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Globale Trends und Politik

„Die SNB-Maßnahme dämpft das Wirtschaftswachstum in der Schweiz“

Selbst für Schweizer kam die Aufhebung der Wechselkursuntergrenze zum Euro überraschend, die Verunsicherung ist weltweit groß. Über die Hintergründe und mögliche Konsequenzen sprach Topics Online mit Michael Menhart, Chefvolkswirt bei Munich Re.

19.01.2015

Die Schweizer Notenbank hat – für die Märkte sehr überraschend – die Wechselkursuntergrenze von 1,20 Franken je Euro aufgehoben. Was sind die Hintergründe dieses Schritts?

Zielsetzung der Wechselkursfestlegung war es, eine Aufwertung des Schweizer Franken zu verhindern und damit die Schweizer Exportwirtschaft zu schützen. Hierzu hat die Notenbank seit September 2011 in hohem Maße Euro aufgekauft – vor allem deutsche Staatsanleihen. Durch den quasi fixen Wechselkurs war die Schweizerischer Nationalbank (SNB) an die Geldpolitik der EZB gebunden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die EZB bald in großem Umfang Staatsanleihen aufkaufen. Dann hätte die SNB, um den PEG aufrechtzuerhalten, ihre Bilanz nochmals deutlich erweitern und massiv auf den Währungsmärkten intervenieren müssen. Da die Bilanz ohnehin schon aufgebläht ist, gab die SNB die Euro-Bindung auf. Es war bewusst als überraschender Schritt gewählt, um – wie der Schweizer Notenbankchef gesagt hat – Spekulation und Insiderhandel nach einer solchen Ankündigung zu verhindern.

Stärkt dies den Finanzplatz Schweiz eher noch, was den Euro zusätzlich unter Druck bringt?

Zunächst einmal: Der Schritt der SNB könnte unmittelbar starke negative Auswirkungen auf den Wirtschafsstandort Schweiz haben. Mit einem paritätischen Wechselkurs zum Euro wird es exportierenden Schweizer Unternehmen kurzfristig sehr schwer fallen, sich im internationalen Preiswettbewerb behaupten zu können. Auch der Tourismus-Sektor wird zu kämpfen haben. Die unmittelbaren, exportschädlichen Auswirkungen der SNB-Maßnahme werden das Wirtschaftswachstum in der Schweiz dämpfen. Gepaart mit dem starken Ölpreisverfall im vergangenen Jahr birgt die starke Franken-Aufwertung zudem das Risiko einer Deflation in der Schweiz, die weitere negative realwirtschaftliche Effekte nach sich ziehen könnte. Diese trüben Aussichten der Schweizer Unternehmen haben sich bereits an der Börse bemerkbar gemacht. Der Schweizer Börsenindex SMI büßte gestern nach Verkündung des Schritts zeitweise bis zu 14 Prozent an Wert ein. Die Aufgabe der Wechselkurs-Bindung kann zu einer erhöhten Nachfrage nach der Schweizer Währung führen, die jetzt noch mehr als sicherer Hafen gilt. Abgesehen von der gesteigerten Nachfrage auf den Devisenmärkten dürfte der Finanzplatz Schweiz in nächster Zeit wohl auch einen weiteren Zustrom ausländischer Vermögen erfahren. Was noch nicht völlig abzusehen ist: Welche Auswirkungen dieser Schritt auf Institute außerhalb der Schweiz hat und welche Verwerfungen eventuell dadurch entstehen können.

Sie sprachen bereits den anstehenden Beschluss der EZB zum Aufkauf von Staatsanleihen an. Was halten sie von diesem Schritt? Und wird er aus Ihrer Sicht überhaupt wirken?

Noch steht die Entscheidung aus, wir müssen den 22. Januar abwarten. Alles andere als eine Entscheidung „pro Aufkauf“ wäre fast schon eine Überraschung. Ich hielte eine solche Entscheidung der EZB für falsch: Schon bei der Bewertung der Deflationsgefahren kann man unterschiedlicher Meinung sein, wie ernst diese sind. Vor allem halte ich den Staatsanleihenkauf für das verkehrte Mittel, um Deflationsgefahren in Europa zu begegnen. Die möglichen Nebenwirkungen solcher Maßnahmen sind enorm. Dieses Vorgehen birgt enorme Risiken wie Vermögenspreisblasen und belastet Sparer und Langfristanleger gleichermaßen. Nicht zuletzt verringert sich der Druck auf Krisenländer, mit nachhaltigen Reformen ihre Finanzen zu konsolidieren. Natürlich muss die EZB ihr Handeln vor allem am obersten Ziel der Preisstabilität ausrichten, auch wenn dies mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden ist. In diesem Fall bewirkt die EZB aber große Risiken mit einem Instrument, das vielleicht auf die Inflation gar nicht die gewünschte Wirkung hat. Und ihr Pulver ist dann mehr oder weniger verschossen.

Steuern wir insgesamt an den Devisenmärkten sehr unsicheren Zeiten entgegen?

Fakt ist, dass sich die Geldpolitik, analog zur konjunkturellen Lage in den Weltregionen, in sehr unterschiedliche Richtungen bewegt. Während in den USA und im Großbritannien seit Monaten über eine Erhöhung der Zinsen diskutiert wird, geht die Europäische Zentralbank weiter ihren Weg einer ultralockeren Geldpolitik. Das führt aber noch nicht zu solchen Verwerfungen wie jetzt in der Schweiz. Hier war vielmehr die unerwartete und plötzliche Aufgabe des Wechselkursziels ausschlaggebend; in aller Regel werden Entscheidungen dieser Tragweite vorher von der jeweiligen Zentralbank angekündigt. Es besteht aber das Risiko, in einen Abwertungswettlauf in den USA, Europa und Asien zu geraten. Der US-Dollar hat sich in den vergangenen Monaten massiv aufgewertet. Die Geschichte hat gezeigt, dass die USA eine Aufwertung des Dollars nicht unbegrenzt tatenlos hinnehmen. Irgendwann könnten auch sie sich an ihre Exportwirtschaft erinnern und Gegenmaßnahmen ergreifen.

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