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Globale Trends und Politik

Schottland lässt die Büchse der Pandora zu

Schottland hat am 18. September entschieden, Teil Großbritanniens zu bleiben – aus ökonomischer Sicht eine gute Entscheidung. Michael Menhart, Chefvolkswirt von Munich Re, skizziert die Risiken, die ein Ja zur Unabhängigkeit mit sich gebracht hätten.

19.09.2014

Aus in der Vorrunde! Die englische Nationalmannschaft enttäuschte bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien 2014 genauso wie in den meisten vorherigen Turnieren. Schon seit jeher schicken England, Schottland, Wales und Nordirland jeweils eigene Teams ins Rennen, fast immer mit mäßigem Erfolg. Eine gemeinsame Nationalmannschaft Großbritanniens gibt es nur bei Olympischen Spielen. Dabei könnte die Insel zum Beispiel mit dem Stürmer Gareth Bale aus Wales, dessen Tore Real Madrid im Sommer den Champions League-Titel brachten, ihre Mannschaft enorm verstärken. Solche Gedankenspiele – mehr ist es nicht – passen jedoch weniger denn je in das aktuelle politische Umfeld, in dem mehrere Regionen in Europa nach mehr Autonomie streben. Derweil hat Schottland am 18. September entschieden, Teil Großbritanniens zu bleiben – aus ökonomischer Sicht eine gute Entscheidung.

Unabsehbare ökonomische Risiken

Wirtschaftlich hätte ein unabhängiges Schottland vor allem auf die Öl- und Gasvorkommen gesetzt, die sich fast komplett auf schottischem Territorium befinden. Doch trotz dieser zweifellos attraktiven Geldquelle wären die ökonomischen Risiken einer Abspaltung von Großbritannien unabsehbar gewesen. Das beginnt schon bei der Frage, ob die Schotten das britische Pfund hätten behalten dürfen, was bezweifelt werden muss. Ein Ausschluss aus dem Währungsverbund mit London hätte fatale Folgen für den schottischen Finanzsektor haben können. Das kleine Schottland wäre beispielsweise bei der Rettung der systemrelevanten Bank Royal Bank of Scotland in der Finanzkrise schnell an seine Grenzen gestoßen. Ohne die Rückendeckung durch die Bank of England steigt im Ernstfall das Risiko einer Vertrauenskrise seitens der Investoren und Kunden. 
© Munich Re
Ohne die Rückendeckung einer größeren Familie, sei es Großbritannien oder die Europäische Union, wäre es für kleine, neuerdings autarke Staaten ungleich schwerer.
Michael Menhart
Head of Economic Research

Zudem hätten bestehende Vertragsbeziehungen zwischen schottischen und britischen Unternehmen an eine neue Währung angepasst werden müssen. Niemand weiß, wie viele in Schottland beheimatete Unternehmen im Ernstfall schnell die Zelte in Schottland zugunsten des Finanzzentrums London abgebrochen hätten. Als Fraglich wäre zudem gewesen, ob Schottland sich angesichts seiner demographischen Entwicklung seinen Sozialstaat ohne Transferzahlungen aus London weiter hätte leisten können. Für den Rest Großbritanniens wäre eine Abspaltung Schottlands ökonomisch und politisch ebenfalls ein Kraftakt mit ungewissen Folgen gewesen. Im britischen Staatshaushalt hätten Steuereinnahmen aus Öl und Gas gefehlt, London hätte im Gegenzug allerdings auch geringere Ausgaben gehabt, weil Transferleistungen in Richtung Schottland weggefallen wären. Eine Abspaltung hätte auch die politischen Gewichte in Europa verändert, und dies kaum zugunsten von London.

Separatistische Strömungen auf dem Vormarsch

Schottland ist kein Einzelfall in Europa. Die Katalanen streben in Spanien nach Autonomie ebenso wie schon sehr viel länger die Basken. In Italien diskutiert die Region Veneto über die Gründung einer unabhängigen Republik, und in Südtirol sind die Rufe nach Eigenständigkeit noch nicht verstummt. Auch in Belgien sind sich Flamen und Wallonen nicht immer einig, wie autark sie sein wollen. Hinter all diesen Strömungen stehen verschiedene Motive: Relativ wohlhabende Regionen fühlen sich vom Zentralstaat finanziell ausgebeutet, der ärmere Regionen, vermeintlich unberechtigt, alimentiert. Die Bevölkerung ist unzufrieden mit der Ordnungs- und Steuerpolitik der Regierung. Hinzu kommen historisch gewachsene Unterschiede und Rivalitäten zwischen Bevölkerungsgruppen und Regionen.

Ist das ein gefährlicher Trend hin zu einer Desintegration in Europa? Nicht unbedingt: Autonomiebestrebungen einzelner Regionen und die zunehmende wirtschaftliche und politische Bedeutung der EU widersprechen sich nicht zwingend. In dem Zuge, in dem die Verantwortung der Europäischen Union steigt, nimmt der Einfluss der Mitgliedsländer ab. Der Wunsch nach Eigenständigkeit richtet sich ja meist gegen die Zentralregierungen der Nationalstaaten. Ein Austritt unabhängiger Region aus der EU steht nicht auf dem Programm. Kein Wunder, denn im „Schoße eines starken Verbunds“, in dem es keine Diskussionen mehr um  Binnenmarkt oder Zölle gibt, kann man sich Autonomie eher leisten. Aber Schottland wäre nicht automatisch Mitglied der Europäischen Union geworden. Um ihr beitreten zu können, hätten alle anderen Länder zustimmen müssen. Das wäre aber alles andere als sicher gewesen. Denn Staaten, die von ähnlichen Zentrifugalkräften betroffen sind, hätten wenig Anreiz gehabt, den Schotten den Weg in die Unabhängigkeit leicht zu machen – denn damit wäre die „Büchse der Pandora“ geöffnet gewesen. Ohne die Rückendeckung einer größeren Familie, sei es Großbritannien oder die Europäische Union, wäre es für kleine, neuerdings autarke Staaten ungleich schwerer. Zwar mögen kleine Einheiten in guten Zeiten alleine ganz ordentlich zurechtkommen, aber was passiert in schlechten Zeiten, wenn etwa Finanzkrisen toben?

Auch für den Rest Europas wäre es schwieriger gemeinsame Lösungen für zentrale Aufgaben zu finden: Regulierung, Energieversorgung, Migration, Außen- und Sicherheitspolitik, um nur die wichtigsten zu nennen. Das ist komplex genug mit 28 Mitgliedsländern und wird nicht leichter, wenn es mehr werden. Zurück zum Sport: Niemals würden Schotten, Nordiren, oder Waliser ihre eigenständigen Fußballverbände aufgeben. Aber: Bei den Olympischen Spielen in London 2012  belegte die gemeinsame Olympia-Mannschaft Großbritanniens im Medaillenspiegel Platz drei, weit vor allen anderen europäischen Nationen. Und zum Glück sieht es nun so aus als ob das britische Team weiter auf die Unterstützung durch schottische Athleten zählen kann.

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