dcsimg
Wirtschaft

Kompetenzen verbinden in einer vernetzten Welt

Industrie 4.0 befördert nicht nur in der Fertigungsbranche Innovationen. Über Trends und Chancen in einer vernetzten Welt sprach Joachim Wenning, CEO von Munich Re, mit Volkmar Denner, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der Robert Bosch GmbH. Was wollen das Technologieunternehmen und der Rückversicherer in Zeiten der Digitalisierung erreichen? Warum werden neue Partnerschaften benötigt? Und wie sehen die Geschäftsmodelle der Zukunft aus?

26.03.2018

Wenning:
Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei Bosch im Kontext des Wandels?

Denner:
Bei Bosch geht es nicht so sehr um Digitalisierung, da wir bereits seit Jahrzehnten über digitale Produkte verfügen. Für uns geht es jetzt um Vernetzung. Wir glauben, dass das Internet der Dinge (IoT) zu etwas Universellem wird. Alle Bereiche unseres Lebens werden schlussendlich vernetzt sein – sei es die Mobilität, der industrielle Arbeitsplatz oder das Smart Home.

Das Internet der Dinge ist der nächste große Schritt der Technikentwicklung, die nächste große Revolution. Unser Ziel ist es, bis zum Jahr 2020 alle elektronischen Bosch-Produktklassen IP-fähig zu machen. Wir liegen jetzt bei rund 60 Prozent, was bedeutet, dass wir gute Fortschritte machen.

Wenning:
Wie lassen sich Ihrer Meinung nach IoT und künstliche Intelligenz in Ihrer Branche kombinieren?

Denner:
Wenn Sie beginnen, die Dinge zu vernetzen, erhalten Sie zunächst eine riesige Menge an Daten. Natürlich sind Daten an sich nutzlos. Die Frage ist: Wie können Sie aus diesen Daten Wissen schöpfen? Und an dieser Stelle kommt die künstliche Intelligenz ins Spiel.
 
Künstliche Intelligenz ist ein zentraler Bestandteil unserer Strategie. Deshalb haben wir im vergangenen Jahr unser eigenes Bosch Center for Artificial Intelligence gegründet. 

Wir schätzen Zusammenarbeit in dem Sinne, dass wir eigene Kompetenzen mit unseren Partnern in neuen Geschäftsfeldern wie beispielsweise IoT erweitern und stärken.
Joachim Wenning
CEO Munich Re

Wenning:

Wie stellen Sie sicher, dass Sie Ihrer Konkurrenz immer voraus sind?

Denner:
Das ist eine gute Frage. Der Ausgangspunkt ist zu wissen, wo man im Vergleich zu seinen Wettbewerbern steht. Das gilt genauso in der neuen vernetzten Welt. Neu ist die Geschwindigkeit mit der sich Märkte und Technologien verändern. 

Alles ändert sich unglaublich schnell. Und natürlich kommen komplett neue Akteure ins Spiel.

Wenning:
Wer sind Ihrer Meinung nach in Zukunft Ihre typischen Wettbewerber? Wie könnte das Set-up aussehen?

Denner:
In Zukunft werden wir mehr über Ökosysteme sprechen. Beim Internet der Dinge geht es nicht nur um ein Unternehmen allein. Die nutzbringende Vernetzung kann nur gemeinsam mit Partnern realisiert werden. Partner, Kunden und auch Entwickler werden in den Ökosystemen eine wichtige Rolle spielen. Wie man mit diesen Partnern zusammenarbeitet, das ist neu für unser Unternehmen, und meiner Meinung nach auch für die gesamte Industrie. Ich denke, das gilt auch für Sie.

Wenning: 
Da haben Sie absolut recht. Wir schätzen Zusammenarbeit in dem Sinne, dass wir eigene Kompetenzen mit unseren Partnern in neuen Geschäftsfeldern wie beispielsweise IoT erweitern und stärken. Natürlich arbeiten wir mit Kunden zusammen, zu denen wir über Jahrzehnte vertrauensvolle Beziehungen aufgebaut haben. Wir werden jedoch auch neue Beziehungen knüpfen – wie es beispielsweise derzeit mit Bosch geschieht.

Munich Re und Bosch entwickeln künftig neue Geschäftsideen im Bereich Industrie 4.0. Vertreter der beiden Unternehmen haben eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet, die auf die Entwicklung neuer Lösungspakete für die vernetzte Produktion zielt. Die beiden Unternehmen kombinieren ihre jeweiligen Stärken: Bosch in den Feldern Hardware, Software und Services, Munich Re auf dem Gebiet des Risiko- und Kapitalmanagements. Das ganzheitliche Angebot ermöglicht Industriekunden die Umsetzung von Vernetzungsprojekten entlang der gesamten Wertschöpfungskette mit beherrschbarem Risiko und innovativen Finanzinstrumenten.

Denner: 
Was bedeutet das Internet der Dinge für Munich Re?

Wenning:
In dem Maß, in dem sich die Akteure in der Industrie zunehmend vernetzen, ändern sich auch ihre Bedürfnisse und Risiken. Neue finanzielle Bedürfnisse müssen in einer vernetzten Welt beantwortet werden, in der Kunden nur für das zahlen, was sie nutzen – unabhängig davon, ob es um Geräte, Maschinen oder Autos geht. Sie sind möglicherweise weniger interessiert an der Deckung von Schäden  oder einer Risikominderung, sondern suchen eher nach einer Garantie für einen gewissen Output von Maschinen oder Geräten. Für uns stellt das Erfüllen dieser Art von Bedarf ein Geschäftspotenzial dar, das wir zuvor nicht hatten.

Denner:
Bislang hat Bosch Produkte, beispielsweise Verpackungsmaschinen, an Kunden verkauft, das heißt die Kunden bezahlen die Produkte oder Anlagen und besitzen sie dann. Jetzt bieten wir mehr und mehr auch neuartige Geschäftsmodelle an, wie beispielsweise „Equipment as a Service“. Der Kunde muss die Anlagen nicht mehr besitzen, um sie zu nutzen. Jedoch muss jemand diese Anlagen finanzieren.

Wenning: 
Genau hier setzt unsere Partnerschaft an: Unser gemeinsames Ziel ist es, diese verschiedenen Bedürfnisse zu neuen Lösungspaketen für die vernetzte Produktion zu bündeln. Dies ist unerlässlich für die Zukunft. Und das ist der Punkt, auf den wir unsere Aufmerksamkeit lenken möchten und an dem wir derzeit unsere Kompetenzen weiter ausbauen, denn Munich Re möchte eine wichtige Rolle im IoT-Geschäft spielen.

Joachim Wenning spricht mit Volkmar Denner über Opportunitäten in einer vernetzten Welt.
Auch wenn sich das Wirtschaftswachstum in China weiter verlangsamt, bleiben Aussichten für Versicherungen ausgezeichnet. Wir erwarten einen zweistelligen Zuwachs. © IHS
Abb. 2: Anteil der Sektoren am chinesischen BIP in %
Innerhalb des Dienstleistungssektors wuchs der Finanzsektor besonders stark: die Wertschöpfung wuchs 2012-2016 durchschnittlich ca. 11 % pro Jahr. Den weiteren Strukturwandel zu einer wissens- oder ideenbasierten Wirtschaft wird neben den Branchen IT, Kommunikation, Pharma und Banking auch die Versicherungsindustrie maßgeblich mitgestalten. Denn China hat ein enormes Aufholpotenzial. Die Versicherungsdurchdringung (definiert als Prämienvolumen in Prozent des BIP) von 4,2 % (Schätzung für 2016) liegt weit unter dem globalen Durchschnitt (ca. 6,2 %). Der 13. Fünfjahresplan der Regierung, der 2016 veröffentlicht wurde, sieht vor, dass der Anteil des Dienstleistungssektor am BIP bis 2020 auf 56 % steigt. Für den Versicherungssektor setzte der Plan ein Ziel von Prämien in Höhe von CNY 4,5 Billionen und eine Marktdurchdringung von 5 %.

Auch wir erwarten auf Basis unserer Prognosemodelle eine deutliche Zunahme der Versicherungsdurchdringung (siehe Tab. 1). Während das durchschnittliche Wirtschaftswachstum bis 2020 knapp sechs Prozent betragen dürfe, erwarten wir für den Versicherungssektor ein inflationsbereinigtes durchschnittliches Wachstum von beinahe 12 Prozent (siehe Tab. 2). Es hat sich gezeigt, dass die Menschen in Ländern mit global betrachtet zwar niedrigem aber schnell zunehmenden Wohlstand einen überproportional steigenden Bedarf an Versicherungsschutz haben, z.B. für Sachversicherungsdeckungen oder für Gesundheitsausgaben. Hinzu kommt, dass die Branche in sich entwickelnden Märkten prädestiniert dafür ist, von der Digitalisierung zu profitieren. Neue Vertriebskanäle und Geschäftsmodelle entstehen, und auch in der Produktentwicklung und Schadenbearbeitung ergeben sich neue Möglichkeiten. Newcomer in Emerging Markets können diese Chancen früher nutzen als etablierte Versicherer in reifen Märkten.

Denner:

Das ist für beide Unternehmen interessant. Wir werden komplett neue Geschäftsideen entwickeln, die die Betriebs- und Investitionsrisiken beträchtlich senken und dadurch unseren Kunden die Umsetzung von Industrie 4.0-Lösungen erleichtern. Diese neuen Lösungen werden unser derzeitiges Geschäft grundlegend beeinflussen. Bosch testet bereits verschiedene Geschäftsmodelle in diesen Bereichen.

Wenning:
Bosch investiert auch in Ökosysteme, in Ideen, von denen Sie glauben, dass sie sich erst im Lauf der Zeit zu konkreten Geschäftsideen entwickeln. Welcher Gedankengang steckt dahinter?

Denner:
Das ist ein interessantes und zugleich herausforderndes Thema. Bosch hat bei der Entwicklung neuer Tätigkeitsbereiche stets auf lange Sicht agiert. Dies geschah auch bei vielen Innovationen so, die wir heute als Teil des traditionellen Produktangebots kennen, wie beispielsweise Sicherheitssysteme im Auto und moderne Kraftstoffeinspritzsysteme. Einfach gesagt: Sie würden ohne eine sehr langfristige Investitionsperspektive nicht existieren.

In der vernetzten Welt gehen wir genauso vor. Die andere Seite der Medaille ist allerdings, dass es stets einen Zeitpunkt geben muss, an dem die Innovation profitabel wird. Langfristige Ausrichtung heißt also: Wir müssen und wollen eine angemessene Rendite erzielen, wir finanzieren für viele Produkte zugleich einen langen Vorinvestitionszeitraum. Dies wird in Zukunft wahrscheinlich so bleiben, auch wenn alles, was software- oder digitalbasiert ist, sich üblicherweise in kürzerer Zeit rentiert.

Wie sehen Sie die Innovation in der Versicherungsbranche?

© Munich Re
Für Führungskräfte ist es meiner Meinung nach schwer – und ich erlebe es auch als persönliche Herausforderung – die gewinnbringenden klassischen Produkte und die neuen Produkte in gleichem Maße zu schätzen.
Volkmar Denner
Volkmar Denner CEO Bosch

Wenning:

Wie bei Bosch stand Innovation stets im Fokus für Munich Re – und zwar lange, bevor das digitale Potenzial in den Vordergrund trat. Warum ist das so? Weil wir stets versucht haben, Dinge versicherbar zu machen, die zuvor nicht versicherbar waren. Innovative Produkte bieten eine gesunde Gewinnspanne, bis sie zu einem Standardprodukt gemacht und auch von anderen Akteuren verstanden werden.

Neu an der digitalen Innovation ist, dass bestimmte digitale Funktionen, die vorher nicht existierten, als bedeutsam erkannt und mit unseren Kernkompetenzen kombiniert werden müssen, um uns neue Möglichkeiten zu eröffnen. Zu Beginn wird man dabei eine gewisse Disharmonie zwischen den etablierten und den neuen Teilen des Unternehmens wahrnehmen.

Denner:
Wie sind Sie dieser Herausforderung begegnet?

Wenning:
Es war ziemlich einfach für uns, Innovation als Motivator für das gesamte Unternehmen zu setzen. Wenn Sie einen Raum für Innovation schaffen – wie beispielsweise in Labs, Incubators und Accelerator-Einheiten, und die Kollegen zu Design-Thinking-Workshops schicken, sie experimentieren lassen – ist das attraktiv und motivierend.

Wir müssen jedoch ein Gleichgewicht in der Wahrnehmung herstellen zwischen der nicht digitalen, der alten Welt und der Community der Innovatoren mit ihren zugkräftigen, auffälligen Projekten. Wir können nicht außer Acht lassen, dass das Kerngeschäft weiterhin die Erträge erwirtschaftet, auch wenn all die coolen Experimente in der neuen, digitalen Welt stattfinden. Wir möchten beides zusammenführen, weil wir glauben, dass das Potenzial nicht nur in der neuen Welt liegt, sondern in der Verknüpfung dieser digitalen und innovativen Kompetenzen mit dem Kerngeschäft.

Denner:
Genau die gleiche Diskussion führen wir innerhalb unseres Unternehmens. Traditionsgemäß ist Bosch ein Produktunternehmen. Wir verdienen unser Geld mit traditionellen Produkten, jedoch ergänzen wir diese Produktwelt durch neue Aspekte wie Software und digitale Services. Ich würde sagen, dass unsere Herausforderung in dieser Hinsicht ziemlich ähnlich aussieht.

Für Führungskräfte ist es meiner Meinung nach schwer – und ich erlebe es auch als persönliche Herausforderung – die gewinnbringenden klassischen Produkte und die neuen Produkte in gleichem Maße zu schätzen.

Drucken

Wir verwenden Cookies um Ihr Internet-Nutzungserlebnis zu verbessern und unsere Websites zu optimieren.

Mit der weiteren Nutzung unserer Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies dieser Website zu. Weitere Informationen zu Cookies und dazu, wie Sie die Cookie-Einstellungen in Ihren Browsereinstellungen anpassen können, finden Sie in unsereren Cookie-Richtlinien.
Sie können Cookies deaktivieren, aber bitte beachten Sie, dass das Deaktivieren, Löschen oder das Verhindern von Cookies Ihre Internet-Nutzung beeinflussen wird.