dcsimg
Globale Trends und Politik

China: Die Probleme sind bekannt, die Angst ist neu

Kurseinbruch an Chinas Börsen, Abwertung des Yuan, weniger Wachstum! Die Nachrichten aus dem Reich der Mitte treiben Anlegern wie Ökonomen und Politikern Sorgenfalten auf die Stirn. Für Panik gibt es keinen Grund, aber auch nicht für Sorglosigkeit.

28.08.2015

Zuerst warnen die einen vor dem China-Crash, dann die anderen vor China-Hysterie. Die Einschätzungen zur wirtschaftlichen Lage im Reich der Mitte schwanken fast so heftig wie die Kurse an den chinesischen Börsen. Dennoch sollte man beiden Seiten zuhören. China ist noch weit von einem drastischen Wachstumseinbruch entfernt. Eine etwas geringere Dynamik muss nicht zwangsläufig in die globale Katastrophe führen. So schätzt die Bundesbank ein gerade mal um rund 0,3%-Punkte geringeres Bruttoinlandsprodukt in Deutschland, falls die reale Inlandsnachfrage in China innerhalb von zwei Jahren um neun Prozent geringer ausfällt. Doch die Welt wird sensibler für die Risiken in China – die Unsicherheiten an den Weltbörsen sind ein klares Indiz dafür – und dies zurecht.

Ein abrupter und massiver Wachstumseinbruch, das sogenannte „China Hard Landing“ hätte sehr wohl deutliche Folgen für die Weltwirtschaft. Knapp 30 Prozent des globalen Wachstums kamen in den vergangenen fünf Jahren aus China. Auch wenn China mit Waren im Wert von 75 Mrd. Euro nicht einmal sieben Prozent der deutschen Exporte aufnimmt: Ohne die enorme Dynamik der Wirtschaft in China hätte Deutschland die Finanzkrise nicht so glimpflich überstanden. Auch für die Assekuranz hätte eine Krise der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt Konsequenzen.

Zwar ist das direkte Engagement europäischer Versicherer im Reich der Mitte noch relativ gering. Doch China ist schon jetzt der viertgrößte Versicherungsmarkt der Welt. Steigender Wohlstand und zunehmender Absicherungsbedarf bleiben wichtige Wachstumstreiber. Etwas mehr als 20 Prozent des weltweiten Prämienanstiegs erwarten wir bis 2020 aus China. Diese Prognosen müssten im Falle eines Hard Landing jedoch deutlich nach unten korrigiert werden. Und: Je größer die Sorgen um China werden, desto kleiner wird die Bereitschaft der westlichen Zentralbanken zur Normalisierung der Geldpolitik sein, zum Leidwesen der Versicherer.

China durchlebte in den vergangenen Jahrzehnten einen atemberaubenden Aufholprozess, der von einer stetig steigenden Arbeitsproduktivität gekennzeichnet war. Immer mehr Menschen zogen vom Land in die Stadt und fanden Arbeit in der Industrie und im Dienstleistungssektor. Arbeit, die produktiver war als die in der Landwirtschaft. Zusätzlich gesteigert wurde die Produktivität durch Reformen der Regierung: Staatsbetriebe wurden privatisiert, Märkte liberalisiert. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen, die Produktivitätsgewinne durch weitere Reformen werden aber bescheidener ausfallen als in der Vergangenheit.

Transformation bringt Reibungsverluste

Noch immer tragen die Investitionen knapp 50 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Jetzt muss und möchte China seine Abhängigkeit von den Investitionen reduzieren, denn dieses Modell ist nicht nachhaltig, im Gegenteil: Es führt zu Überkapazitäten und Fehlinvestitionen. Im Gegenzug will die Regierung den privaten Konsum stärken, was  Löhne und Lohnkosten steigen lässt und die Wettbewerbsfähigkeit der Exporte, der zweiten Stütze im Modell China, verringert. Dass dieser Transformationsprozess mit niedrigeren Wachstumsraten einhergehen wird, ist nicht nur zu erwarten, sondern wird bewusst in Kauf genommen. Das ist allerdings nur ein Teil der Geschichte.

Chinas atemberaubende ökonomische  Expansion hatte immer das Potenzial für Verwerfungen und Rückschläge. Beispiel Immobiliensektor: Die massiven Investitionen in Wohnraum waren ein Haupttreiber des Booms. Inzwischen ist klar: Ganze Geisterstädte sind ungenutzt. Beispiel Verschuldung des Unternehmenssektors: Sie wird mittlerweile auf mehr als 170 Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung geschätzt, zu viele Investitionen wurden auf Pump finanziert. Und schließlich erlebte China jüngst einen sagenhaften Börsenboom. Keines der Probleme ist neu, weder für die chinesische Regierung noch für den Rest der Welt.

Was hat sich geändert?

Die wichtigste Stütze des Wirtschaftswunders scheint ins Wanken zu geraten: Das Vertrauen der Welt in die Fähigkeit der chinesischen Staatsführung, die größte ökonomische Transformation eines Landes in der Wirtschaftsgeschichte zu managen, ohne dass es zu massiven Verwerfungen kommt. Keinem westlichen Politiker würden wir zutrauen, dass er durch planvolle Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen Wohlstand dauerhaft mehren und Krisen verhindern kann. Genau dieses Vertrauen in einen effektiven chinesischen Staatskapitalismus war nahezu grenzenlos. Dies lag sicher an Chinas enormen Devisenreserven von mehr als drei Billionen USD, die notfalls zum Löschen von Krisen eingesetzt werden können, sowie an der Erfolgsgeschichte der vergangenen Jahrzehnte. Jetzt steckt die Regierung jedoch in einem Dilemma: Einerseits will sie den Marktkräften mehr Raum geben, das bedeutet, Krisen zuzulassen.

Andererseits interveniert sie, wie bei der Abwertung des Yuan oder beim Kurseinbruch an den Börsen – und bewies dabei zuletzt nicht immer ein glückliches Händchen. Je massiver aber die staatlichen Eingriffe, desto größer werden die Zweifel an der Solidität der chinesischen Wirtschaft. Und desto höher sind die Nebenwirkungen. Die Abwertung des Yuan freut die Exporteure, gleichzeitig bereitet sie chinesischen Unternehmen, deren Verschuldung in US-Dollar Schätzungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zufolge eine Billion überschritten hat, Probleme. Dies alles ist noch kein Grund zur Panik.

Ich bin davon überzeugt, dass China sein Wachstumsziel von rund sieben Prozent in diesem Jahr noch erreichen kann. Und es wird langfristig zur größten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen. Aber es gibt genügend Gründe wachsam zu sein. Mögen die Kursstürze an Chinas Börsen zumindest zum Teil Korrekturen vorangegangener Übertreibungen sein. Auch die chinesische Volkswirtschaft wird leichte und schwerere Rückschläge erleiden. Keine noch so geniale Wirtschaftspolitik kann dies verhindern – nicht in China und nicht im Rest der Welt.

Munich Re Experten
Michael Menhart
Chefvolkswirt von Munich Re
Drucken
Wir verwenden Cookies um Ihr Internet-Nutzungserlebnis zu verbessern und unsere Websites zu optimieren.

Mit der weiteren Nutzung unserer Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies dieser Website zu. Weitere Informationen zu Cookies und dazu, wie Sie die Cookie-Einstellungen in Ihren Browsereinstellungen anpassen können, finden Sie in unsereren Cookie-Richtlinien.
Sie können Cookies deaktivieren, aber bitte beachten Sie, dass das Deaktivieren, Löschen oder das Verhindern von Cookies Ihre Internet-Nutzung beeinflussen wird.