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Versicherungsmärkte

Brasiliens Wirtschaft braucht einen langen Atem

Die schlechte Wirtschaftsentwicklung, politische Turbulenzen und nicht zuletzt die Ausbreitung des Zika-Virus stellen Brasilien als Gastgeber der Olympischen Spiele vor eine wahre Herkulesaufgabe. Zugleich steht das Land vor einer zusätzlichen großen Herausforderung: die konjunkturelle Erholung und das künftige Wirtschaftswachstum zu stabilisieren.

03.08.2016

Während sich das Gastgeberland Brasilien auf die Olympischen Spiele 2016 vorbereitet, richtet sich das Interesse der internationalen Medien nicht nur auf die kommenden Wettkämpfe, sondern auch auf die politische und wirtschaftliche Lage des Landes. Nach über zwei Jahrzehnten dynamischen Wachstums fragen die Analysten: Ist es jetzt vorbei mit dem „milagre brasileiro“ – dem brasilianischen Wunder? Keineswegs, meint Rodrigo Belloube, Leiter der Munich Re Außenstelle in São Paulo (siehe Interview). Er sieht die derzeitige Rezession als notwendige Korrektur. Die anhaltende Flut an Korruptionsskandalen in Politik und Wirtschaft belegt, dass im Land inzwischen eine gesunde Intoleranz gegenüber Fehlverhalten und Machtmissbrauch herrscht. Wenn die Konjunktur wieder anzieht, besteht die Herausforderung für Brasilien darin, Kurs auf ein moderates, aber stabiles Wirtschaftswachstum zu nehmen. Die Assekuranz kann dieses Ziel unterstützen.

Zwei Jahrzehnte lebhaftes Wachstum

Als Brasilien 1994 den Real als Landeswährung einführte und gleichzeitig sein Sozial- und Fiskalsystem reformierte, erfuhr das Land eine außergewöhnliche Stabilisierung, die der anschließenden dynamischen Wirtschaftsentwicklung den Weg bereitete. Man fand einen guten Mittelweg zwischen politischer Intervention und dem freien Spiel der Marktkräfte, wobei die Wachstumsimpulse hauptsächlich vom Binnenkonsum ausgingen. Ab dem Jahr 2000 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Brasiliens jährlich um rund 4 Prozent. 

Die brasilianische Wirtschaftspolitik bewährte sich während der weltweiten Finanzkrise: Das BIP schrumpfte lediglich um 0,6 Prozent, während im internationalen Durchschnitt ein Rückgang um 1,9 Prozent zu verzeichnen war. Die Mittelschicht ist im Laufe der Jahre dank zunehmender sozialer Mobilität stetig gewachsen. 

Ab 2014 gaben die dem Aufwärtstrend zugrunde liegenden Faktoren – insbesondere die Rohstoffpreise – allmählich nach. Das Land rutschte in eine anhaltende Rezession, die immer noch andauert. Das brasilianische BIP sank im ersten Quartal 2016 gegenüber dem Vorjahreswert um 5,45 Prozent (Quelle: IBGE). Der Rückgang fiel damit geringfügig schwächer aus als im vierten Quartal 2015 (–5,9 Prozent) und blieb unter dem erwarteten Wert von –6 Prozent. Die Konjunktur war somit das achte Quartal in Folge rückläufig. Zum Vergleich: Zwischen 1991 und 2016 wuchs das BIP in Brasilien pro Jahr im Durchschnitt um 2,78 Prozent. Während im ersten Quartal 1995 ein Rekordwachstum von 10,1 Prozent zu verzeichnen war, erreichte die Wachstumsrate im vierten Quartal 2015 mit –5,9 Prozent ihren bisherigen Tiefststand. 

Trotz der derzeit rückläufigen Wirtschaftsentwicklung gehen von Investitionen in Infrastruktur, Energieerzeugung und Städtebau weiterhin starke konjunkturelle Impulse aus. Die Ausgaben für Infrastruktur und Sportstätten für die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 belaufen sich Schätzungen zufolge auf insgesamt über 35 Milliarden €. Insbesondere bei den Olympischen Spielen in Rio bringen Projekte wie der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und die Errichtung von Sportstätten dem Land einen nachhaltigen Nutzen und dürften die konjunkturelle Erholung sowie ein künftiges stabiles Wirtschaftswachstum unterstützen.

Herausforderungen und Chancen für die Assekuranz

Mit einem Anteil von rund 40 Prozent der gebuchten Gesamtbruttobeiträge ist Brasilien nach wie vor der größte Versicherungsmarkt Lateinamerikas, gefolgt von Mexiko, Argentinien und Kolumbien. Obwohl der Markt über Jahre hinweg stetig gewachsen ist, vor allem in der Lebensversicherung, ist die Versicherungsdurchdringung immer noch gering. Im Zuge der wirtschaftlichen Erholung nach der derzeitigen Rezession dürften sich für Versicherer zunehmend Chancen bieten, diese Lücke zu schließen, beispielsweise mit Produkten, die auf die Bedürfnisse der wachsenden brasilianischen Mittelschicht zugeschnitten sind. Auch die Industrie- und die Agrarversicherung bergen enormes Potenzial. Durch die Entwicklung zielgerichteter Deckungen können die Risikoträger dazu beitragen, Investoren für wichtige Projekte zu gewinnen.

Der brasilianische Markt weist mit 74 im Land agierenden Versicherungskonzernen und insgesamt 114 Versicherungsgesellschaften einen hohen Konsolidierungsgrad auf. Auf die 10 größten Konzerne entfallen 79 Prozent der Gesamtbeiträge, wobei kapitalgedeckte Altersvorsorgeprodukte nicht berücksichtigt sind. Zwischen 2014 und 2015 stieg das Gesamtprämienaufkommen um 11 Prozent. Dabei lag die kapitalgedeckte Altersvorsorge mit 19,2 % klar an der Spitze (siehe folgende Abbildung). In den Nichtlebenssparten dominiert die Kraftfahrtversicherung mit einem Anteil von knapp 50 Prozent.
Brasiliens Wirtschaft steht vor großen Herausforderungen. Doch Munich Re unterstützt Erstversicherer & Industrie bei Projekten. Jetzt mehr erfahren. © Quelle: Munich Re
Gebuchte Bruttobeiträge im brasilianischen Markt (in Mrd. BRL)
(*) Die Angabe zum Segment Gesundheit bezieht sich auf Krankenversicherungen, die bei Versicherungsunternehmen abgeschlossen wurden. Der gesamte Gesundheitsmarkt belief sich 2015 auf 145 Mrd. BRL (nominales Wachstum von 14,3 % im Vergleich zu 2014)

Mit der Liberalisierung des Rückversicherungsmarkts im Jahr 2007 traten weitere Anbieter auf den Markt. Bis 2011 ließen sich 97 ausländische Rückversicherer in den Kategorien “ressegurador local” (voll lizenzierter lokaler Rückversicherer) “admitido” (zugelassen) und “eventual” (lokal registrierter Rückversicherer, der vom Ausland aus Geschäft zeichnet) registrieren. In der Folge überstieg das Angebot an Rückversicherungskapazität die Nachfrage, sodass einige Anbieter enttäuschende Beitragseinnahmen verzeichneten. Die hinter den Erwartungen zurückbleibende Geschäftsentwicklung und die aktuelle Rezession haben einige Rückversicherer bewogen, ihre Strategien für den brasilianischen Markt zu überdenken. Derzeit gibt es auf dem Markt über 200 Anbieter, die in der einen oder anderen Form als Rückversicherer lizenziert sind.

Munich Re als langjähriger Partner auf dem brasilianischen Markt

Munich Re ist seit 1951 unmittelbar in Brasilien aktiv und bekennt sich klar zum brasilianischen Markt. Auf der Grundlage unseres fundierten lokalen Marktwissens pflegen wir dort seit jeher enge Geschäftsbeziehungen. Das gilt umso mehr seit der Gründung unseres Repräsentanzbüros im Jahr 1997, das von dem heutigen Vorstandsvorsitzenden Nikolaus von Bomhard geleitet wurde. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass wir 2008 als erster ausländischer Rückversicherer den Status eines "ressegurador local” erhielten.

Munich Re sieht in Brasilien mittel- bis langfristig gute Chancen für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung und hat sich zum Ziel gesetzt, die Erstversicherer und die Industrie bei Projekten zu unterstützen, die der Allgemeinheit nützen und dem Umweltschutz Rechnung tragen. Wenn nach den Olympischen Spielen wieder Ruhe einkehrt und die weltweiten Medien sich dem nächsten Großereignis zuwenden, stehen wir weiterhin bereit, um Brasilien als starker und kompetenter Partner zu unterstützen.
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