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Wirtschaft

Innovationen bringen Wachstumsimpulse

Die Digitalisierung krempelt das Arbeits- und Wirtschaftsleben grundlegend um. Fabriken mit zunehmend sich selbst steuernden Robotern gibt es schon, autonom fahrende Lastwagen oder Güterzüge sind längst keine Utopie mehr. Der wirtschaftliche Vorteil ist offensichtlich, doch in wichtigen volkswirtschaftlichen Kennziffern sind die sprunghaften Entwicklungen der vergangenen 15 Jahre noch nicht zu sehen. Zeitversetzt jedoch sollte die Digitalisierung erhebliche Wachstumsimpulse bringen, so wie in der Vergangenheit bei Technologiesprüngen wie der Computerisierung in den 1980er- und 90er-Jahren der Fall. Die Sorge vor einer „säkularen Stagnation“, also einer Phase lang anhaltender niedriger Wachstumsraten und niedriger Zinsen, sollte daher unbegründet sein.

18.04.2017

Zu den derzeitigen Fakten: Das konjunkturelle Umfeld und der Ausblick für viele Industriestaaten haben sich in den letzten Monaten verbessert. Trotz zahlreicher politischer Risiken dürfte das Wirtschaftswachstum in den entwickelten Volkswirtschaften 2017 rund 1,9 Prozent betragen (nach 1,7 Priozent im Jahr 2016) und 2018 dann sogar noch etwas zulegen auf 2,0 Prozent. Auch die Zinsen liegen erkennbar höher als Mitte vergangenen Jahres.

Das allein wäre zu wenig, um Entwarnung zu geben vor der Sorge vieler Volkswirte vor einer „säkularen Stagnation“. Denn zu sehr spielen hier kurzfristige Entwicklungen wie die verstärkte Nachfrage der Konsumenten oder höhere Staatsausgaben eine Rolle. Bei den langfristigen Treibern des Wirtschaftswachstums, allen voran der Produktivitätsentwicklung und den Ausgaben für Investitionen, ist noch keine Trendumkehr zu beobachten: Die Arbeitsproduktivität in den G7-Staaten gemessen als Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde stagnierte im Jahr 2016 gar. Auch im weniger schwankungsanfälligen fünfjährigen Mittel (2012 bis 2016) lag die Zuwachsrate nur noch bei 0,4 Prozent, nach 1,0 Prozent im Zeitraum 2007-2011 und deutlich höherem Wachstum in den Jahren zuvor. 

 

Digitalisierung sollte spürbare Wachstumsimpulse auslösen, auch wenn dies bisher in den volkswirtschaftlichen Daten noch nicht sichtbar ist.
Arbeitsproduktivität in G7-Staaten wächst langsamer
Arbeitsproduktivität in den G7-Staaten wuchs langsamer – positive Effekte der digitalen Revolution lassen noch auf sich warten

Bei Technologiewandel stehen oft erst Sorgen vor den Folgen im Vordergrund

Dennoch steht der beobachtete Rückgang des Produktivitätswachstums in den Industriestaaten nicht von vorneherein im Widerspruch zum Ausmaß an Innovationen, die vor allem im Kontext der Digitalisierung in den letzten Jahren noch an Bedeutung gewonnen haben. Auch in früheren Zeiten großer wirtschaftlicher Umbrüche waren die positiven Auswirkungen dieser „industriellen Revolutionen“ nicht unmittelbar sichtbar. Oft standen sogar zunächst negative Effekte und daraus resultierende Sorgen vor den gesellschaftlichen Folgen im Vordergrund – etwa der Niedergang ganzer Wirtschaftszweige, die nach der Erfindung der Dampfmaschine nicht mehr rentabel waren. Langfristig jedoch entwickelten sich neue Wirtschaftszweige, in denen zahlreiche Arbeitsplätze entstanden. Und diese beschleunigten in der Summe dann auch Produktivitätsdynamik und das Wachstum.

Für die heutige Situation bedeutet das: Bis sich die derzeit zu beobachtende digitale Revolution in ihrer Breite in Produktionsprozessen und Arbeitsabläufen flächendeckend niederschlägt, dürfte noch einiges an Zeit vergehen. Sogar die Computerisierung ab den 1980er-Jahren führte erst mit einiger Verzögerung zu volkswirtschaftlich sichtbaren Produktivitätszuwächsen. So lag die durchschnittliche Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität in den USA zwischen 1986 und 1995 bei nur 1,3 Prozent pro Jahr – in den folgenden 10 Jahren stieg sie dann aber auf 2,5 Prozent. Hinzu kommt, dass auch schon in den vergangenen beiden Jahrzehnten die volkswirtschaftliche Dynamik vor allem von denjenigen Wirtschafts-sektoren getragen wurde, die in besonderem Maße von Ideen und Know-how getrieben sind. Und nach Schätzungen von Prognos für Deutschland trug die Digitalisierung in den Jahren 1998 bis 2012 mit 0,6 Prozentpunkten pro Jahr fast die Hälfte zum jährlichen Wachstum bei.

Versicherer investieren in Start-ups mit digitalen Geschäftsmodellen

Für Unternehmen, die sich zunehmender Veränderung infolge der Digitalisierung gegenüber sehen, ist Innovation höchst relevant. So erhöht beispielsweise die Versicherungsindustrie – ein Sektor, dem traditionell ein eher geringer Innovationsgrad nachgesagt wurde – erkennbar ihre Anstrengungen, um den Herausforderungen der „digitalen Revolution“ zu begegnen, zum Beispiel durch Kooperationen mit Startup-Firmen mit digitalen Geschäftsmodellen oder Investitionen in diese. Während im Jahr 2013 nach In-formationen des Datenanbieters CB Insights lediglich vier strategische Investitionen in Technologie-Startups stattfanden, tätigten Versicherer 2016 schon 100 derartiger Deals. Auch hier werden sich die Auswirkungen auf die Versicherungsmärkte in quantitativer Hinsicht erst allmählich zeigen.

Eine Entwicklung allerdings könnte die auf lange Sicht positiven wirtschaftlichen Effekte von Innovationen gefährden: Die politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen hin zu vermehrtem Protektionismus in einer Reihe von Industriestaaten, jüngst insbesondere in den USA, könnten sich negativ auf den langfristigen Ausblick auswirken. Denn Innovation und globale wirtschaftliche Integration hängen zusammen: Junge innovative Unternehmen auf der ganzen Welt haben so Zugang sowohl zu Kapital als auch zu neuen Absatzmärkten. Zudem besteht die Möglichkeit, gut ausgebildete Arbeitskräfte auch aus anderen Ländern zu rekrutieren  Und etablierten Unternehmen ermöglichen grenzüberschreitende Wertschöpfungsketten die bestmöglicher Nutzung innovativer Produktionsverfahren. 

Trend zur Digitalisierung wird spürbare Wachstumsimpulse bringen

Hinzu kommt: international tätige Unternehmen betreiben ihre Innovationsaktivitäten längst nicht mehr nur in ihrem Heimatland. So haben beispielsweise General Electric und IBM große Forschungszentren für Europa in München aufgebaut, und BMW betreibt mehrere Forschungseinrichtungen in den USA. Produktivitätsverbesserungen lassen sich durch internationale Vernetzung am einfachsten umsetzen und stützen die Wettbewerbsfähigkeit der betreffenden Unternehmen an ihren jeweiligen Standorten. Und innovative, wettbewerbsfähige Unternehmen tragen langfristig in besonderem Maße zu Wirtschaftswachstum und Wohlstandssteigerung ganzer Volkswirtschaften bei.

Unter dem Strich bleibt die Erwartung, dass der Trend zur Digitalisierung langfristig zu spürbaren Wachstumsimpulsen führen wird. Das Ausmaß lässt sich schwer prognostizieren. Aber wir glauben, dass die aus dem Jahr 1987 stammende Aussage des Nobelpreisträgers Robert Solow, damals zu den Effekten des Computerzeitalters, auch derzeit bei der Digitalisierung Gültigkeit hat: „You can see the computer age everywhere but in the productivity statistics.“

Munich Re Experten
Oliver Büsse
Senior Economist
Michael Menhart
Chefvolkswirt von Munich Re
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