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Versicherungsmärkte

Kanada und USA: Die Herausforderungen für die Lebensversicherung

Die USA und Kanada sind nicht nur geografisch, sondern auch kulturell eng miteinander verbunden. Auf dem Lebensversicherungsmarkt gibt es jedoch große Unterschiede zwischen den Ländern. So werden die kanadischen Lebensversicherer zentral von Ottawa reguliert. Die amerikanischen Gesellschaften müssen sich hingegen nach den Regeln der einzelnen Bundesstaaten richten. In Kanada konzentrieren sich die wichtigsten Marktteilnehmer auf einige wenige Großstädte – die amerikanischen Lebenserstversicherer wiederum sind über das ganze Land verteilt. Trotz aller Unterschiede haben beide Länder zwei Dinge gemeinsam: entwickelte Märkte und einen harten Wettbewerb. Mary Forrest ist als President und CEO von Munich Re of Canada für das Leben-Geschäft von Munich Re in ganz Nordamerika zuständig. Wir baten sie, uns einen Überblick über die aktuelle Marktlage zu geben.

28.01.2015

Zähne, Hüftgelenke und Knochenersatz per 3-D-Drucker: Ein Stück weit ist die Produktion von Implantaten bereits im medizinischen Alltag angekommen. Bei lebenswichtigen Organen hingegen sind noch viele Fragen offen.
Mary Forrest leitet als CEO von Munich Re of Canada das Leben-Geschäft in ganz Nordamerika.
Mary Forrest: Die USA bilden den größten Lebensrückversicherungsmarkt weltweit. In den vergangenen zehn Jahren erlebten wir dort eine starke Konzentration – mittlerweile werden über 85 Prozent des Neu- und Bestandsgeschäfts bei fünf Rückversicherern platziert. Um sich von ihren Mitbewerbern abzuheben, setzen die Rückversicherer primär auf Service und enge Kundenbeziehungen. Ich würde den Markt als rational, aber dennoch umkämpft bezeichnen. In Kanada haben wir im Bereich Leben einen ausgesprochen reifen Erstversicherungsmarkt. 75 Prozent des Geschäfts werden von drei großen Risikoträgern gezeichnet. Auch der Rückversicherungsmarkt ist von drei großen Konkurrenten geprägt, die 80 Prozent des Geschäfts auf sich vereinen – Munich Re, RGA und Swiss Re. Allerdings sorgen kleinere neue Player aktuell für Bewegung und Wettbewerb. Wachstum zu erzielen, bleibt meiner Ansicht nach bei anhaltend intensivem Wettbewerb auch in den kommenden Jahren eine Herausforderung.

Auf den europäischen Märkten zeichnet sich ein Trend zu höheren Selbstbehalten ab. Trifft das auch auf Nordamerika zu?

In den USA sind die Selbstbehalte bei den meisten Gesellschaften gestiegen. Allerdings hängt die in den letzten zehn Jahren rückläufige Zessionsquote eher damit zusammen, dass eine Verschiebung von Quotenverträgen zu XL- und Summenexzedenten-Verträgen stattgefunden hat. Grund ist zum einen die Rationalisierung bei der Preisgestaltung für die Rückversicherung und zum anderen die Einführung von alternativen Kapitallösungen wie Verbriefungen, Letter-of-Credit-Lösungen und Transaktionen im Bereich Kapitalmanagement. Auch in Kanada sind die Selbstbehalte gestiegen, wenn auch in geringerem Umfang. Es gibt für die Versicherer nach wie vor viele gute Gründe, sich rückzuversichern. Positive Effekte im Kapital- und Risikomanagement gehören ebenso dazu wie die Vorteile, die sich aus den ausgesprochen günstigen Rückversicherungsbedingungen bei Mortalitäts- und Morbiditätsrisiken ziehen lassen.

Die niedrigen Zinsen stellen die Lebensversicherungsbranche vor große Herausforderungen. Wie hat Munich Re in Ihrem Markt darauf reagiert?

Das Konzept des Market Consistent Embedded Value – MCEV – ist bei den US-Gesellschaften nicht sehr weit verbreitet. Das Niedrigzinsumfeld und die Anwendung des MCEV haben dazu geführt, dass Munich Re in der aktuellen Situation US-Gesellschaften nur begrenzt unterstützen konnte. In Kanada entsteht durch die niedrigen Zinsen unter anderem Druck auf das Kapital. In diesen schwierigen Zeiten ist es uns gelungen, unsere Kunden mit hochinnovativen Kapitalentlastungslösungen zu unterstützen. Seit 2008 hat Munich Re über 2 Milliarden kanadische Dollar an neuem Kapital bereitgestellt, um unseren Kunden in Kanada zu helfen.

Bestehen große Unterschiede zwischen dem kanadischen und dem US-amerikanischen Markt?

Die größten Unterschiede bestehen in der Regulierung, der Größe des Marktes und im Kundenmanagement. So werden etwa kanadische Gesellschaften zentral vom Staat reguliert, US-Gesellschaften hingegen auf bundesstaatlicher Ebene. Ein US-amerikanischer Versicherer muss also Vorschriften in 50 verschiedenen Bundesstaaten befolgen. Insgesamt sind die Eigenkapitalanforderungen in Kanada tendenziell strenger. Dies hat zu höheren Zessionsquoten geführt und den Rückversicherern mehr Chancen eröffnet, vor allem denjenigen, die große Mengen an Kapital mobilisieren können. Die USA haben neunmal so viele Einwohner wie Kanada, und der US-Markt für private Lebensversicherungen ist siebenmal so groß wie der in Kanada. Die Zahl der Rückversicherer ist in den USA etwa doppelt so hoch wie in Kanada und der gesamte Rückversicherungsmarkt rund dreimal so groß.

Aufgrund dieser Dynamik strebt jeder Rückversicherer nach einem möglichst niedrigen Anteil an US-Verträgen mit vergleichsweise hohem relativem Volumen. Auf dem kanadischen Erstversicherungsmarkt gibt es zehn große Versicherer, die praktisch alle Produkte anbieten. In den USA gibt es wesentlich mehr Versicherungsgesellschaften, von denen jedoch nur einige wenige in allen geografischen Regionen präsent sind. Auch der Standort spielt eine Rolle: Kanada ist zwar flächenmäßig größer, doch die meisten unserer kanadischen Kunden befinden sich in höchstens zwei Stunden Entfernung von unseren Büros in Toronto oder Montreal. In den USA hingegen sind unsere Kunden über das gesamte Land verteilt, was das Kundenmanagement erheblich erschwert.

Wodurch hebt sich Munich Re im kanadischen Markt ab?

Wir haben hart gearbeitet, um unsere Fähigkeit und Kompetenz als Dienstleister für Lebensversicherer in diesem strengen regulatorischen Umfeld unter Beweis zu stellen. Das Ergebnis: Munich Re hat aktuell mehr Mortalitätsrisiken in der Erst- und Rückversicherung übernommen als jeder andere Anbieter in Kanada. Zudem sind wir in den Branchenverbänden sehr aktiv und führen einen offenen Dialog mit Aufsichtsbehörden und Erstversicherern. Wir zeichnen nie ein großes Geschäft, ohne vorher mit der Aufsichtsbehörde zu reden. Deshalb vertrauen die Unternehmen darauf, dass Transaktionen mit uns nicht gekippt werden. Wichtig ist auch, dass unsere Teams sehr eng mit den Kunden zusammenarbeiten und komplexe Transaktionen bis zu ihrem Abschluss begleiten, oft über einen Zeitraum von mehreren Monaten. Eine harte Bewährungsprobe war die Finanzkrise: Munich Re war da und stellte Kapital zur Verfügung, als unsere Kunden es wirklich brauchten.

Die europäischen Versicherer bereiten sich auf Solvency II vor. Könnten Sie Änderungen der kanadischen Regulierungsvorschriften und ihre Auswirkungen auf das Lebensversicherungsgeschäft beschreiben?

Da fallen mir einige ein. Als Kanada Anfang der 1990er Jahre von Rückstellungen für Garantieleistungen (Net Level Premium Reserve) auf prinzipienbasierte Rückstellungen umstellte, wirkte sich dies massiv auf die Art und Weise der Rückstellungsbildung aus, was auch den Wert der Rückversicherung hervorhob. Eine weitere bedeutende Änderung war die Einführung des Kapitalsolvenzsystems „Minimum Continuing Capital Solvency Ratio“ (MCCSR) durch die kanadische Aufsichtsbehörde vor mehr als 20 Jahren. Sie bedeutete eine erneute Wende, weil sich die Unternehmen nun aktiver und konsequenter um ihre Kapitalquoten kümmern mussten und die Rückversicherung dabei zu einem wichtigen Instrument wurde. Im Jahr 2018 soll das MCCSR-System grundlegend umgestaltet werden und ähnlich wie Solvency II einen risikoorientierten Ansatz verfolgen. Deshalb erwarte ich, dass die beiden Systeme künftig mehr Gemeinsamkeiten aufweisen werden. Damit wir für die Kapitalanforderungen unserer Kunden robuste Lösungen bieten können, müssen wir diese Vorschriften auf jeden Fall im Blick behalten.

Was sind die größten Herausforderungen, vor denen die Lebensversicherung in den kommenden Jahren steht? Wie kann Munich Re Erstversicherern dabei helfen, sie zu bewältigen?

Sowohl in den USA als auch in Kanada bringen die bevorstehenden regulatorischen Änderungen neue Eigenkapitalvorschriften mit sich, die unsere Kunden beim Management ihrer Kapitalquoten vor neue Herausforderungen stellen können. Wir helfen unseren Kunden beim Kapitalmanagement und durch individuelle Rückversicherungsstrukturen. Vor allem in Kanada sind wir durch unsere Erfolgsbilanz, unser Fachwissen und unseren Zugang zu Kapital sehr gut imstande, unseren Kunden bei der Erfüllung sämtlicher Kapitalanforderungen zur Seite zu stehen.

Das Ausscheiden der Babyboomer aus dem Berufsleben bringt neue große Herausforderungen mit sich. Wie kann man beispielsweise Rentner in dieser Altersgruppe unterstützen und dafür sorgen, dass ihre Altersvorsorge bis zum Lebensende reicht? Das bedeutet natürlich, dass wir Versicherern bei der Entwicklung von leistungsorientierten Pensionsplänen helfen, mit denen sie ihre Haftung unter Kontrolle halten oder beschränken können. Wir planen außerdem Untersuchungen zu Langlebigkeitsrückversicherungslösungen, falls die Nachfrage am Markt steigt. Auch der Vertrieb stellt in den USA und Kanada eine Herausforderung dar. In beiden Ländern kommt das Vertriebsnetz langsam in die Jahre. Schon bald werden Versicherer neue Wege gehen müssen, um ihre Underwriting- und Vertragsprozesse zu optimieren.

Auch Social Media und Internetplattformen müssen stärker genutzt werden. Mit einer Reihe von Kunden arbeiten wir bereits an automatisierten Underwriting-Lösungen und Rules Engines zur Verbesserung des Underwriting-Prozesses und zum Abbau der Schwachpunkte und Kosten im Vertrieb.

Das Women’s Executive Network von Kanada zählt sie zu den 100 einflussreichsten Frauen des Landes. Was bedeutet das für Sie?

Diese Auszeichnung ist eine große Ehre für mich und außerdem eine Anerkennung für unser Unternehmen und unsere Erfolge. Ich bin sehr stolz darauf, einem großartigen Team von intelligenten und talentierten Menschen anzugehören, die alles gegeben haben, um Munich Re Canada von einer kleinen Firma zu einem äußerst erfolgreichen Unternehmen zu machen.

Das Women’s Executive Network hat sich dem Networking und Mentoring verschrieben. Was würden Sie Frauen raten, die gerade am Anfang ihrer Führungslaufbahn stehen?

Glaubt an euch, traut euch etwas zu und lasst euch von niemandem einschüchtern. Und scheut euch nicht, eure Ziele und Erwartungen klar zu äußern. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus würde ich jüngeren Frauen, die nach Führungspositionen streben, außerdem raten, familiäre Pläne nicht aufzuschieben, bis die Karriere es „zulässt“. Beides schließt sich nicht gegenseitig aus: Wenn eine Frau die entsprechenden Fähigkeiten besitzt, sich klare Ziele steckt und diese auch ihren Kollegen gegenüber vertritt, dann sollte nichts sie daran hindern, beide Ziele zu erreichen.

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