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Globale Trends und Politik

Der Renminbi - erste Liga, aber noch lange nicht Champions League

Der schwierigste und längste Teil des Weges zu einer echten Weltleitwährung auf Augenhöhe mit dem US-Dollar oder dem Euro steht China noch bevor. Ein Kommentar von Michael Menhart, Chefvolkswirt von Munich Re.

09.12.2015

Es sind endlich wieder positive Nachrichten für China: Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat beschlossen, den chinesischen Renminbi zum 1. Oktober 2016 in seinen Währungskorb aufzunehmen. Der Schritt steht symbolhaft für die Kräfteverschiebung in der Weltwirtschaft. Für China ist dies ein wichtiger Prestige-Erfolg, spielt die Währung doch jetzt in der gleichen IWF-Liga wie der US-Dollar, der Euro, das britische Pfund und der japanische Yen. In der Champions League ist sie aber noch lange nicht.
Der IWF hat mit der Entscheidung ein wichtiges politisches Signal gegeben. Schon seit Langem monieren die Schwellenländer ihren unverhältnismäßig geringen Einfluss im Währungsfonds. Je größer die Bedeutung Chinas in der Weltwirtschaft wurde, desto mehr war die US-Dominanz im IWF Peking ein Dorn im Auge. Wenn schon eine Änderung der Stimmrechte im IWF am Widerstand des US-Kongresses scheitert, wird den Chinesen nun zumindest der Prestigeerfolg der Aufnahme in den Währungskorb vergönnt. Sehr viel mehr ist es aber auch nicht.
Und trotz Aufnahme in den IWF-Währungskorb - der schwierigste und längste Teil des Weges zu einer echten Weltleitwährung auf Augenhöhe mit dem US-Dollar oder dem Euro steht China noch bevor. Noch immer werden mehr als 60 Prozent der globalen Währungsreserven in US-Dollar gehalten. Der Anteil Chinas am weltweiten Handel beträgt aktuell 13 Prozent. Doch nur 3 Prozent des internationalen Zahlungsverkehrs werden in Renminbi getätigt.

Vier wesentliche Kriterien einer Leitwährung

Historisch betrachtet ging wirtschaftliche Dominanz immer mit einer zunehmend globalen Rolle der Währung einher. So war es nach dem 2. Weltkrieg beim US-Dollar, in den 1970er Jahren bei der D-Mark oder dem japanischen Yen. Die wirtschaftliche Größe Chinas spricht ganz klar für einen weiteren Bedeutungsgewinn des Renminbi. China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft und seit 2009 hinter den USA und der Eurozone drittgrößter Exporteur der Welt. Die Frage, ob eine Währung als Leitwährung anerkannt ist, hängt aber neben der wirtschaftlichen Bedeutung und der Handelsstärke der Volkswirtschaft auch vom Vertrauen in die Währung sowie in die Stabilität und Offenheit der Finanzmärkte ab.
Aber erfüllt China wirklich das Kriterium einer hinreichend frei handelbaren Währung? Hier fällt das Votum des IWF wohlwollend aus. Der Währungsfonds begründet seine Entscheidung zugunsten des Renminbi unter anderem auch mit den Erfolgen bei der Reform der chinesischen Finanzmärkte. In der Tat tut sich hier einiges. Immer mehr Länder können beispielsweise dank eines Swap-Abkommens mit China ihre Geschäfte direkt in Renminbi abrechnen. Der chinesische Interbankenmarkt wird nach und nach für ausländische Institutionen geöffnet. Staatliche Eingriffe zur Steuerung des Wechselkurses sind kein Hinderungsgrund für die Aufnahme in den IWF-Währungskorb. Dennoch wird sich die Pekinger Führung auch diesbezüglich zurücknehmen müssen, wenn sie es mit dem Reformkurs ernst meint. Sie sieht zwar die starke Abwertung des Renminbi im August dieses Jahres als klaren Beleg dafür, dass zunehmend Marktkräfte den Kurs der chinesischen Währung bestimmen. Doch weiterhin wird der Kurs des Renminbi jeden Tag von staatlicher Stelle festgelegt. 
Die Abwertung im August mag für die meisten Marktteilnehmer überraschend stark gewesen sein. Man kann aber trefflich darüber streiten, ob von staatlicher Seite wirklich den Marktkräften nachgegeben wurde oder - zumindest teilweise - doch eher den Wirtschaftsplanern, die sich angesichts nachlassenden Wirtschaftswachstums und enttäuschender Exportzahlen eine schwächere Währung gewünscht haben. Wirklich glaubwürdig wird das Bekenntnis zu mehr Markt und weniger staatlicher Intervention erst, wenn damit auch schmerzhafte Folgen für die eigene Wirtschaft und den Grad der Planerfüllung zugelassen werden. Hier steckt Peking in einem Dilemma. Je mehr die chinesische Regierung ihre Finanzmärkte öffnet, desto deutlicher werden die Markteilnehmer Krisen und Verwerfungen zu spüren bekommen. Potenzial gibt es dazu schon heute mehr als genug in China – vom hoch verschuldeten Unternehmenssektor über Zweifel an der Tragfähigkeit kommunaler Finanzen bis zur Gefahr eines Einbruchs auf dem Immobilienmarkt. 

Wie ernst meint es Peking mit Marktöffnung und Reformeifer?

Das Vertrauen der Welt in die Stabilität der chinesischen Wirtschaft war in den letzten 20 Jahren vor allem das Vertrauen in die Fähigkeit der chinesischen Staatsführung, die rasante Entwicklung Chinas durch staatliche Eingriffe zu lenken, ohne dass es zu massiven Verwerfungen kommt. Dies ist bemerkenswert genug, wird dies doch kaum einem Politiker eines westlichen Industrielandes zugetraut. Für den weiteren Aufstieg Chinas und die Etablierung des Renminbi als Leitwährung reicht dies jedoch nicht mehr aus. Jetzt werden die Finanzmärkte sehr genau beobachten, wie ernst es Peking mit Marktöffnung und Reformeifer meint, wenn die Luft etwas dünner und die Rückschläge spürbarer werden.
Mit seinen enormen Devisenreserven könnte China noch einige Feuer auf seinen Finanzmärkten löschen. Daran zweifelt weiterhin kaum jemand. Das Vertrauen, genau dies aber künftig nicht mehr so häufig zu tun, sondern auch Krisen zuzulassen und mit den Folgen zu leben, muss sich die chinesische Führung noch erarbeiten. Die bisherigen Reformschritte gehen hierfür noch nicht weit genug, vor allem im privaten Sektor. So unterliegen Kapitalabflüsse aus China weiterhin starken Restriktionen, Erleichterungen gibt es vor allem für Kapitalzuflüsse. Der Reformprozess wird daher nicht nur Mut, sondern auch viel Zeit erfordern. Der IWF setzt darauf, China durch die Aufnahme des Renminbi in den Währungskorb in seinem Reformkurs zu bestärken. Nur wenn dies gelingt, wird das Reich der Mitte in die Champions League der weltweiten Finanzmärkte aufsteigen und sich dort auch halten können. Dieser Beweis steht noch aus.

Munich Re Experten
Michael Menhart
Chefvolkswirt von Munich Re
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