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Digitalisierung

Sharing Economy – eine Win-win-Situation für alle?

Sharing Economy – das neue Zauberwort für ökologisches, nachhaltiges und ressourcenschonendes Wirtschaften. Stimmt das? So eindeutig ist es nicht. Wenn sich die Sharing Economy aus ihrem heutigen Nischendasein befreit, wird sie sich aber in jedem Fall auf die Volkswirtschaft, die Assekuranz und die Gesellschaft auswirken.

22.12.2016

Sharing Economy – was ist das?

Es gibt zahlreiche ähnlich klingende Bezeichnungen wie Share Economy, Peer Economy oder Collaborative Consumption. Der Begriff der Sharing Economy wird immer mehr zum Sammelbegriff für sämtliche Formen des geteilten Nutzens von Ressourcen, die nicht dauerhaft benötigt werden und bei denen ein Käufer nicht mehr das exklusive Eigentumsrecht erwirbt.

Ursprünglich bezog sich der Begriff ausschließlich auf den peer-to-peer-Austausch, also die gemeinsame Nutzung von Gütern und Dienstleistungen durch mehrere Personen. Kennzeichnend war dabei irgendeine Form von monetärer Kompensation, was die Transaktion von rein altruistischer Nachbarschaftshilfe, Spenden oder der online-affinen Open Source-Gemeinde abgrenzt. Inzwischen werden immer mehr Formen des Teilens und Leihens zum Dunstkreis der Sharing Economy gezählt, auch dann, wenn Firmen selbst die Anbieter von Gütern und Dienstleistungen sind. Beispiele dafür sind verschiedene Carsharing-Anbieter, die das Recht auf Autonutzung verkaufen. Ebenfalls dazu gerechnet werden kommerzielle Vermittler privater Dienstleistungen wie etwa für Fahrdienste oder Übernachtungen. Viele Apps und Internetportale ermöglichen das Teilen von Alltagsgegenständen wie Akkuschraubern, Fotoapparaten oder Campingzelten.

Gemeinsam nutzen – eine uralte Idee

Seit Jahrhunderten schließen sich Landwirte in Genossenschaften zusammen, um Gerätschaften zu teilen. Baumärkte verleihen seit Langem gegen Gebühr Werkzeuge und Mitfahrgelegenheiten gab es früher am schwarzen Brett. Die Digitalisierung hat aber zu einer erheblich gesteigerten Tiefe und Verbreitung dieser Konzepte geführt. Heute kann man beinahe jeden Gegenstand im Internet mit all seinen Details begutachten und schließlich von einer anderen Privatperson leihen. So gibt es mittlerweile auf der größten Sharing Economy-Plattform zur Buchung und Vermietung von privaten Unterkünften mehr private Zimmer zu mieten als bei der größten Hotelkette der Welt. 

Diese Sharing-Konzepte sind im privaten Bereich heute nicht mehr nur als Sparsamkeit zu sehen, sondern sie sind Ausdruck einer neuen Kultur, die flexiblen, temporären Gebrauch über permanenten Besitz stellt. Beispielsweise entspricht die minutengenaue Abrechnung der Autonutzung beim Carsharing momentan vor allem den Flexibilitätsansprüchen junger Großstadtmenschen. Das dahinter stehende Geschäftsmodell „Nutzung statt Erwerb“ findet nicht nur bei materiellen Gütern Anwendung, auch Video- und Musik-Streaming-Angebote sind prominente Beispiele. Zu diesem Wandel in den Kundenwünschen passt auch ein betriebswirtschaftlicher Trend auf Anbieterseite hin zu einer Variabilisierung von Kosten, bei der Unternehmen statt Eigentumsrechten lieber Nutzungsrechte an einem Gut im Paket mit Wartung, Versicherung, Service und so weiter verkaufen. Die Margen können bei einem solchen „Bundling“ verschiedener Dienstleistungen höher sein, zudem lassen sich Daten über den Gebrauch der Produkte und deren Nutzer sammeln und auswerten.

Sharing Economy – eine Win-win-Situation für Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft?

Der Earth Overshoot Day – der Tag im Jahr, an dem die Menschheit die für das ganze Jahr zur Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen bereits aufgebraucht hat – findet immer früher im Jahr statt. Eine Trendwende wurde bei aller Effizienzsteigerung im Ressourceneinsatz auch auf Grund der gleichzeitig rasant steigenden Bevölkerungszahl und des zunehmenden Wohlstands bislang nicht erreicht. Wenn mehr Güter geteilt werden, somit also mehr der Gebrauch als der Besitz eines Guts im Vordergrund steht, muss insgesamt weniger Material für die Produktion aufgewendet werden. Teilen sich die Parteien eines Mehrfamilienhauses beispielsweise selten genutzte Werkzeuge wie Bohrmaschine, Hochdruckreiniger und Co, wird das eingesetzte Material effizienter genutzt und der Ressourcenverbrauch sinkt. Generell steigt dadurch der Wettbewerbs- und Innovationsdruck unter den Produzenten. Dies könnte einen Trend zu höherer Produktqualität auslösen, weil Konsumenten bei der Anschaffung ein späteres Teilen des Produkts einberechnen. Bei der Produktion fallen zudem weniger Emissionen an. Die Nutzer der Geräte sparen im Vergleich zur Anschaffung bares Geld, das sie für andere Dinge ausgeben können. Umgekehrt können mit der Vermietung begehrter Güter auch Einnahmen erzielt werden. Der Konsument wird zum Prosument, der ein Gut nicht nur passiv nutzt, sondern damit Einnahmen generiert, also Produzent wird. 

Das Szenario einer post-materialistischen Gesellschaft steht im Raum, in der Teilen das neue Haben ist. Durch den ständigen Austausch von Gütern würde die soziale Interaktion in der Gesellschaft wieder zunehmen. Junge Menschen würden nicht mehr ein eigenes Auto als Statussymbol haben wollen, schließlich stünde an jeder Straßenecke ein Gefährt zur sofortigen Nutzung bereit. Eine flexible Nutzung von Gütern und Diensten käme der schnelllebigen Lebensweise jüngerer Generationen ohnehin viel näher als langfristiger und zunächst unwiderruflicher Besitz.

Hat die Sharing Economy auch Nachteile?

In einer Gesellschaft, die hauptsächlich nach den Maßstäben einer Sharing Economy lebt, dürfte die gesamtwirtschaftliche Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen sinken. Das hätte einerseits negative Auswirkungen auf Einkommen und Beschäftigung. Andererseits entstünden auch Wachstumsmärkte, vor allem bei der Entwicklung und Bereitstellung von digitalen Diensten rund um das Teilen von Gegenständen. Arbeitnehmer bräuchten vielleicht weniger Geld zum Leben, wenn sie weniger Gegenstände dauerhaft anschafften.

Schon heute führt die Sharing Economy zu einer Erosion diverser Standards. Zwar ist es durchaus positiv, dass die neuen Konzepte tradierte Branchen und Mechanismen herausfordern und zur Modernisierung und Innovationen zwingen. So können die neuen digitalen Akteure dabei helfen, verkrustete Strukturen aufzubrechen und Schutzregeln zu beseitigen, die lediglich der Bestandswahrung etablierter Anbieter dienen und Innovationen behindern.

Umgekehrt kann es aber auch nicht das Ziel der Sharing Economy sein, dass die  bewährten Gesundheits-, Sicherheits- und Arbeitsrechtstandards völlig außer Acht gelassen werden, Anbieter von Share Economy Dienstleistungen von ihrem Lohn kaum leben und ihre Interessen nicht gemeinschaftlich artikulieren können. Die staatliche Regulierung hinkt vielfach noch hinterher. Sie ist gefangen im Dilemma einerseits Innovationen nicht ersticken zu wollen, andererseits aber auch gesellschaftlich unerwünschten Entwicklungen einen Riegel vorschieben zu müssen.

Auch die ökologischen Auswirkungen müssen nicht nur positiv ausfallen. Denn die Sharing Economy ermöglicht letztlich nicht nur intelligenteren, sondern noch mehr Konsum, der den traditionellen Besitzkonsum nicht zwingend ersetzen muss. Autobesitzer nutzen nun vielleicht zusätzlich Carsharing-Angebote auf kurzen Distanzen. Die Verfügbarkeit von privaten Fahrdiensten führt vielleicht zu einer Verlagerung weg vom öffentlichen Nahverkehr hin zu emissionsintensiveren privaten Taxifahrten.

In einem solchen Szenario verflüchtigt sich auch die Vorstellung einer weniger konsumorientierten Gesellschaft. Beim kostenpflichtigen Verleih von privat zu privat wird nämlich zuvor übliches unentgeltliches Teilen nun ökonomisiert. Tatsächlich sind Apps für den unentgeltlichen Austausch von Gegenständen bislang überraschend erfolglos.

Die skizzierten möglichen Auswirkungen hängen aber stark von der Verbreitung der Sharing Economy ab. Auch wenn dieses Konzept sicherlich an Bedeutung gewinnen wird, ist derzeit nicht abzusehen, dass es – an Stelle des käuflichen Erwerbs – zur vorherrschenden Konsumart aufsteigen wird.

Ambivalente Folgen für die Versicherungswirtschaft

Auch wenn die Stärke der Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft noch unklar ist, sollte sich die Versicherungswirtschaft auf die Sharing Economy vorbereiten. Natürlich werden auch zukünftig traditionelle Sach- und Haftpflichtdeckungen nachgefragt werden. Vielfach ist die Nutzung nach Art der Sharing Economy in Deutschland auch mit heutigen Policen bereits abgedeckt, die die Lebenswirklichkeit der Versicherungsnehmer widerspiegeln und gängige Risiken wie etwa den Verleih an Bekannte (teils über Zusatzbausteine in der Haftpflichtpolice) tragen sollen. Dazu gehört mitunter auch eine nebengewerbliche Nutzung innerhalb eines gewissen Rahmens. 

Werden aber beispielsweise Wohnungen über Übernachtungsportale quasi-gewerblich und noch viel häufiger als Ferienwohnungen vermietet, könnte das langfristig Auswirkungen auf die Zahl der Schäden und damit das Pricing für private Policen haben. Hier und auch an anderer Stelle bestehen momentan je nach Jurisdiktion noch teils erhebliche rechtliche Grauzonen über mögliche Haftungsfragen, die Leiher, Verleiher und Versicherer im Unklaren lassen. Um solchen rechtlichen Streitigkeiten zu entgehen, machen einige Portale eine Versicherung für den einzelnen Verleihvorgang obligatorisch. Teils decken traditionelle Erstversicherer diese Risiken im Hintergrund für ein Vermittlungsportal, zudem haben sich verschiedene Anbieter wie etwa Slice auf die Absicherungsbedürfnisse von Sharing Economy-Plattformen spezialisiert.

Beispiel Kfz-Versicherung

Ein anderes Beispiel ist die traditionelle Kraftfahrzeug-Versicherung, wobei der Verleih unter Privatpersonen und das kommerzielle Carsharing unterschieden werden muss. So variiert der erlaubte Fahrerkreis eines versicherten Fahrzeugs je nach Vertragsgestaltung. Zum einen gibt es Policen bei denen jeder, der eine Fahrerlaubnis besitzt, fahren darf. Zum anderen gibt es günstigere Tarife mit eingeschränkten Fahrerkreisen, bei denen sogar definiert werden kann, dass nur eine einzige Person das Fahrzeug fahren darf. Sharing Economy-Portale machen deshalb eine zusätzlich vermittelte Versicherung obligatorisch. Dies könnte die Nachfrage nach Versicherung ankurbeln.

Allerdings könnte sich die Gesamtzahl der zugelassenen Fahrzeuge im Falle einer starken Verbreitung von kommerziellen Carsharing-Modellen deutlich reduzieren, was sich wiederum auf die Kfz-Prämieneinnahmen auswirken könnte. Mindestens in Großstädten dürfte Carsharing zu einer Verlagerung der Versicherungsnachfrage weg von Privatpersonen hin zu den Anbietern von kommerziellem Carsharing führen. Für Versicherer kann dies Fluch und Segen zugleich bedeuten: Lässt ein Anbieter von Carsharing oder ein Vermittlungsportal sämtliche Entleihvorgänge durch einen Erstversicherer absichern, so könnten Versicherer auf einen Schlag größere Summen zeichnen, ähnlich wie es bei der Flottenversicherung bereits üblich ist. Dadurch könnten die Ausgaben für Vertrieb und Schadenbearbeitung fallen. Umgekehrt verleiht die Konzentration aber auch den Carsharing-Anbietern eine deutlich bessere Verhandlungsposition, insbesondere dann, wenn nur wenige Anbieter den Markt unter sich aufteilen. Denkbar ist auch, dass die Anbieter – nicht selten große Automobilkonzerne – die Sach- und Haftungsrisiken gleich selbst decken.

Zu klären ist in jedem Fall auch der Umgang mit Telematikdaten, die beim Carsharing-Anbieter anfallen. Um eine faire Prämienberechnung und Schadenregulierung durchführen zu können, muss der Versicherer Zugang zu relevanten Telematikdaten bekommen. Rein theoretisch könnte ein Ridesharing-Anbieter seinen Informationsvorteil ausnutzen und nur die schlechten Fahrer von externen Anbietern versichern lassen.

Darüber hinaus könnte Carsharing die Verbreitung von autonomen Fahrzeugen deutlich beschleunigen. Denn die anfangs sehr teuren Automobile würden zunächst nur von einer kleinen Käufergruppe erworben. Auf Grund der besseren Auslastung und zu Marketingzwecken dürften sie aber schon frühzeitig in die Carsharing-Flotten von Automobilherstellern aufgenommen werden.

Peer-to-Peer (P2P)-Versicherung

Im Zusammenhang mit dem Begriff Sharing Economy wird häufig auch die Peer-to-Peer (P2P)-Versicherung genannt. Der Begriff meint die gemeinschaftliche Absicherung gegen Risiken im kleinen Kollektiv. Das Prinzip ist einfach: Eine kleine Gruppe an Versicherten bildet gemeinsam einen Pool, in dem alle Versicherten eine identische Versicherungspolice halten. Nach Abzug von Verwaltungskosten, Rückversicherungskosten und Marge für den Anbieter wandert die Prämie in einen gemeinsamen Topf, aus dem Schäden gezahlt werden. Sollte am Jahresende noch Geld im Topf vorhanden sein, wird es den Mitgliedern ausgezahlt oder für einen guten Zweck gespendet. Dies soll als Maßnahme gegen Versicherungsbetrug dienen. Auch der Versicherer habe keinen Anreiz mehr, legitime Schadenforderungen abzulehnen, weil seine Marge dadurch nicht steigt. Wenn die Schäden das Budget übersteigen, springt ein Rückversicherer ein.

Es gibt mittlerweile einige auf dem internationalen Markt existierende P2P-Versicherungslösungen, deren Konzept einem Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit mit sehr kleinem Kollektiv ähnelt. Auch wenn diese Insurtech-Player häufig in einem Atemzug mit Sharing Economy genannt werden, gehören sie streng genommen doch nicht dazu. Denn das Poolen mehrerer Menschen in einem Versichertenkollektiv ist auch der Ausgangspunkt traditioneller Versicherer: Jeder Versicherungsnehmer zahlt eine risikoadäquate Prämie und seine Risiken sind damit jederzeit abgesichert, es wird nichts geteilt. Sharing Economy wäre es erst dann, wenn mehrere Versicherungsnehmer sich einige Policen teilen würden, und sich jeder anlassbezogen für einen begrenzten Zeitraum exklusiv Versicherungsschutz leihen könnte.

Neu ist an den Modellen, dass sich die Versicherungsnehmer bei manchen Anbietern kennen. Bei So-Sure können sich beispielsweise Freundeskreise und Bekannte zusammen tun, um ihre Mobiltelefone abzusichern. Kommen im Teilnehmerkreis weniger Schäden als kalkuliert vor, erhalten die Versicherungsnehmer eine Rückzahlung, was Betrug deutlich reduzieren soll.

Fazit

Die Sharing Economy ist ein Trend, der vor allem durch die Digitalisierung begünstigt wird. Nicht alles, was unter Sharing Economy subsumiert wird, gehört wirklich immer dazu. Es dürften sich zahlreiche Veränderungen für Wirtschaft, Gesellschaft und auch für die Versicherer ergeben, wobei wir für die meisten Anwendungsbereiche nicht erwarten, dass Teilen das neue Haben wird. Einzig im Mobilitätsbereich dürften sich vor allem in Großstädten tiefgreifende Veränderungen zeigen, hier allerdings überlagert von noch bedeutenderen Trends wie etwa dem autonomen Fahren. 

Ob Sharing Economy oder nicht: Geschäftsmodelle, die den flexiblen, temporären Gebrauch eines Gutes im Paket mit Service, Versicherung und Wartung anbieten, werden an Bedeutung gewinnen. Dadurch ergeben sich auch für die Versicherungsbranche neue Geschäftsmodelle.

Munich Re Experten
Alexander Dietrich
ist Economist bei Munich Re und hat sich auf die Analyse von Wirtschafts- und Versicherungsmarktthemen spezialisiert.
Christina Wallner
ist Economist in der volkswirtschaftlichen Abteilung von Munich Re und beschäftigt sich unter anderem mit digitalen Trends.
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