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Globale Trends und Politik

Bargeld – mehr als nur Scheine und Münzen

Namhafte Ökonomen diskutieren seit einigen Wochen und Monaten intensiv über die Abschaffung des Bargelds. Michael Menhart, Chefökonom von Munich Re, hält nichts von dieser Idee.

17.06.2015

Haben Sie sich bei der Lektüre des Wirtschaftsteils Ihrer Zeitung in den vergangenen Wochen auch manchmal verwundert die Augen gerieben? Einige renommierte Volkswirte fordern die Abschaffung des Bargelds. Kenneth Rogoff, Ökonomie-Professor an der Harvard-Universität, einer der angesehensten und meist zitierten Volkswirte unserer Tage, fordert in Vorträgen schon länger das Ende von Münzen und Scheinen. Und gerade hat sich auch Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung, explizit dafür ausgesprochen.

Manche Länder unternehmen bereits Schritte in diese Richtung. Beispiel Dänemark: Dort können sich Tankstellen und Läden unter bestimmten Voraussetzungen weigern,  Bargeld anzunehmen. Einige Argumente,  vollständig auf den digitalen Zahlungsverkehr umzusteigen haben auf den ersten Blick einen gewissen Charme:  Nie wieder das lästige Warten an der Ladenkasse, wenn die Person vor einem die 7,80 Euro für ihre Einkäufe in 10, 20 und 50 Cent-Münzen bezahlt. Nie wieder von Kleingeld ausgebeulte Portemonnaies, die den modischen Schnitt der Anzughose verderben.

Man kann sicher hinterfragen, ob die Bezahlung per Kreditkarte oder über das Mobiltelefon an der Supermarktkasse wirklich schneller geht und ob der leichtere Geldbeutel den drastischen Schritt, die Abschaffung von Münzen und Scheinen, rechtfertigt. Ein anderes Argument scheint gewichtiger: Die Abschaffung des Bargelds soll Kriminalität und Schwarzarbeit im wahrsten Sinn der Wortes „austrocknen“.

Schon heute vermutet man, dass 500 Euro-Scheine vor allem für kriminelle Geschäfte verwendet werden. Und ohne Cash lässt sich auch Schwarzarbeit schlecht bezahlen. Der Fiskus hofft auf einen Anstieg von Ehrlichkeit beim Ausstieg aus dem Bargeld. Ich bezweifle allerdings, dass der gewünschte Effekt  eintreten würde. Der klassische Bankräuber, bekannt aus Film und Fernsehen mit Strumpfmaske und Pistole, würde wohl in der Tat in die Röhre schauen. Er kann sich die Beute schlecht auf sein Konto überweisen lassen.

Aber für manche Cyber-Kriminelle wäre der Tag der Abschaffung des Bargelds wohl ein Festtag. Ihr „Markt“ dürfte einen Wachstumsschub erfahren. Die Kriminalität konnte bislang immer mit dem technischen Fortschritt mithalten. Warum sollte das bei der Digitalisierung des Zahlungsverkehrs anders sein?

Eine komplette Abschaffung des Bargelds ist auch praktisch kaum realisierbar.

Um die von den Befürwortern proklamierten Effekte zu erzielen, müssten die großen Währungsräume der Welt mehr oder weniger parallel auf digitalen Zahlungsverkehr umstellen. Sonst würde die Unterwelt etwa bei ihren Drogengeschäften einfach auf US-Dollar-Cash umsteigen. Selbst wenn dies möglich wäre: Ich halte nichts von der Abschaffung des Bargelds – nicht als Ökonom, nicht als Bürger.

Es ist kein Zufall, dass diese Debatte gerade jetzt, bei historisch niedrigen Zinsen, Fahrt aufnimmt. Ökonomen, die die Bargeldabschaffung befürworten, machen auch keinen Hehl daraus: Ein großer Vorteil wäre, dass die Zentralbanken die Zinsen deutlich unter Null senken könnten. Wer heute negative Zinsen auf seinem Konto erwartet, hebt sein Geld ab und steckt es unter das Kopfkissen oder in den Tresor. Dies geht in einer bargeldlosen Welt nicht.

Der Spielraum der Zentralbanken wäre deutlich größer. In Krisenzeiten wäre dies praktisch: Privatleute und Unternehmen könnten durch den Strafzins ermuntert werden, weniger zu sparen, ihr Geld auszugeben und so die Wirtschaft anzukurbeln. Aber ist das die Lösung? Welch fatales Signal setzt man für die Disziplin der Geld- und Fiskalpolitik eines Wirtschaftsraums, wenn die Verfügungsgewalt der Menschen über ihr Geld in dieser Art und Weise eingeschränkt werden kann ?

Ich höre  bereits die Befürworter der Bargeldabschaffung sagen, diese Kritik sei wieder ein klassisches Beispiel für deutsche Fortschrittsskepsis, oder sogar der German Angst. In vielen Industrieländern ist der Anteil von Bargeld an allen Finanztransaktionen deutlich geringer als in Deutschland, wo er noch fast 80 Prozent beträgt. Und auch in Deutschland bezahlen heute mehr Menschen bargeldlos als vor einigen Jahren. Bargeld hat in den vergangenen Jahrzehnten massiv an Bedeutung verloren, aber seine Abschaffung wäre ein besonderer Schritt: Dann entscheiden wir nicht mehr selbst, ob wir mit Scheinen, Münzen oder digital bezahlen wollen.

Kontrolle über den Zugriff auf unser Geld

Jeder Einkauf ließe sich vollständig rekonstruieren, sei es der Restaurantbesuch, der Einkauf in einer Apotheke oder der Kauf eines Buches. „Wer nichts zu verbergen hat, den sollte das auch nicht stören“, höre ich die Anhänger der Bargeldabschaffung schon erwidern. Mit diesem Argument lässt sich freilich ausnahmslos jede hoheitliche Kontrolle rechtfertigen. Und es ignoriert, dass keiner weiß, welche künftigen Regierungen welche Wertmaßstäbe bei der Offenlegung des Zahlungsverkehrs anlegen werden.

Wer für den Erhalt von Scheinen und Münzen plädiert ist nicht fortschrittsfeindlich, auch nicht gegenüber der neuen digitalen Welt. Es gibt gute Gründe zu hoffen, dass wir auch künftig bargeldlos bezahlen können. Aber es gibt nur einen Grund dafür zu sorgen, dass wir immer bargeldlos zahlen müssen: Kontrolle –  darüber, wann wir was mit unserem Geld machen und Kontrolle über den Zugriff auf unser Geld. Ich möchte mir das nicht vorschreiben lassen.

Munich Re Experten
Michael Menhart
Chefvolkswirt von Munich Re
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