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Globale Trends und Politik

Die Zahl wird steigen

Ist die aktuelle Flüchtlingswelle nur der Anfang? Nikolaus von Bomhard erwartet, dass der Klimawandel noch mehr Menschen entwurzeln wird. Ein Spiegel-Interview.

02.11.2015

SPIEGEL: Herr von Bomhard, hier in München kommen jeden Tag neue Flüchtlinge an, die vor Krieg und Terror fliehen oder die eine wirtschaftliche Zukunft suchen. Kann Deutschland den Flüchtlingsstrom bewältigen?

Bomhard: Ja. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass in diesem Jahr tatsächlich bis zu 1,5 Millionen Menschen kommen werden. Aktuell erhalten davon rund 40 Prozent Asyl oder werden als Flüchtling anerkannt, dann wären wir bei 600.000 Menschen. Das können wir schaffen. Das heißt aber auch, dass man 60 Prozent wirklich abschiebt. Wir haben schon in den neunziger Jahren mehr als 400.000 Flüchtlinge aufgenommen. Und natürlich gibt es Grenzen, wenn der Zustrom über Jahre anhält, sowohl ökonomisch, als auch was die gesellschaftliche Integrationsbereitschaft angeht.

Manche Ökonomen sehen in der Flüchtlingswelle einen Impuls, der die Konjunktur stimuliert.

Natürlich gibt es einen kurzfristigen Impuls. Allerdings könnte man den auch erzielen, wenn man das Geld anderweitig investiert. In jedem Fall ist das so investierte Geld kein verlorener Zuschuss. Wichtiger ist, dass der Zustrom einen Teil unseres demografischen Problems lösen wird und helfen kann, langfristig unseren Wohlstand zu sichern. Hierfür ist eine gelungene Integration entscheidend.

Deutschland braucht die Einwanderung. Die Alternative zu Einwanderung ist mittelfristig Wohlstandsverlust. Das muss man so klar sagen, das hat die Politik in der Vergangenheit versäumt.
Nikolaus von Bomhard,
Vorsitzender des Vorstands von Munich Re

Was müsste kurzfristig geschehen, um die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen?

Sehr wichtig wäre es, Transparenz zu schaffen. Zum einen für diejenigen, die kommen: Ihnen muss man erklären, welche Perspektiven sie hier haben und welche nicht. Zum anderen muss man den Deutschen klar sagen, welche Rechte Flüchtlinge und Zuwanderer haben, was sie verlangen können und was nicht, wer abgeschoben wird und wer nicht. Die Wenigsten sind derzeit in der Lage zu beurteilen, ob diejenigen, die jetzt in München ankommen, zu einem großen Teil wieder abgeschoben werden oder ob sie alle bleiben und auch ihre Familien nachholen. Wir müssen diese Unkenntnis und die daraus resultierende Unsicherheit beseitigen. Das würde auch den radikalen Bewegungen, die von der diffusen Angst der Bevölkerung jetzt profitieren und Zulauf erhalten, den Nährboden entziehen.

Wäre es dazu ein Einwanderungsgesetz hilfreich?

Ja, unbedingt. Denn Deutschland braucht die Einwanderung. Die Alternative zu Einwanderung ist mittelfristig Wohlstandsverlust. Das muss man so klar sagen, das hat die Politik in der Vergangenheit versäumt.

Und deshalb haben wir die Probleme, mit denen wir jetzt kämpfen. Wie müsste denn ein Einwanderungsgesetz aussehen, das die Probleme löst?

Da bin ich kein Spezialist. Aber gemeinhin erwartet man von einem Einwanderungsgesetz, das es steuert, wie viele Menschen mit welcher Berufsqualifikation und welchen Sprachkenntnissen einreisen können. Die Menschen können sich dann in ihrem Heimatland bewerben und müssen nicht versuchen, über Schleuserrouten nach Europa zu kommen. Was jetzt passiert, trägt oft chaotische Züge.

Sie beklagen das Versagen der Politik. Aber was trägt die Wirtschaft zur Lösung der Probleme bei?

Die Wirtschaft ist bislang ausgesprochen aufnahmebereit. Das ist kein Wunder: Es gibt 600.000 offene Stellen, wir brauchen Arbeitskräfte. Die Wirtschaft will ihren Beitrag leisten zur Bewältigung der jetzt anstehenden Herausforderungen. Es kostet aber Zeit und Geld, Flüchtlinge zu integrieren und auszubilden.

Zuerst freilich brauchen sie ein Dach über dem Kopf. Es gibt viele leer stehende Wohnungen in Deutschland, allerdings nicht in den Metropolen wie München, Hamburg oder Berlin.

Auch das ist eine Aufgabe der Politik. Wir stehen vor einer großen Zahl an Zuwanderern, von denen viele bleiben werden, darauf ist Deutschland institutionell nicht eingestellt. Das reicht von teilweise fehlenden Konzepten, wo man die Flüchtlinge unterbringen kann, bis hin zu einer immer noch nicht digitalisierten Antragsbearbeitung. Dabei ist der Flüchtlingsstrom nicht über Nacht entstanden.

Sie warnen davor, dass die Zahl der Flüchtlinge noch erheblich steigen wird, weil die Menschen vor den Folgen des Klimawandels fliehen. Ist die aktuelle Flüchtlingswelle nur der Anfang?

Ich fürchte, wir sehen bislang lediglich die Spitze des Eisberges. Schon jetzt sind etwa 60 Millionen Flüchtlinge weltweit unterwegs. Die Zahl wird steigen, wenn es nicht gelingt, die stetig zunehmenden Konflikte in so vielen Ländern einzudämmen und wenn der Klimawandel voranschreitet. Der Klimawandel hat das Potential, zu einem Haupttreiber künftiger Wanderbewegungen zu werden.

Ist gegenwärtig schon etwas spürbar von Migration, die durch den Klimawandel ausgelöst wird?

Wetterextreme bedrohen die natürlichen Lebensgrundlagen, so kommt es etwa in Afrika durch Dürre zu Hungersnöten und Wanderbewegungen. Andere Länder mit einer flachen und dicht besiedelten Küstenlinie werden durch den steigenden Meeresspiegel bedroht, etwa Bangladesch. Die Folgen des Klimawandels wie zunehmende Wasserknappheit werden auch in Europa spürbar werden, ich denke an das südliche Frankreich, Spanien oder Italien. Auch dort wird es Wanderbewegungen geben.

Munich Re hat als Versicherer ein geschäftliches Interesse, vor den Folgen des Klimawandels zu warnen, schließlich lebt das Unternehmen davon, auch solche Risiken abzusichern. Malen Sie nicht ein bisschen zu schwarz?

Nein. Die schweren Schäden aus Naturkatastrophen sind ja leider real und messbar. Es ist in etwa so und manchmal auch schlimmer gekommen, wie von uns erwartet. Und was den Vorwurf angeht: Wir fördern seit Jahren Risikoprävention. Wir wollen, dass das Risiko sinkt, nicht dass es steigt.

Wir denken, dass auch dieses Verhalten eher ökonomischem Kalkül entspringt. In Ihrem Geschäftsbericht steht, für die Versicherungswirtschaft gebe es kaum ein größeres Risiko als den Klimawandel. Kann es sein, dass er eines Tages die Branche existenziell bedroht?

Eben haben Sie mir unterstellt, ich würde beim Klimawandel schwarz malen, jetzt fragen Sie, ob der Klimawandel für die Branche existenzbedrohend ist. Beides ist falsch. Als Versicherer arbeiten wird keineswegs an den Grenzen unserer Kapazität. So sind große Teile Asiens, was die Versicherung von Klimafolgeschäden betrifft, noch stark unterversichert.

Jetzt rühren Sie schon wieder die Werbetrommel. Aber derzeit sind die Rückversicherungspreise unter Druck. Vielleicht ist der Bedarf, sich abzusichern, nicht so groß, wie Sie behaupten?

Die Nachfrage nach Naturkatastrophenversicherungen steigt, aber sie steigt langsamer, als das Angebot, diese Risiken zu decken. Deshalb stehen die Preise derzeit unter Druck.

Der Zustrom an Flüchtlingen hat derzeit jedenfalls noch wenig mit dem Klimawandel zu tun. Könnte aber dennoch die aktuelle Krise die Chancen dafür erhöhen, dass sich die Welt auf dem UN-Klimagipfel Ende November in Paris auf ehrgeizige Ziele verständigt?

Ein globales Klimaabkommen mit verbindlichen CO2-Reduktionszielen wird die künftige Migration nach Europa weit stärker begrenzen als neue Grenzzäune oder Patrouillenschiffe im Mittelmeer. Von Paris können und müssen auch  deshalb positive Signale ausgehen. Entscheidend sind am Ende aber weniger die Verpflichtungen auf dem Papier als vielmehr das Handeln der Politik. Das generelle Dilemma ist die Kurzsichtigkeit der Politik, der es so unglaublich schwerfällt, über die Legislaturperiode hinaus zu planen und handeln. Sie muss endlich die Ursachen der Migration angehen, und der Klimawandel gehört dazu. 

Ist das Zwei-Grad-Ziel überhaupt noch zu erreichen?

Wenn wir alle uns extrem bemühen, ist es wohl zu schaffen. Aber inzwischen ist alles schon sehr auf Kante genäht. Im Jahr 2012 lief das Kyoto-Protokoll aus. Wir befinden uns so gesehen schon drei Jahre im politischen Vakuum. Je später wir auf einen konsequenten Dekarbonisierungspfad einsteuern, umso höher werden die Wohlstandsverluste durch Schäden und Anpassungsmaßnahmen ausfallen.

Braucht auch die Wirtschaft mehr Druck? Die Schwerindustrien gehören zu den wichtigsten CO2-Emittenten.

Der Wunsch, das Richtige zu tun, ist in der deutschen Industrie mit Händen zu greifen. Es wird massiv in saubere Zukunftstechnologien investiert. Aber gerade für energieintensive Branchen gibt es Belastungsgrenzen. Werden sie überschritten, ist ein Unternehmen international nicht mehr konkurrenzfähig. Hier bräuchte man global einheitliche Wettbewerbsbedingungen, beispielsweise über einen CO2-Preis, der für alle Marktteilnehmer gleich ist.

Aktuell zeigt doch das Beispiel VW – die Täuschung bei der Stickoxid-Messung –, dass Konzerne keine Mittel scheuen, den Klimaschutz zu umgehen.

Die Vorgänge bei VW zu kommentieren, steht mir nicht an. Nur so viel: Mindeststandards des geschäftlichen Verhaltens einzuhalten, ist Sache der Geschäftsführung. Es ist auch ihre Aufgabe, eine Kultur zu schaffen, in der jeder * Martin Hesse und Alexander Jung in der Munich-Re-Zentrale in München. weiß, an welche fundamentale Werte er sich zu halten hat. Wenn die Kultur nicht passt, kommt es zu Fehlentscheidungen.

Als Rückversicherer sagen Sie dem Klimawandel den Kampf an, gleichwohl gehören mit der Öl-, Gas- und Kohleindustrie die größten Klimasünder zu Ihren Kunden. Wie können Sie das vereinbaren?

Die Frage des Umgangs mit Industrien, die viel CO2 emittieren, lässt sich nicht eindimensional beantworten. Ein Beispiel: Wenn wir eine Ölbohrung im Golf von Mexiko versichern und damit verhindern, dass die Schäden, die aus einem Leck entstehen können, von den Betroffenen getragen werden müssen, kann man fragen, ist das jetzt gut oder schlecht?

Was ist Ihre Antwort?

Wenn wir derartige Risiken versichern, sorgen wir dafür, dass Standards im Risikomanagement eingehalten werden. Und wenn dennoch etwas schiefgeht, stellen wir sicher, dass alles getan wird, um – ich bleibe im Beispiel – das Leck schnell zu schließen und die Schäden mit Geld zu beseitigen, das die betroffene Firma vielleicht gar nicht aufbringen könnte.

Munich Re ist mit Kapitalanlagen im Buchwert von 240 Milliarden Euro ein mächtiger Finanzinvestor. Wie stark sind Sie investiert in Unternehmen, die ihr Geld mit fossilen Brennstoffen machen?

In Aktien ist es herzlich wenig, weil wir vergleichsweise wenig Aktien halten, und bei Anleihen ist es ungefähr ein Prozent.

Warum verzichten Sie nicht ganz auf diese Investments?

Wir prüfen sehr gründlich, ob dies Sinn macht. Was wir aber sicher nicht tun werden, ist pressewirksam eine Entscheidung übers Knie zu brechen. Ich finde es zudem merkwürdig, wenn Staatsfonds, die Milliarden durch Öl- und Gasförderung verdienen, jetzt als grüne Vorreiter gefeiert werden, weil sie sagen, sie finanzieren die fossile Energiebranche nicht mehr.

Sie spielen auf den norwegischen Staatsfonds an, der sich aus den Erlösen des Öl- und Gasgeschäfts speist und den Rückzug aus Kohleinvestments angekündigt hat. Aber wenn Sie als Rückversicherer bei den Unternehmen eine erzieherische Wirkung erzielen wollen, dann müssten sie aus diesen Anlagen aussteigen.

Erziehen wollen wir niemanden. Das ist nicht unsere Aufgabe und nicht unser Stil. Aber wir stellen uns dem Thema und haben eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die unsere Kriterien für die Kapitalanlage sehr kritisch überprüft.

Mark Carney, Chef der Bank von England, warnt vor der Gefahr eines Börsenbebens, weil er die Öl-, Gas- und Kohleindustrie für massiv überbewertet hält. Übertreibt er?

Ich glaube, das war ein sehr hilfreiches Statement. Denn natürlich müssen wir uns fragen, welche Auswirkungen eine Dekarbonisierung der Wirtschaft auf die Kapitalmärkte haben könnte. Wir sollten aber keine vorschnellen Antworten geben. Aus der Hüfte zu schießen, ist fast immer falsch.

Herr von Bomhard, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Der Spiegel, 44/2015 http://www.spiegel.de/spiegel/

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