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Digitalisierung

Quantensprung bei der Schadenermittlung

Luftbilder und fortschrittliche Analysemethoden werden das Schadenmanagement bei Naturkatastrophen erheblich erleichtern. Im Innovation Lab von Munich Re arbeiten Experten an den digitalen und automatisierten Lösungen der Zukunft.

20.02.2018
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Naturkatastrophen wie Erdbeben, Wirbelstürme und Orkane haben in der Regel Massenschäden zur Folge, die zu regulieren einen enormen Kraftakt erfordert. Die häufig zerstörte Infrastruktur und unterbrochene Kommunikationssysteme erschweren es den Versicherern, die Schäden rasch und korrekt zu bearbeiten. Hinzu kommt, dass in den ersten Tagen und Wochen nach einer Katastrophe wertvolle Informationen fehlen. Außerdem mangelt es an qualifizierten Gutachtern, da Kapazitäten für größere Schadenereignisse nicht permanent lokal vorgehalten werden können. Die Folge: Nicht nur die Schadenabteilungen der Versicherer arbeiten am Limit und sind über viele Wochen weitgehend blockiert. Auch Mitarbeiter aus anderen Bereichen werden zur Unterstützung herangezogen und müssen ihre eigentlichen Aufgaben verschieben.
Luftbilder und fortschrittliche Analysemethoden werden das Schadenmanagement bei Naturkatastrophen erheblich erleichtern. Im Innovation Lab von Munich Re arbeiten Experten an den digitalen und automatisierten Lösungen der Zukunft. © Fraunhofer IOSB

Schnellere und günstigere Schadenregulierung

Munich Re ist davon überzeugt, dass die zunehmende Automatisierung bei der Schadenbearbeitung viele Probleme lösen wird. Das Ziel besteht darin, mit hochmodernen Technologien die Prozesse, die heute noch weitgehend manuell ablaufen, Schritt für Schritt zu vereinfachen und zu beschleunigen. Dadurch könnten nicht nur die Kosten der Schadenregulierung drastisch sinken. Auch die Versicherungskunden würden durch eine raschere Entschädigung profitieren, was wiederum über eine höhere Kundenzufriedenheit positiv auf die Erstversicherer zurückstrahlen würde.

Der Schlüssel liegt in der konsequenten Nutzung von Fernerkundungssystemen: Luftbilder ermöglichen es, die von einer Naturkatastrophe betroffenen Gebiete zu identifizieren, Schäden zu erkennen und zu klassifizieren. Verfügt man über ein geocodiertes Portfolio, lässt sich dann ohne großen Aufwand das Exposure ermitteln. Das ist bereits heute Stand der Technik. Wo Satellitenbilder fehlen oder in nicht ausreichender Qualität zur Verfügung stehen, könnte man auf sogenannte HALE-Drohnen zurückgreifen. Das Kürzel steht für High Altitude Long Endurance. Große Höhe bezieht sich dabei auf Einsätze mehr als 15 Kilometer über der Erdoberfläche, mit langer Ausdauer sind Einsatzzeiten von bis zu drei Monaten gemeint, die durch Solarantriebe ermöglicht werden. Die HALE-Drohnen liefern Aufnahmen in höherer Auflösung als über Satelliten, und mit der zunehmenden Verbreitung der Technologie sind diese Bilder auch besser verfügbar.

Ergänzung durch Remote Sensing

Durch die Klassifizierung der Schäden nach ihrer Schwere ist es möglich, die Schadengutachter effizienter zu koordinieren und die Spezialisten zu den schwierigsten Schäden zu schicken. Munich Re geht davon aus, dass die Automatisierung mithilfe von Fernerkundung, Geo-Informationssystemen, Bild verarbeitenden Algorithmen und digitalen Plattformen bis zum Jahr 2025 einen hohen Grad erreicht haben wird. Satelliten allein reichen dazu nicht, weil die Auflösung der Bilder zu grob ist, um etwa fehlende Ziegel auf einem Dach zu erkennen. Alternativ dazu könnte der Versicherungsnehmer Fotos oder Filmaufnahmen des beschädigten Objekts über sein Handy an den Versicherer schicken, die zusammen mit Bildanalysen aus der Luft ein genaues Schadenbild ergeben.

Eine Loss Estimation Engine wird dann in der Lage sein, Art und Höhe der Schäden zu ermitteln. Die Daten aus der Fernerkundung und vom Versicherungsnehmer werden mit Algorithmen geprüft und durch Erfahrungswerte der Vergangenheit ergänzt. Mit der wachsenden Verbreitung von Sensoren, die beispielsweise erkennen, ob sich eine Wand verschoben oder gesenkt hat, wird der Grad an Automatisierung weiter zunehmen. Bei den konkreten Anwendungen dürften die Naturgefahren Sturm und Erdbeben zunächst im Mittelpunkt stehen, weil dort mit Remote-Sensing-Methoden Schäden am ehesten zu erkennen sind. Wird die Auswertung anfänglich noch durch einem Schadenbearbeiter erfolgen, ist mit wachsender Verbreitung von künstlicher Intelligenz auch vorstellbar, dass ein Algorithmus diese Aufgabe übernimmt.

Schadenabwicklung als Service

Auf mittlere Sicht strebt Munich Re an, das eigene Versicherungs- und Schaden-Knowhow und die Lösungen zur automatischen Schadenerkennung als Dienstleistung anzubieten. Sobald die Technologien ausreichend verbreitet sind und ihre Zuverlässigkeit unter Beweis gestellt haben, wäre es denkbar, das gesamte Schadenmanagement bei Naturkatastrophen für einen Erstversicherer abzuwickeln – einschließlich automatischer Auszahlungen von Leistungen. Die Verfügbarkeit von Pre- und Post-Loss-Daten ermöglicht dabei noch effektivere Schadeninformationen und kann dazu beitragen, Betrugsfälle bzw. Doppeleinreichungen zu vermeiden. Außerdem liefern die Daten der Schadenmeldungen wichtige Informationen für das Underwriting. Die konkrete Arbeit an derartigen Lösungen wird noch im Verlauf des Jahres 2017 zusammen mit Erstversicherungskunden initiiert und vorangetrieben.
Topics Schadenspiegel 2017
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Munich Re Experten
Paul Zernik
Solution Manager in Claims
Thomas Schreiner
Head of Data, Systems and analytics Claims
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