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Globale Trends und Politik

Wird es bald Geld vom Himmel regnen?

Selbst für Schweizer kam die Aufhebung der Wechselkursuntergrenze zum Euro überraschend, die Verunsicherung ist weltweit groß. Über die Hintergründe und mögliche Konsequenzen sprach Topics Online mit Michael Menhart, Chefvolkswirt bei Munich Re.

13.04.2016

Der Begriff wurde in den 1960er-Jahren von dem Ökonomen Milton Friedman geprägt. Er schuf dabei das Bild von Helikoptern, die frisch gedruckte Geldscheine über den Städten und Dörfern abwerfen. Im Kampf gegen niedrige Inflationsraten könnte die Geldpolitik also im Extremfall Geld ohne Umweg über die Banken direkt an die Bevölkerung verteilen, um so Konsum, Wirtschaftswachstum und Inflation zu fördern.

In der Praxis könnte eine Zentralbank beispielsweise der Regierung Geld leihen und die Forderung sofort abschreiben. Der Staat gibt das Geld dann entweder direkt aus oder stellt es seinen Bürgern durch eine Steuerrückzahlung zur Verfügung.

Über Jahrzehnte hinweg war dieses Konzept nicht mehr als eine Anekdote der ökonomischen Theorie. Doch nun scheint die Idee Anhänger zu gewinnen. Ben Bernanke, späterer Präsident der US-Fed, hatte bereits 1999 im Zusammenhang mit Deflationsrisiken in Japan das Helikopter-Geld als mögliche Lösung ins Spiel gebracht. Lord Adair Turner, ehemaliger Chef der britischen Bankenaufsicht, sieht darin einen möglichen Ausweg aus der aktuellen Staatsschuldenproblematik. Spätestens seit Mario Draghi von einem zwar nur akademischen, aber „sehr interessanten Konzept“ gesprochen hat, ist das Helikopter-Geld in aller Munde.

Warum auf Krisen mit Reformen reagieren, wenn es auch Geld vom Himmel regnen könnte?

Allerdings wären die Nebenwirkungen beträchtlich. Denn beim Quantitative Easing druckt die EZB zwar auch Geld, indem sie Anleihen auf dem Sekundärmarkt kauft, doch hier lässt sich die neu geschaffene Geldmenge durch einen späteren Verkauf der Anleihen wieder reduzieren – das geht beim Helikopter-Geld nicht. Die Nebenwirkungen wären beträchtlich. Man muss dazu nicht einmal das Schreckensbild der Hyperinflation in Deutschland bemühen, das 1923 auch durch direkte monetäre Staatsfinanzierung zu Stande kam.

Und das Helikopter-Geld wäre nichts anderes als eine „perfekte Droge“. Warum auf Krisen mit Reformen reagieren, wenn das Geld einfach „vom Himmel regnen könnte“? Ein staatliches Konjunkturprogramm, scheinbar ohne Anstieg der Staatsverschuldung. Und den Menschen wäre eine Steuergutschrift sicher leichter zu verkaufen als negative Zinsen. Von dieser Droge wieder loszukommen, wäre aber schwierig.

Denn den Einsatz des „monetären Helikopters“ sieht man vielleicht nicht auf den ersten Blick in der Staatsverschuldung, dafür aber umso mehr in der Bilanz der Zentralbank. Es wäre ein schwerer Schlag gegen die Glaubwürdigkeit der Notenbank. Zudem könnte die daraus folgende Währungsabwertung einen Abwertungswettlauf der Zentralbanken weltweit befeuern.

Aus gutem Grund stehen der Idee des Helikopter-Geldes daher rechtliche Schranken im Wege: Der EZB ist monetäre Staatsfinanzierung explizit untersagt. Doch der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wer glaubt, Geld vom Himmel regnen zu lassen, sei schon die verrückteste Idee zu Ankurbelung der Wirtschaft, der sei auf John Maynard Keynes verwiesen. Der berühmte Ökonom schlug auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren vor, große Bargeldmengen in stillgelegten Kohleminen zu verstecken, das dann von arbeitslosen Minenarbeitern gesucht, gefunden und ausgegeben werden sollte.

Munich Re Experten
Michael Menhart
Chefvolkswirt von Munich Re
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