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Die Welt blickt auf Brasilien

Viele Hoffnungen waren mit der Austragungsentscheidung 2007 verbunden: Das sportliche Großereignis sollte das brasilianische Wirtschaftswunder weiter ankurbeln. Doch viele wichtige Reformen stehen noch aus.

10.06.2014

In wenigen Tagen beginnt in Brasilien die 20. Fußball-Weltmeisterschaft. Große Hoffnungen waren mit der Austragungsentscheidung kurz nach Beginn der Finanzkrise im Oktober 2007 verbunden: Brasiliens vermeintliches Wirtschaftswunder sollte einen neuen Schub bekommen. Die mit Großereignissen wie der Fußball-WM oder den Olympischen Spielen verbundenen Investitionen in die Infrastruktur sollten zusätzliche Impulse für die ökonomische und soziale Entwicklung des Landes geben. Heute scheint die Erfüllung dieser Hoffnungen in weite Ferne gerückt zu sein. Brasiliens Wirtschaft schwächelt. In den fünf Jahren vor Ausbruch der Finanzkrise wuchs die Wirtschaft relativ stabil mit durchschnittlich 5%. Im WM-Jahr 2014 wird gerade einmal ein Wachstum von 1,8% erwartet – nur Argentinien und Venezuela werden in der Region Lateinamerika voraussichtlich noch schwächer wachsen.

Die unzureichende Infrastruktur ist das größte Hindernis für die Nutzung des ökonomischen Potenzials Brasiliens.
Michael Menhart
Head of Economic Research

Aus dem erfolgversprechenden BRIC-Land Brasilien ist heute ein Mitglied der „Fragile Five“ geworden. Neben Indien, der Türkei, Indonesien und Südafrika ist Brasilien eines der Länder, die sich als besonders anfällig gezeigt haben, als die US-Zentralbank nur ankündigte, dass sie die Zinsen erhöhen  bzw. das „Quantitative Easing“ zurückführen wolle. Investoren zogen ihr Geld aus diesen Ländern ab. Der brasilianische Real verlor seit Mitte letzten Jahren gegenüber dem US Dollar massiv an Wert. Die starke Abwertung verteuert die Importe, der so entstandene Preisdruck führt zu hoher Inflation deutlich über dem Zielwert von 4,5%. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, reagierte die Brasilianische Zentralbank mit kontinuierlichen Zinssteigerungen – und nahm so weitere Einbußen beim Wirtschaftswachstum in Kauf.

Die aktuellen Probleme sind Ausdruck lang verpasster Wirtschaftsreformen

Die unzureichende Infrastruktur ist das größte Hindernis für die Nutzung des ökonomischen Potenzials Brasiliens: Die Kapazitätsgrenzen der Containerhäfen sind längst erreicht, lediglich 15% der Straßen Brasiliens sind asphaltiert, das Schienennetz ist mit nur 30.000 km im internationalen Vergleich eher unbedeutend - dies alles begrenzt das Wachstum des Landes. Der bereits begonnene Ausbau der Transportwege läuft noch viel zu langsam. Ein weiteres Problem: Brasilien ist viel zu stark vom Export seiner Rohstoffe abhängig. Die steigenden Rohstoffpreise bis zur Finanzkrise sicherten dem Land hohe Wachstumsraten. Doch seit 2011 sinken die Preise. Die Industrieproduktion dagegen ist kaum wettbewerbsfähig. Investitionen in Bildung, Steuerreformen und vor allem Arbeitsmarktreformen wären dringend geboten. Auch müsste das kostenintensive Rentensystem mit hohen Bezügen und frühem Rentenbeitrittsalter umgestaltet werden – mit möglichen positiven Effekten: würden man die Bevölkerung mit Sparanreizen, z.B. Steuererleichterungen, zur Eigenvorsorge ermutigen, so würde einerseits das staatliche System entlastet und andererseits könnte das bei den Banken hinterlegte gesparte Geld von Unternehmen für Investitionen genutzt werden. Dadurch würde die Abhängigkeit von ausländischen Investoren abnehmen, die Auswirkungen einer Kapitalabwanderung wären geringer als heute. Und nicht zuletzt behindern Bürokratie und Korruption die wirtschaftlichen Abläufe. Laut dem World Economic Forum zählen diese beiden Phänomene zu den fünf problematischsten Faktoren für Geschäftsaktivitäten in Brasilien. Protektionismus behindert zusätzlich die für Wachstum notwendige Marktliberalisierung und –öffnung. Sie stellt zum Beispiel auch ein Hemmnis für die internationale Rückversicherung dar, denn 40% jeder zu platzierende Rückversicherung muss laut Gesetz einem lokalen Rückversicherer angeboten werden. Brasilien kommt nicht umhin, schmerzhafte Reformen in Angriff zu nehmen, um sein volles Potenzial ausschöpfen. Dass es dieses gibt, ist unbestritten. Eine seit Jahren wachsende Mittelschicht, eine vergleichsweise junge Bevölkerung, Rohstoffreichtum und ein relativ gut entwickeltes Finanzsystem bilden gute Voraussetzungen für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Dass der Aufstieg kommen wird, steht außer Zweifel – wenn auch nicht so schnell wie noch vor ein paar Jahren erwartet. Die Fußball-Weltmeisterschaft wird daran nichts ändern: Sie wird keine Reformen ersetzen, aber vielleicht kann sie zumindest die Stimmung im Land ändern – nicht nur dann, wenn die Seleção den Sieg erringen sollte. Und das ist ja nicht unwichtig, wie wir in Deutschland 2006 gesehen haben.

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