dcsimg
Wirtschaft

Brexit – Wir sind auf jedes Szenario vorbereitet

Kein Thema wird in Europa derzeit hitziger diskutiert als der Austritt Großbritanniens aus der EU. Betroffen davon sind alle, die Bürger, die Industrie und auch die Versicherungswirtschaft. Bernhard Kaufmann, Chief Risk Officer, und Michael Menhart, Chef-Volkswirt, schildern, wie Munich Re darauf vorbereitet ist.

18.12.2018

Ab 29. März soll der Brexit Realität sein. Trotzdem weiß man immer noch nicht genau, wie er aussehen wird. Nervt Sie das Chaos?

Bernhard Kaufmann: Na ja, hätte ich die politischen Verhandlungen führen müssen, wäre ich sicher öfters frustriert gewesen. Aber es war abzusehen, dass die Verhandlungspartner versuchen, bis zur letzten Sekunde ihre Interessen durchzusetzen. Durch die politische schwierige Lage in Großbritannien bleibt die Unsicherheit hoch und im Moment kann niemand sagen, wie die Lösung am Ende genau aussieht. Ganz unabhängig davon was letztlich geschieht – Munich Re ist für jedes Szenario gerüstet. 

Premierministerin Theresa May hat die Abstimmung im Parlament verschoben und ein Misstrauensvotum in ihrer eigenen Partei überstanden– wie geht es jetzt weiter?    

Michael Menhart: Das weiß momentan keiner. Die EU hat sich bislang nur zu kosmetischen Anpassungen der Vereinbarung bereit erklärt. Bleibt das so, wird es sehr schwer für Theresa May, für den Vertragsentwurf und die Politische Erklärung über das zukünftige Verhältnis eine Mehrheit im Unterhaus zu gewinnen. Im schlimmsten Fall gibt es einen Brexit ohne Deal – mit entsprechenden Konsequenzen. Auch wenn es kurzfristig zu massiven Friktionen kommen kann (z.B. Behinderungen durch Grenzkontrollen in Dover), heißt das aber noch nicht, dass wir im Chaos versinken. Alle Seiten hatten genügend Zeit sich darauf vorzubereiten, was passieren könnte. Notfallmaßnahmen müssten bei den betroffenen Unternehmen in der Schublade liegen.

Welche Auswirkungen hätte ein Brexit ohne Deal auf die britische Wirtschaft?

Menhart: Dazu gehen die Meinungen weit auseinander. Die Bank of England befürchtet für den Fall eines ungeordneten Brexit die schlimmste Rezession der Nachkriegszeit in Großbritannien. Andere Ökonomen sind weniger pessimistisch und rechnen mit zwei bis drei Prozent Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zwei Dinge sind entscheidend: Wie reagieren die Finanzmärkte und wie viel kann die Politik mit Übergangsregelungen abfedern.

Kaufmann:
Bei den Vorbereitungen auf die möglichen Szenarien hat die britische Regierung Schritte unternommen, dass im Falle eines „No Deal“ Brexits kein Chaos ausbricht. Anfang November hat das britische Parlament das für uns wichtige „Temporary Permission Regime“ verabschiedet. Im Rahmen einer Übergangszeit, die bis 2022 dauert, haben wir die Genehmigung erhalten, mit unseren Versicherungsaktivitäten im englischen Markt fortzufahren, auch wenn es keine Einigung mit der EU gibt. Eins ist aber sicher: Geschäftsprozesse werden komplexer, da im Londoner Markt auch multinationales Geschäft platziert wird und wir jetzt die EU-Risiken separieren und auf EU-Papier zeichnen müssen. 

Wie dramatisch ist der Austritt – ökonomisch und politisch – wenn es geordnet zugeht?

Menhart: Kurzfristig erwarte ich keine dramatischen volkswirtschaftlichen Auswirkungen – weder für Großbritannien noch für die EU. Läuft alles geordnet, d.h. eine Austrittsvereinbarung inklusive Übergangsperiode bis Ende 2020 liegt vor, ändert sich ja erst mal nicht viel. In der Übergangsperiode wird das zukünftige Verhältnis weiter verhandelt. Diese trotz Austrittsvertrag verbleibende Unsicherheit wird vor allem die britische Wirtschaft belasten. Langfristig bringt der Brexit für beide Seiten Nachteile, vor allem für Großbritannien selbst. Das sieht im Übrigen auch die britische Regierung so. Politisch verliert ein weniger geeintes Europa global an Bedeutung. Großbritannien ist für rund 15 Prozent des BIP in der EU verantwortlich; mehr als 20 Prozent der börsennotierten Firmen sind dort angesiedelt, über 60 Prozent der Top-Universitäten sind dort, und schließlich ist die außen- und sicherheitspolitische Bedeutung Großbritanniens für die EU enorm.

Kaufmann:
Als wir damit begonnen haben, uns auf den Brexit vorzubereiten, wurde uns erst wieder bewusst, wie komfortabel und vorteilhaft der europäische Binnenmarkt für unser Geschäft war. Mit dem Brexit-Votum vom Juni 2016 standen wir plötzlich vor dem Problem, dass wir verschiedene und andere Lizenzen brauchten. Künftig finden unsere Aktivitäten in zwei rechtlich verschiedenen Räumen statt. So mussten wir nicht nur Lizenzen in Großbritannien neu beantragen, sondern auch für Geschäft in Irland, das wir aus Niederlassungen unserer englischen Töchter betrieben haben.

Halten Sie ein neues Referendum für möglich?

Menhart: Ich halte das nach den jüngsten Entwicklungen nicht für ausgeschlossen, auch wenn aktuelle Meinungsumfragen auf keinen klaren Stimmungsumschwung der britischen Bevölkerung hinweisen. Doch ein solches Referendum wäre nicht vor dem 29. März durchführbar, so dass der zweijährige Austrittsprozess verlängert werden müsste. Die EU würde das vermutlich akzeptieren.  Meine These: Es würde dann zu einer sehr langen Übergangsphase kommen. Was in dieser Phase passieren kann, ist völlig offen – ein Nicht-Austritt wäre dann aber ein realistisches Szenario. Das könnte auch dadurch erleichtert werden, als UK nach einem aktuellen Urteil des Europäischen Gerichtshofes einseitig die Brexit-Entscheidung zurücknehmen könnte.

Munich Re hat auf der Insel viele Geschäftsaktivitäten. Was bedeutet das alles für unsere Gruppe?

Kaufmann: Zum Zeitpunkt der Verlautbarung des Referendums 2016 hatte unsere Gruppe elf verschiedene Einheiten in UK. Dieses Set-up werden wir vereinfachen und mit weniger Rechtsträgern und damit weniger organisatorischer Komplexität unser Geschäft weiter treiben. Dazu wandeln wir Teile der Niederlassungen und Töchter in Managing General Agents (MGAs) um. Diese MGA-Vertriebseinheiten, tragen selbst kein Risiko. Die Risikotragung übernehmen die verbleibenden Rechtsträger der GLISE Branch für Non-Life Erst-und Rückversicherung und die Münchener Rück AG für Life & Health Rückversicherung. Wir gehen also von einer Vielzahl bunter Einheiten auf nur noch zwei Rechts- und Risikoträger zurück.

Wann legen wir den Schalter um?

Kaufmann: Wir werden ab 1. Januar das Geschäft im neuen Set-Up schreiben, um ein einheitliches Vorgehen für das gesamte Jahr sicherzustellen. Aber die Implementierung unserer Lösung wird uns noch einige Jahre begleiten, vor allem weil Aspekte der neuen Regulierung in UK noch in Arbeit sind, und wir uns natürlich weiterhin auf politische Bewegungen einstellen müssen.

Was bedeutet das alles konkret für unser Geschäft – für Kunden und Broker?

Kaufmann: Grundsätzlich gilt die Regel: EU-Risiken müssen in der EU gezeichnet werden, UK-Risiken in London. Nehmen wir zum Beispiel eine Deckung für einen deutschen Autokonzern: Diese konnte man früher aus London zeichnen, weil es egal war, wo der Risikoträger in der EU saß. Vereinfacht gesagt, ist nach dem Brexit dieser Autokonzern ein EU-Risiko, und muss in der Regel bei einem europäischen Rechtsträger geschrieben werden. Das bewegt den Londoner Markt, weil dort sehr viele große und Spezialrisiken geschrieben werden. Industrierisiken bedürfen jetzt einer Trennung zwischen dem UK-Teil und dem Europa Teil. Leichte Anpassungen in den Kunden- und Brokerbeziehungen lassen sich deshalb nicht vermeiden. Aber egal was kommt, wir können unsere Kunden bedienen. Das führt nicht zu mehr Geschäft, aber zu komplexeren Prozessen.

Menhart:
Etwas anderes ist mir noch sehr wichtig: Die EU hat sich über die letzten Monate, wenn nicht Jahre sehr viel mit dem Brexit beschäftigt. Das Thema hat enorm Energie aufgesaugt, während Zukunftsthemen zu kurz gekommen sind. Das schlägt sich langfristig negativ auf die Wettbewerbsfähigkeit Europas nieder. Schlauer wäre es, UK und die EU würden weiter gemeinsam an einer Digitalstrategie für die Zukunft arbeiten, um sich gegenüber China und den USA zu positionieren. Hier liegen aus meiner Sicht langfristig die wichtigsten Herausforderungen.

Unsere Experten
Michael Menhart
Chefvolkswirt von Munich Re
Bernhard Kaufmann
Group Chief Risk Officer bei Munich Re
Drucken
Wir verwenden Cookies um Ihr Internet-Nutzungserlebnis zu verbessern und unsere Websites zu optimieren.

Mit der weiteren Nutzung unserer Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies dieser Website zu. Weitere Informationen zu Cookies und dazu, wie Sie die Cookie-Einstellungen in Ihren Browsereinstellungen anpassen können, finden Sie in unsereren Cookie-Richtlinien.
Sie können Cookies deaktivieren, aber bitte beachten Sie, dass das Deaktivieren, Löschen oder das Verhindern von Cookies Ihre Internet-Nutzung beeinflussen wird.