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Globale Trends und Politik

Die Menschen brauchen eine Perspektive

Lehman-Crash, Finanzkrise, Rezession, Euro-Krise, jetzt Erdbeben und Nuklearunfall in Japan – unerwartete Katastrophen, Krisen und Schocks scheinen den Lauf der Dinge zu bestimmen. Vor einigen Wochen jedoch hoffte fast die ganze Welt auf zumindest eine unerwartete, positive Entwicklung: Nach den Ereignissen in Tunesien und Ägypten war die Zuversicht groß, dass wir in der arabischen Welt eine Entwicklung wie in Osteuropa nach dem Fall der Berliner Mauer erleben werden.

07.04.2011

Ein Teil dieser Hoffnung ist inzwischen der Unsicherheit gewichen. Sind die Umwälzungen in der arabischen Welt das nächste Risiko für die Weltwirtschaft und die Weltsicherheit oder steht die Region vor Jahren des Aufbruchs in Richtung Freiheit und Wohlstand? Jede Prognose fällt hier schwer, nicht erst seit der dramatischen Entwicklung in Libyen. Klar ist: Man kann – trotz gewisser Parallelen und Gemeinsamkeiten – nicht alle Staaten über einen Kamm scheren. Klar ist aber auch: Entscheidend für ihre langfristige Entwicklung wird sein, ob sie ihre volkswirtschaftlichen Herausforderungen in den Griff bekommen. Über 50 Prozent der Bevölkerung in diesen Staaten ist jünger als 25 Jahre. Sie werden den Erfolg der Umbrüche daran messen, ob sich ihre Lebensperspektive verbessert.

Versicherungsindustrie als Stabilisator

Die Versicherungswirtschaft spielt dabei eine wesentliche Rolle: Der Anteil der „Middle East/North Africa“(MENA)-Region am weltweiten Versicherungsmarkt liegt heute zwar nur bei einem Prozent. Aber wir erwarten in den nächsten Jahren ein fast doppelt so starkes Wachstum der Versicherungsprämien wie im globalen Durchschnitt.

Umbrüche hin zu freiheitlichen Systemen haben in der Historie fast immer eine Periode wirtschaftlicher Instabilität und Volatilität nach sich gezogen. Gerade die Assekuranz hat in den Jahren der Finanzkrise ihre stabilisierende Wirkung auf die Ökonomie unter Beweis gestellt. Diese wichtige volkswirtschaftliche Funktion der Versicherer wird daher mehr denn je gebraucht.

Nicht nur Öl – Stromerzeugung in der Wüste

Die MENA-Region ist mit zwei Dritteln der weltweiten konventionellen Öl- und 50 Prozent der weltweiten Gasreserven von überragender Bedeutung für die Weltwirtschaft. Handel und Kooperation dürfen sich aber nicht auf Öl beschränken. Sie brauchen auch Projekte wie die Industrieinitiative Dii, die Munich Re 2009 gemeinsam mit der Desertec Foundation angestoßen hat. Beide Seiten des Mittelmeers gewinnen langfristig, wenn Solarstrom aus Nordafrika zu einer Stütze des Wohlstands wird – ein Projekt, das ohne Versicherer und Rückversicherer undenkbar wäre. Der Verweis auf aktuell gestiegene politische Risiken rechtfertigt hier sicherlich ein besonnenes Vorgehen. Doch wer deswegen die Region abschreibt und isoliert, der verpasst nicht nur eine große ökonomische Chance, sondern geht auch ein enormes langfristiges politisches Risiko ein.
Die Assekuranz hat in den Jahren der Finanzkrise ihre stabilsierende Wirkung auf die Ökonomie unter Beweis gestellt. Diese wichtige volkswirtschaftliche Funktion der Versicherer wird nun in den arabischen Ländern gebraucht.
Michael Menhart,
Chefvolkswirt von Munich Re

Isolation und Rückzug sind riskant

Die Entwicklungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die meisten Autokraten der arabischen Staaten nicht in der Lage sind, ihrer jungen Bevölkerung eine attraktive ökonomische Perspektive zu bieten. Langfristig werden daher grundlegende Veränderungen kommen müssen, die Richtung ist jedoch nicht vorbestimmt.

Die Menschen werden dann selbst entscheiden, in welcher Art von Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell sie leben wollen. Möglich ist beispielsweise ein eher offenes, der westlichen Welt zugewandtes Modell wie etwa in der Türkei. Es könnte aber eventuell auch in eine Richtung gehen, die noch weiter entfernt von Stabilität und Freiheit ist als heute in einigen arabischen Staaten. Diese Entscheidung wird unter anderem von den Erfahrungen geprägt sein, die die Menschen in der Zeit des Umbruchs mit „der westlichen Welt“ machen. Die langfristige Glaubwürdigkeit unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems ist daher wichtig für die weitere Entwicklung der arabischen Welt. Und diese ist wesentlich für die Weltwirtschaft und damit auch für uns. Was dort passiert, muss den Rest der Welt etwas angehen, wir können uns engagieren, helfen und gleichzeitig selbst profitieren. Dies gilt auch für die Versicherungswirtschaft.

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