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Globale Trends und Politik

Der Geldregen der EZB - unverantwortliches Risiko oder immer noch zu wenig?

Die Europäische Zentralbank ist von vielen Seiten unter Beschuss. Den einen ist sie im Vergleich zur Fed zu „deutsch und zurückhaltend“. Die anderen blicken besorgt auf die Milliarden, mit denen Staatsanleihen gekauft und Banken mit billigem Geld versorgt werden. Gemeinsam ist den Kritikern der Verweis auf vermeintlich unverantwortbare Risiken als Folge des aktuellen Kurses. Wer hat Recht? Und wie viel Risiko ist der Erhalt des Euro wert?

11.04.2012

Ein Kommentar von Michael Menhart

Über Jahre hinweg wurde über die Politik der Europäischen Zentralbank nur unter Volkswirten oder in Banken und Versicherungen gesprochen. Mittlerweile blickt fast die gesamte Öffentlichkeit, mit Sorge, manche mit Hoffnung auf die Aktivitäten der EZB.

Die Summen, um die es dabei geht, sind beeindruckend – selbst nach vier Krisenjahren, in denen man sich an Milliardenbeträge in Hilfspaketen oder Fehlbeträgen gewöhnt hat: So hat die EZB auf dem Sekundärmarkt Staatsanleihen in Höhe von mehr als 200 Mrd. Euro aufgekauft. Zusätzlich wurden die europäischen Banken seit Dezember 2011 mit 1.000 Milliarden Euro an „billigem Geld versorgt. Und viele Experten verweisen auf zusätzliche Milliarden-Risiken in den Target2-Salden der Europäischen Zentralbank.

Befürworter wie Kritiker haben gute Argumente

Manchen war dies alles noch viel zu wenig. Sie forderten ein noch deutlicheres Signal der EZB an die Märkte, dass sie notfalls in jeder Höhe eingreift, um eine Eskalation der Krise zu vermeiden. Andere interpretieren den Aufkauf von Staatsanleihen, auch über den „Umweg“ des Sekundärmarkts, und das großzügige Entgegenkommen für die Banken als unverzeihlichen Tabubruch. Sie verweisen auf Inflationsgefahren sowie einen möglichen Verlust an Unabhängigkeit der Zentralbank als Folge der aktuellen Politik.

In mancher Hinsicht haben die Kritiker recht: Denn selbst wenn eine schwächere Konjunktur die Konsumentenpreise mehr oder weniger stabil hält, lässt sich die Gefahr von Vermögenspreisblasen nicht verleugnen. Und auch wenn die Diskussion rund um die Target2-Salden ein eher theoretischer Streit unter Volkswirten sein mag: Tritt ein Land aus dem Euro aus oder zerbricht gar die gesamte Eurozone, sind Milliardenrisiken unbestreitbar. Geht die EZB hier also nicht unverantwortlich hohe Risiken ein? Wir glauben das nicht. Denn wenn sie mit ihren Maßnahmen die Eurozone stabilisieren kann, werden sich auch die zuvor genannten Risiken nicht materialisieren. Unverantwortlich wäre es jedoch, nicht rechtzeitig aus dem aktuellen „Krisenmodus“ wieder auszusteigen, wenn sich die Lage tatsächlich nachhaltig verbessern sollte

Die Stabilisierung kann gelingen

Für eine Stabilisierung gibt es zwei wesentliche Voraussetzungen: Erstens müssen die betroffenen Länder die erforderlichen Maßnahmen einleiten, um ihre Staatsfinanzen auf ein solides Fundament zu stellen und ihre Wirtschaft im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu machen. Zweitens müssen sie diesen Kurs auch über Jahre durchhalten können, denn der Erfolg wird sich nicht von heute auf morgen einstellen.

Wäre die EZB den amerikanischen Weg gegangen und hätte unmissverständlich signalisiert, dass sie notfalls Staatsanleihen in jeder Höhe aufkauft, dann wären die Märkte sicher kurzfristig beruhigt. Aber welchen Anreiz hätten die Krisenstaaten dann noch, die Herkulesaufgabe einer substanziellen Finanz- und Strukturreform anzugehen? Keinen! Voraussetzung eins für die langfristige Stabilisierung wäre nicht erfüllt.

Würde die EZB nicht eingreifen, hätten die Peripheriestaaten sehr bald kaum noch Zugang zu den Kapitalmärkten. Gleichzeitig bestünde die große Gefahr, dass der Bankenmarkt austrocknet und die gesamte Eurozone durch eine scharfe Kreditklemme in Europa zusätzlich belastet wird. Die Chance, in solch einem Umfeld lange und schmerzhafte Reformen politisch durchzustehen, wäre nahe null.

Einen schmerz- und risikolosen Weg hin zu einer langfristig stabilen Eurozone gibt es tatsächlich nicht. Dies gilt auch für die EZB. Sicherlich hat sie Europa mit ihrer Strategie nur etwas Zeit erkauft. Doch genau dieser Spielraum ist nötig, um die erforderlichen Maßnahmen zur Stabilisierung einzuleiten.

Die größte Herausforderung für die Zentralbank steht allerdings noch bevor: Den richtigen Zeitpunkt für die Rückkehr zu einer normalen Liquiditätsversorgung und Zinspolitik nicht zu verpassen. Die Folgen des Niedrigzinsumfeldes spüren nicht zuletzt wir Versicherer schon seit langem. Würde die Krisenpolitik der EZB zum „business as usual“, wären die langfristigen Konsequenzen für alle schmerzhaft, auch für diejenigen, denen die Zentralbank die Schmerzen der aktuellen Krise abnimmt.

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