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Globale Trends und Politik

BREXIT Update

Wo stehen wir heute und wo geht die Reise hin?

Die Briten haben am 23. Juni für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Wo stehen wir heute, und wo geht die Reise hin? Drei Fragen an Michael Menhart, Chef-Volkswirt bei Munich Re, und Carsten Prussog, bei Munich Re Chief Executive für Großbritannien.

27.10.2016

Die Abstimmung liegt nun vier Monate zurück, der offizielle Austrittsprozess ist noch nicht gestartet und die Wirtschaft scheint die Unsicherheit bislang relativ gut zu verkraften. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Michael Menhart: Die politische Unsicherheit ist nach wie vor hoch. Die Finanzmärkte aber haben sich nach einem anfänglichen Schock stabilisiert. Zudem ist die britische Wirtschaft bislang relativ robust. Die Sorgen vor einer unmittelbar bevorstehenden Rezession haben sich als übertrieben erwiesen. Gleichwohl ist dies nur eine Momentaufnahme, welche die Herausforderungen der kommenden Monate überdeckt. Insbesondere eine sich abzeichnende Investitions-Zurückhaltung britischer Unternehmen dürfte zu einer spürbaren Belastung für die Konjunktur im Jahr 2017 werden. In der restlichen EU sind die ökonomischen Auswirkungen bislang ebenfalls sehr begrenzt. Allerdings dürften sich gewisse wachstumsdämpfende Effekte der Brexit-Entscheidung im kommenden Jahr zeigen.

Auf der politischen Ebene haben wir nun nach den Ankündigungen von Premierministerin May über den Beginn des Austrittsprozesses im Frühjahr 2017 und dessen Zielsetzung etwas mehr Klarheit nach Monaten des Rätselratens. Aber die Unsicherheit über die zukünftigen Beziehungen zwischen EU und UK wird auch nach Beginn der Austrittsverhandlungen weiter anhalten – mit negativen wirtschaftlichen Folgen.

Welche Auswirkungen der Brexit-Entscheidung zeigen sich für die Versicherungswirtschaft – und auf das Geschäft von Munich Re?

Carsten Prussog: Unmittelbar nach dem Brexit-Votum hatten einige Kunden, insbesondere die mit großen Life-Portfolios einen deutlichen Rückgang der Marktkapitalisierung zu verzeichnen. Mittlerweile ist die Lage weniger dramatisch: die Kapitalmärkte haben sich stabilisiert und die Wirtschaft zeigt sich weiterhin relativ solide. Darüber hinaus zeichnen sich für unsere Kunden insbesondere in zwei Bereichen Veränderungen ab. Ich denke hier insbesondere an Wechselkurseffekte oder Befürchtungen im Zusammenhang mit den sogenannten Passporting-Regelungen, die es Finanzfirmen in UK ermöglichen, Produkte und Dienstleistungen auf dem Kontinent anzubieten. Das Britische Pfund notiert sowohl gegenüber dem Euro als auch dem US-Dollar deutlich schwächer. Die Wechselkursschwankungen können einen Einfluss auf die GuV unsere international operierenden Kunden haben. Die Kunden, die derzeit von den Passport-Rechten profitieren, befassen sich bereits mit den Auswirkungen, die die neue Ausgestaltung der Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien mit sich bringen könnte. Das betrifft unter anderem die Frage, ob Niederlassungen mit mehr Kapital ausgestattet oder Niederlassungen in vollständige Tochtergesellschaften umgewandelt werden müssen. In beiden Themenkomplexen können wir als Munich Re auch beratend zur Seite stehen.

Für Munich Re sind die Auswirkungen der Brexit-Abstimmung in einigen Bereichen, insbesondere im Property Geschäft beherrschbar, denn Prämieneinnahmen, Reservestellung und Schadenregulierung erfolgen in Britischen Pfund. Allerdings hat die niedrigere Zinskurve Einfluss auf die Profitabilität unseres Casualty-Buchs. Zusätzlich müssen wir die mögliche Erhöhung der Schadenfrequenz in Financial Lines infolge der gewachsenen ökonomischen Unsicherheit aufmerksam beobachten.

Wird es zu einem Kompromiss zwischen der EU und UK kommen, wie kann der ausschauen, und was passiert, wenn nicht?

Menhart: Auch wenn es über den Zeitpunkt des EU-Austritts nun mehr Klarheit gibt – nach jetzigem Stand im Frühjahr 2019 –, das „Wie?“ des Brexits wird noch für viele Diskussionen sorgen. Von entscheidender Bedeutung ist hier das Spannungsverhältnis zwischen dem Wunsch Großbritanniens nach mehr nationaler Souveränität, insbesondere hinsichtlich der Einwanderungskontrolle, und einem weiteren Zugang zum EU-Binnenmarkt. Die britische Regierung misst der Rückgewinnung von Souveränität klare Priorität zu und strebt nur unter diesen Bedingungen Zugangsmöglichkeiten zum Binnenmarkt an. Für die EU hingegen gehört der freie Personenverkehr zum Wesenskern des Binnenmarktes – was im Übrigen auch für Nicht-EU-Länder wie Norwegen oder Schweiz Voraussetzung für die Teilnahme ist. Eine „Rosinenpickerei“ seitens Großbritanniens wird die EU nicht zulassen wollen, denn dies könnte Austrittswünschen auch in anderen Mitgliedsländern Auftrieb geben.

Unklar ist auch, ob der vorgesehene Zeitrahmen von zwei Jahren für die Austrittsverhandlungen ausreicht. Angesichts der Komplexität der Verhandlungsthemen erscheint das zweifelhaft. Wir müssen also davon ausgehen, dass auch nach einem Austritt viele Fragen offen bleiben und die Unsicherheit über Ausgang und Folgen des Austritts für UK und EU deutlich länger hoch bleibt.

Auch wenn sich die Positionen von UK und EU derzeit scheinbar unversöhnlich gegenüber stehen – ein Kompromiss, der den Briten mehr Kontrolle über die Einwanderung einräumt sowie zugleich Unternehmen in UK und in der EU weiterhin gegenseitigen Marktzugang ermöglicht, ist aus meiner Sicht vorstellbar. Denn zu hoch wäre der Preis eines kompletten Ausstiegs Großbritanniens, wirtschaftlich vor allem für das Land selbst, aber auch vor allem politisch für die restlichen EU-Staaten. Gleichwohl bin ich etwas besorgt, dass sich Vertreter einer „harten Linie“ am Ende durchsetzen könnten, und UK und EU dann für ihre wirtschaftlichen Beziehungen auf komplett neue Handelsregeln angewiesen wären. Mit Blick auf die Schwierigkeiten, solche Abkommen abzuschließen – das zeigen die aktuellen Beispiele CETA und TTIP sehr deutlich – könnten die ökonomischen Folgen eines derartigen Weges insbesondere für UK sehr nachteilig sein.

Prussog: Insbesondere unsere Kunden mit EU-Exposure verfolgen die politische Debatte und werden sich auf bevorstehende Veränderungen einstellen müssen. Manche beginnen bereits mit der Lobby-Arbeit, um regulatorische Doppelungen und den damit verbundenen Verwaltungsaufwand in Grenzen zu halten.

Für die EU wird es letztlich ein heikler Balanceakt. Es geht einerseits darum, eine klare Grenze zu ziehen (um „Dominoeffekte“ zu verhindern) und andererseits die Beziehungen zu einem sehr wichtigen Handelspartner fortzuführen. Von den Verhandlungen der nächsten Jahre hängt einiges ab: die Rolle, die der britische Versicherungsmarkt in der Welt spielt, wie hoch das Potenzial für Regulierungsarbitrage ist, z. B. mit Blick auf Solvency II, und welche zusätzlichen administrativen bzw. regulatorischen Belastungen und Kosten auf die Unternehmen zukommen. Wie sich das alles auf unser Geschäft auswirkt, bleibt abzuwarten.

Munich Re Experten
Carsten Prussog
Chief Executive United Kingdom, Ireland, Netherlands, Nordics, Baltics, Russia
Michael Menhart
Chefvolkswirt von Munich Re
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