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Wirtschaft

Wie künstliche Intelligenz unsere Volkswirtschaften transformieren wird

Künstliche Intelligenz gilt vielen als revolutionärer Fortschritt. Steuerungssysteme für Züge, die selbst über das nächste Wartungsintervall entscheiden, gibt es schon. Auch die Entlastung von Pflegern in Kliniken bei der Betreuung von Patienten durch Roboter scheint machbar. Von allen Technologiesprüngen durch Digitalisierung ist künstliche Intelligenz derjenige, der unsere Art zu wirtschaften, zu produzieren, zu konsumieren und zu arbeiten am stärksten verändern könnte.

29.05.2017

Viele Forscher messen ihr ähnlich bahnbrechende Effekte zu wie einst der Erfindung der Dampfmaschine oder des Internets. Dabei handelt es sich bei anwendungsorientierter künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen um eine Vielzahl von Technologien und Verfahren. Sie erlauben es Maschinen, (fast) ohne menschliches Zutun Sachverhalte zu verstehen, Neues zu lernen, Ereignisse vorherzusagen und letztlich zu handeln. Daraus ergeben sich vielfältige Anwendungsmöglichkeiten in unterschiedlichsten Bereichen der Wirtschaft – auch bei Versicherern.

Künstliche Intelligenz ergänzt menschliche Arbeitskraft und steigert die Produktivität

Künstliche Intelligenz gilt vielen als revolutionärer Fortschritt. Steuerungssysteme für Züge, die selbst über das nächste Wartungsintervall entscheiden, gibt es schon. Auch die Entlastung von Pflegern in Kliniken bei der Betreuung von Patienten durch Roboter scheint machbar. © Getty Images / Cultura RF
Seit Beginn der Finanzkrise 2007 ist das globale, reale Trendwachstum, also das Wachstum über einen vollen Konjunkturzyklus, im zehnjährigen Mittel von 3,9 auf nunmehr 3,1 Prozent pro Jahr gefallen. Diese Wachstumsschwäche, vermuten viele, sei der „neue Normalzustand“, an den man sich zukünftig gewöhnen müsse. Ein Hauptgrund hierfür ist das seit Jahren sinkende Wachstum der Arbeitsproduktivität. Innovationen und technische Neuerungen können diesen Negativtrend aber umkehren, indem sie dazu beitragen, dass Arbeitskraft und Kapital effizienter eingesetzt werden. 

Im Gegensatz zu anderen Technologiesprüngen kann künstliche Intelligenz menschliche Arbeitskraft nicht nur ersetzen, sondern vielmehr auch ergänzen. Beispielsweise kann ein Arzt bei der Diagnose auf einen riesigen Wissensschatz zurückgreifen, der von einem intelligenten digitalen Assistenten durchforstet wird.

Versicherungsmarkt wird von künstlicher Intelligenz profitieren

Darüber, dass Automatisierung im Allgemeinen und künstliche Intelligenz im Speziellen die Arbeitsproduktivität ansteigen lassen werden, sind sich Experten einig. Hinsichtlich der Höhe der Wachstumseffekte gehen allerdings die Schätzungen weit auseinander. Der Hauptgrund hierfür ist, dass sich schwer abschätzen lässt, wann die neue Technologien in welchem Umfang einsatzbereit sein noch welche Tätigkeiten zu welchem Grad ersetzbar werden. Auch ist unklar, welche Aufgabenbereiche neu geschaffen werden können.

Eine sehr optimistische Studie von Accenture und Frontier Economics erwartet für das Jahr 2035 einen durch künstliche Intelligenz bedingten Anstieg der Arbeitsproduktivität in elf westlichen Industrieländern und Japan um etwa 10 bis 40 Prozent. Folgt man den Autoren, so wird der flächendeckende Einsatz künstlicher Intelligenz das Wirtschaftswachstum in den genannten Ländern bis 2035 verdoppeln. Aber auch wenn man diesen Optimismus nicht teilt, kann man von positiven Wachstumseffekten ausgehen.

Auch die Versicherungswirtschaft könnte durch künstliche Intelligenz positive Impulse erhalten, und zwar nicht nur durch die rein gesamtwirtschaftlich getriebenen Impulse. Rund um künstliche Intelligenz werden bereits heute neue Produkte entwickelt, so zum Beispiel Deckungen für selbstfahrende Autos, vernetzte Fabriken, smarte Sensoren oder für Schäden durch Cyberkriminalität. Aber auch in internen Prozessen im Underwriting, in der Schadenanalyse, im Asset- und Risikomanagement wird in Zukunft künstliche Intelligenz zur Anwendung kommen. Beispielsweise könnten Sachschäden im Massengeschäft anhand von Bildmaterial automatisiert beurteilt werden – und zwar deutlich detaillierter als dies bisher möglich ist. Ebenso könnten Investitionsentscheidungen durch die Analyse großer Mengen unstrukturierter Daten noch schneller und informierter getroffen werden als bisher.

Arbeitswelt wird sich grundlegend verändern

Künstlicher Intelligenz wird nachgesagt, dass sie als erste Technologie auch Bürojobs auf breiter Front bedrohe. Nachdem Automatisierung und Robotisierung bereits klassische Arbeiterberufe in Bedrängnis gebracht hätten, würden nun erstmals auch die Stellen von Akademikern in Frage gestellt. Studien analysieren zur Untersuchung dieser Frage die einzelnen Tätigkeiten, die von Menschen auf verschiedenen Arbeitsstellen verrichtet werden. Hohes Automatisierungspotenzial weisen laut einer Studie des McKinsey Global Institutes Tätigkeiten im Hotel- und Gaststättengewerbe sowie im verarbeitenden Gewerbe auf. Ein vergleichsweise geringer Anteil an automatisierbaren Tätigkeiten findet sich hingegen beispielsweise im Bildungssektor oder in Pflegeberufen. Der Finanzsektor liegt bei seinem Automatisierungspotenzial im Mittelfeld. 

Droht also ein deutlicher Anstieg der Arbeitslosigkeit, wenn alle diese Aufgaben in Zukunft von intelligenten Maschinen übernommen werden? Wirtschaftlicher Strukturwandel ist eine Konstante der Geschichte und trotzdem – oder vielmehr genau deshalb – stieg der Wohlstand kontinuierlich und fanden Menschen neue Tätigkeitsfelder. Die OECD geht davon aus, dass in entwickelten Volkswirtschaften insgesamt 9 Prozent aller Stellen mit hoher Wahrscheinlichkeit vollständig durch Automatisierung wegfallen werden, während viele neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Allein die Einführung und Fortentwicklung von künstlicher Intelligenz in den verschiedensten Lebensbereichen wird die Nachfrage nach IT- und sonstigen Fachkräften aber enorm steigern. Zudem wird der Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch künstliche Intelligenz häufig aus ökonomischen oder gesellschaftlichen Gründen nicht erwünscht sein. Auch dürften kreative Tätigkeiten oder solche, die ein hohes Maß an sozialer Interaktion erfordern, wie beispielweise Designer oder Kindergärtner, in einer zunehmend digitalisierten Welt an Bedeutung gewinnen.

Lebenslanges Lernen und IT-Knowhow werden unverzichtbar sein

Dennoch werden sich zwangsläufig Änderungen ergeben, lebenslange Fort- und Weiterbildung weiter an Bedeutung gewinnen. Wenn ein Arzt in Zukunft beispielsweise Diagnosen mit Hilfe künstlicher Intelligenz stellt, benötigt er neben medizinischem Wissen auch mehr IT-Knowhow. Der Anspruch an das allgemeine Bildungsniveau wird damit weiter steigen. Für den Einzelnen bedeutet dies aber auch, dass er sich wiederholende Tätigkeiten von Computern erledigen lassen und sich auf kreative Aufgaben konzentrieren kann.
Künstliche Intelligenz gilt vielen als revolutionärer Fortschritt. Steuerungssysteme für Züge, die selbst über das nächste Wartungsintervall entscheiden, gibt es schon. Auch die Entlastung von Pflegern in Kliniken bei der Betreuung von Patienten durch Roboter scheint machbar.
Arbeitsstunden pro Jahr und Arbeiter in G7-Ländern, 1950-2015
Mit Künstlicher Intelligenz wird der Trend kürzerer Arbeitszeiten in entwickelten Volkswirtschaften anhalten

Darüber hinaus werden der Einsatz künstlicher Intelligenz und die damit verbundenen Produktivitätszuwächse sehr wahrscheinlich die Reallöhne steigen lassen. Gleichzeitig kann zukünftig die gleiche Wertschöpfung durch weniger menschliche Arbeitsleistung erzielt werden, so dass die Wochenarbeitszeit insgesamt zurückgehen wird. Sollte also künstliche Intelligenz die an sie gestellten Erwartungen erfüllen, dürfte der Wohlstand wachsen und sich der in den meisten entwickelten Volkswirtschaften zu beobachtende Trend rückläufiger Arbeitszeiten fortsetzen.

Angesichts der tiefgreifenden Veränderungen, die die Verbreitung der künstlichen Intelligenz mit sich bringen wird, stellen sich sehr grundlegende, auch ethische Fragen. Die müssen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft beantwortet werden.

Munich Re Experten
Alexander Dietrich
ist Economist bei Munich Re und hat sich auf die Analyse von Wirtschafts- und Versicherungsmarktthemen spezialisiert.
Susanne Gäde
ist als Economist bei Munich Re zuständig für Geldpolitik, Finanzmarktregu­lierung und kapitalmarktnahe Themen.
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