, One Road“-Route 2015 auf 995 Milliarden US-Dollar und damit auf ein Viertel des chinesischen Handelsvolumens. Innerhalb einer Dekade soll sich der bilaterale Handel auf mehr als 2,5 Billionen US-Dollar erhöhen. 

Auch für Europa eröffnet die Seidenstraßeninitiative Chancen: Der Ausbau der Infrastruktur in Eurasien erschließt neue Wachstumsmärkte und senkt die Transportkosten für den Handel. Zudem könnten nicht nur chinesische, sondern auch europäische Unternehmen Großaufträge erhalten. 

Den Chancen stehen auch Risiken gegenüber. Die Ratingagentur Fitch warnt, dass die Kreditwürdigkeit vieler Länder, durch die die neue Seidenstraße verläuft, als extrem niedrig eingestuft wird. Darunter befinden sich Krisengebiete wie Afghanistan, Irak, Jemen und Syrien, aber auch Laos, Tadschikistan, Kirgisien, Armenien und viele andere. Die Risiken für chinesische Banken, die Teilprojekte finanzieren, erhöhen sich gemäß Fitch dadurch gewaltig. 

Die komplette Realisierung des Projekts liegt natürlich schon wegen des Umfangs in weiter Ferne. Allerdings: Die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, die Transpazifische Partnerschaft (TPP) aufkündigen zu wollen, könnte „One Belt, One Road“ einen neuen Schub verleihen. Es könnte zur Verständigung zwischen China und anderen südostasiatischen Staaten, die Schlüsselfiguren auf dem maritimen Teil der Seidenstraße sind, beitragen.

Während sich die USA damit für einen Schritt in Richtung Protektionismus entscheiden, versucht sich China zum Vorreiter und Förderer der Globalisierung und des liberalen Welthandels aufzuschwingen. Eine Entwicklung, die durchaus vielen Versicherungssparten zugutekommen könnte. Die mehr als 60 Länder mit zusammen 4,4 Milliarden Einwohnern, die über Land- und Wasserwege angebunden sein sollen, sind zum großen Teil Wachstumsmärkte mit hohem Wirtschaftspotenzial. Dies kann sowohl den chinesischen als auch die anderen betroffenen Versicherungsmärkte auf eine neue Basis stellen - insbesondere auch die Transportversicherung.

Chinas Projekt „One Belt, One Road“ ist die Seidenstraße der Moderne. Eisenbahnen, Pipelines und Häfen sollen ausgebaut werden, um den Handel zu fördern. © Munich Re
Die neue Seidenstraße: Impulse für den Handel
„Chinas Projekt „One Belt, One Road“ ist die Seidenstraße der Moderne. Eisenbahnen, Pipelines und Häfen sollen ausgebaut werden, um den Handel zu fördern. Sie könnte dem Handel und dem Versicherungssektor Impulse geben.“

Versicherungsdichte in Ländern an der neuen Seidenstraße ist gering

Im Zuge des massiven wirtschaftlichen Wachstums des Landes hatte sich der chinesische Transportversicherungsmarkt bereits zum weltweit größten Markt in der Warenversicherung und der Nummer zwei in der Schiffskaskoversicherung entwickelt. Durch den Rückgang des Handelsvolumens in Folge der Abkühlung der chinesischen Wirtschaft und eines zunehmenden Wettbewerbes erleben aber die Warenversicherer auch in China seit 2014 einen Prämienrückgang. 

Die Länder entlang der neuen Seidenstraße haben zu einem großen Teil eine Versicherungsdurchdringung von weniger als einem Prozent. Damit erzielten sie 2016 zusammen 15,5% der weltweiten Schaden-Unfall-Prämien, ohne China jedoch nur von 6,6%. In der See-, Luftfahrt- und Transportversicherung war der weltweite Anteil 2016 mit knapp 20% etwas höher, aber auch noch deutlich geringer als der Anteil am weltweiten BIP. 
Dementsprechend besteht vor allem für die asiatischen Versicherungsmärkte dieser Länder ein hohes Aufholpotenzial. Asien ist und bleibt also die Hauptwachstumsregion für die Versicherungswirtschaft – auch für die Transportversicherung.

Munich Re Experten
Dieter Berg
Global Marine Partnership, Leiter Business Development
Monika Gruber
Senior Economist
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