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Globale Trends und Politik

Iran: Große Chancen, hohe Hürden

Nach vielen Jahren zäher Verhandlungen und unzähligen Rück­schlägen wurde am 14. Juli endlich das Atom-Abkommen zwischen dem Iran und dem Westen unterzeichnet. Nun werden auch die Wirtschaftssanktionen gegen den Iran schrittweise zurückgefahren: eine große Chance – für den Iran selbst, aber auch für viele internationale Handelspartner.

21.07.2015

Die Sanktionen haben den Iran hart getroffen: Das Land ist vom interna­tionalen Zahlungssystem SWIFT ausgeschlossen, der Handel mit dem Rest der Welt stark eingeschränkt, die Ausfuhr von Öl ebenfalls. Seit der UN-Sicherheitsrat im Jahr 2006 die Sanktionen verhängte, hat die Wirtschaftsleistung im Schnitt nur um 2,3 Prozent zugelegt – enttäuschend wenig für eine Volkswirtschaft in ­diesem Entwicklungsstadium.

Die Bevölkerung leidet unter Inflations­raten von fast 20 Prozent pro Jahr (2014). Die wirtschaftliche Isolation hat den Iran von den globalen Finanzmärkten abgeschnitten, nur wenige Länder betreiben noch Handel mit Teheran. Wirtschaftlich braucht der Iran also dringend Impulse, aber die ökono­mischen Hürden auf dem Weg zurück zu einer regionalen Wirtschaftsmacht sind hoch. Die Auf­hebung der Sanktionen erspart dem Land keine schmerzhaften Reformen. Die wirtschaftliche Isolation hat über Jahre hinweg Technologietransfer verhindert, der Mangel an Investitionen hat das Produktionspotenzial nachhaltig geschwächt, Korruption lähmt die wirtschaftliche Dynamik. Das Vertrauen internationaler Handelspartner muss erst wieder auf­gebaut werden.

Partner werden die politische Großwetterlage zumindest zu Beginn als fragil betrachten und große Investitionen vorerst scheuen. Gleichzeitig hat der Einbruch des Ölpreises auf zeitweise unter 50 US-Dollar im vergangenen Jahr die wirtschaftliche Lage im Iran verschärft. Der Staatshaushalt ist vom Ölexport abhängig. Ein ausgeglichener Haushalt könnte nur mit einem Ölpreis von etwa 130 US-Dollar erreicht werden. Die Fiskalpolitik muss also auf ein neues und stabileres Fundament gestellt werden – mit moderaten Steuererhöhungen ebenso wie mit einer effizienteren Organisation der Steuerbehörden. Auch um eine Konsolidierung der Ausgabenseite und eine Reformierung des Finanzsystems wird der Staat nicht herumkommen.

Irans Weg zurück zur regionalen Wirtschaftsmacht ist steinig, aber er lohnt sich.

Der Weg ist also steinig, er würde sich aber für den Iran und den Rest der Welt lohnen. Denn das wirtschaftliche Potenzial dieses Landes ist gewaltig. Schon heute ist der Iran mit rund 80 Millionen Einwohnern nach Ägypten das zweitgrößte Land der MENA-Region.

Ein Viertel der Gesamtbevölkerung ist jünger als 15 Jahre, der Pool an jungen, oft sehr gut ausgebildeten Menschen ist enorm. Darüber hinaus gibt es im Iran einen breiten, oft unternehmerisch erfolgreichen Mittelstand. Der absolute Zuwachs an Wirtschaftsleistung bis 2020 wird voraussichtlich der zweithöchste der Region sein nach Spitzenreiter Saudi-Arabien. Doch nicht nur die iranische Bevöl­kerung steht in den Startlöchern für den wirtschaftlichen Aufbruch, sondern auch viele exportstarke Volkswirtschaften.

Daneben können die Finanzwirtschaft und die Versicherungsindustrie vom enormen Aufholbedarf des Landes profitieren: Schon heute ist der Iran mit einem Prämienvolumen von ca. 9 Milliarden US-Dollar einer der größten Erstversicherungsmärkte der MENA-Region. Im Zeitraum bis 2025 rechnen wir mit einem durchschnittlichen inflationsbereinigten Prämienwachstum von 5 bis 6 Prozent pro Jahr und somit mit einem Prämienvolumen von dann umgerechnet 19 Milliarden US-Dollar. Dies würde in etwa der heutigen Größe des polnischen Versicherungsmarktes entsprechen.

Die jüngsten politischen Entwicklungen und das enorme wirtschaftliche Potenzial des Iran geben Anlass zur Hoffnung. Für Begeisterung ist es aber noch zu früh. Es wird dauern, bis die iranische Regierung das Vertrauen der internationalen Staatengemeinschaft und die iranische ­Wirtschaft das Vertrauen der internationalen Investoren wiederge­wonnen hat. Zu beidem braucht es ­mehr als eine Einigung im Atom­abkommen.

Munich Re Experten
Michael Menhart
Chefvolkswirt von Munich Re
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