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Versicherungsmärkte

China: Schwächeres Wirtschaftswachstum – doch der Versicherungsmarkt boomt

Auch wenn sich das Wirtschaftswachstum in China weiter verlangsamt, bleiben die Aussichten für den Versicherungssektor ausgezeichnet. Nachholbedarf und der Strukturwandel hin zu einer Dienstleistungsvolkswirtschaft dürften die Finanzbranche nachhaltig beleben. Bis 2020 wird der Versicherungssektor in China daher doppelt so stark wachsen wie die Gesamtwirtschaft: Der Zuwachs wird im Schnitt pro Jahr inflationsbereinigt leicht zweistellig ausfallen.

24.01.2017

Mit einem Plus von inflationsbereinigt 6,7 % wuchs Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2016 global gesehen immer noch beachtlich. Doch Bremsspuren sind unverkennbar. Das jährliche Wirtschaftswachstum ging von durchschnittlich 11,3 % im Zeitraum von 2006 bis 2010 auf 7,9 % von 2011 bis 2015 zurück. Bis 2020 erwarten wir einen weiteren Rückgang der jährlichen realen BIP-Wachstumsraten auf rund 5,5 %.

Bei der üblichen Analyse der Ursachen des Wachstums spielt neben den Faktoren "Arbeit" und "Kapital" die sogenannte "Totale Faktorproduktivität" ein wesentliche Rolle. Für 2000 bis 2010 zeigt sich, dass das Wachstum ungefähr zu gleichen Teilen auf Investitionen in den Kapitalstock (z. B. Infrastruktur und Maschinen) und eine Verbesserung der Produktivität zurückzuführen war. Der Anstieg der Arbeitsstunden spielte nur einer geringe Rolle (siehe Abb. 1).

Nach 2010 ging der Beitrag der Produktivität jedoch deutlich zurück. Ein Weiterwachsen auf Basis der Investitionen kann nicht dauerhaft beständig sein. Im Gegenteil: Wenn sie vornehmlich mit Schulden finanziert werden, erhöht sich die Gefahr des Platzens einer Kreditblase. Davor wird seit Jahren gewarnt. Angesichts der stagnierenden Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter wäre vielmehr eine stärkere Produktivitätsdynamik nötig, um das Wachstum zu beleben. Hier scheint China allerdings vor einem ähnlichen Problem zu stehen wie viele Industrieländer, wo das Produktivitätswachstum in den letzten Jahren ebenfalls zurückgegangen ist. China hat aber auch eine große Aufholchance: Die Produktivität pro Beschäftigtem liegt immer noch bei nur ca. 20 % des Niveaus der USA.
Auch wenn sich das Wirtschaftswachstum in China weiter verlangsamt, bleiben Aussichten für Versicherungen ausgezeichnet. Wir erwarten einen zweistelligen Zuwachs. © Oxford Economics / Haver Analytics
Abb. 1: Quellen des chinesischen Wirtschaftswachstums
Hinter der Wachstumsverlangsamung der Volkswirtschaft verbirgt sich ein Strukturwandel. So hat der Dienstleistungssektor seinen Anteil an der Wirtschaft von 2005 bis 2016 von 41 auf 48 % erhöht, der Anteil des „industriellen Sektors“ (produzierendes Gewerbe, Bergbau und Bausektor) reduzierte sich von 47 % auf 43 % (siehe Abb. 2).
Auch wenn sich das Wirtschaftswachstum in China weiter verlangsamt, bleiben Aussichten für Versicherungen ausgezeichnet. Wir erwarten einen zweistelligen Zuwachs. © IHS
Abb. 2: Anteil der Sektoren am chinesischen BIP in %
Innerhalb des Dienstleistungssektors wuchs der Finanzsektor besonders stark: die Wertschöpfung wuchs 2012-2016 durchschnittlich ca. 11 % pro Jahr. Den weiteren Strukturwandel zu einer wissens- oder ideenbasierten Wirtschaft wird neben den Branchen IT, Kommunikation, Pharma und Banking auch die Versicherungsindustrie maßgeblich mitgestalten. Denn China hat ein enormes Aufholpotenzial. Die Versicherungsdurchdringung (definiert als Prämienvolumen in Prozent des BIP) von 4,2 % (Schätzung für 2016) liegt weit unter dem globalen Durchschnitt (ca. 6,2 %). Der 13. Fünfjahresplan der Regierung, der 2016 veröffentlicht wurde, sieht vor, dass der Anteil des Dienstleistungssektor am BIP bis 2020 auf 56 % steigt. Für den Versicherungssektor setzte der Plan ein Ziel von Prämien in Höhe von CNY 4,5 Billionen und eine Marktdurchdringung von 5 %.

Auch wir erwarten auf Basis unserer Prognosemodelle eine deutliche Zunahme der Versicherungsdurchdringung (siehe Tab. 1). Während das durchschnittliche Wirtschaftswachstum bis 2020 knapp sechs Prozent betragen dürfe, erwarten wir für den Versicherungssektor ein inflationsbereinigtes durchschnittliches Wachstum von beinahe 12 Prozent (siehe Tab. 2). Es hat sich gezeigt, dass die Menschen in Ländern mit global betrachtet zwar niedrigem aber schnell zunehmenden Wohlstand einen überproportional steigenden Bedarf an Versicherungsschutz haben, z.B. für Sachversicherungsdeckungen oder für Gesundheitsausgaben. Hinzu kommt, dass die Branche in sich entwickelnden Märkten prädestiniert dafür ist, von der Digitalisierung zu profitieren. Neue Vertriebskanäle und Geschäftsmodelle entstehen, und auch in der Produktentwicklung und Schadenbearbeitung ergeben sich neue Möglichkeiten. Newcomer in Emerging Markets können diese Chancen früher nutzen als etablierte Versicherer in reifen Märkten.
China: Schwächeres Wachstum - doch der Versicherungsmarkt boomt © Quelle: Munich Re Economic Research
Tab. 1: Versicherungsdurchdringung 2016 (Schätzung) und Prognose für 2020 in China
Auch wenn sich das Wirtschaftswachstum in China weiter verlangsamt, bleiben Aussichten für Versicherungen ausgezeichnet. Wir erwarten einen zweistelligen Zuwachs. © Quelle: Munich Re Economic Research
Tab. 2: Wachstum des BIP und des Versicherungssektors in China
Ob der neue Fünfjahresplan der Regierung aufgeht, hängt in besonderem Maße von der Lebensversicherung ab, bei der das Prämienvolumen ca. 1,5 mal so groß ist wie das der Schaden-/Unfall- und der Krankenversicherung zusammen. Angesichts des Vorsorgebedarfs für die Alterssicherung und der Popularität von Lebensversicherungsprodukten zur Ersparnisbildung, dürfte sich in den kommenden Jahren ein sehr dynamisches Wachstum ergeben.

Ein weitere wichtige Bedingung für das termingerechte Erreichen des Plans ist das Ausbleiben eines Wachstumseinbruchs der chinesischen Volkswirtschaft, ausgelöst z.B. durch eine Finanzkrise aufgrund der enorm hohen Verschuldung. Doch selbst wenn sich dieses Risikoszenario realisieren sollte, gehen wir nicht davon aus, dass die hier skizzierte positive Entwicklung des Versicherungsmarktes ausbleibt, sondern dass sie sich lediglich um einige Jahre verschiebt.

Global Trending P&C 2016

Auch wenn sich das Wirtschaftswachstum in China weiter verlangsamt, bleiben Aussichten für Versicherungen ausgezeichnet. Wir erwarten einen zweistelligen Zuwachs. © Munich Re Economic Research
Versicherungsdurchdringung in der Sparte Schaden/Unfall (Beitragseinnahmen in Prozent des BIP) und Pro-Kopf-Einkommen (gemessen am Bruttonationaleinkommen pro Kopf in kaufkraftbereinigten US-Dollar) in ausgewählten Ländern 2016 (Schätzung) und für China im Zeitraum 1996-2020 (Schätzung und Prognosen ab 2016). Die "Global Trendline" für Schaden/Unfall beruht auf dem Verhältnis zwischen der Versicherungsdurchdringung in der Sparte Schaden/Unfall und dem Pro-Kopf-Einkommen in über 100 Ländern während der vergangenen 15 Jahre. Die Vorhersage für China geht von der Versicherungsdurchdringung 2016 in Schaden/Unfall aus und sieht eine Entwicklung vor, bei der die Durchdringung gemäß derjenigen Steigung der Global Trendline zunimmt, die dem erwarteten Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens entspricht (d.h. es wird nicht damit gerechnet, dass sie sich auf die Global Trendline zubewegt).

Munich Re Experten
Benedikt Rauch
Economist
Michael Menhart
Chefvolkswirt von Munich Re
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