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The human brain
© Science Photo Library - KTSDESIGN / Getty Images
Digitalisierung

„Das Gehirn arbeitet mit 20 Watt. – Genug, um die komplette Denkleistung abzudecken.“

Der deutsche Hirnforscher und Biochemiker Henning Beck über die fehlerhafteste und gleichzeitig innovativste Struktur auf der Welt: das Gehirn.

08.07.2019

Bei Zukunftstechnologien wird kaum ein Thema so intensiv diskutiert wie Künstliche Intelligenz (KI). Bei vielen Menschen ruft das Thema Ängste hervor, KI könnte das menschliche Gehirn übertreffen. Können Sie beruhigen?

Henning Beck: Man kann das menschliche Gehirn nicht direkt mit KI vergleichen. Das Gehirn ist immer besser, wenn es wenig Daten gibt, wenn Unsicherheit besteht und wenn Menschen interagieren. Computer sind hingegen besser, wenn man sehr viele Daten hat und die Datenlage klar und messbar ist. Computer befolgen Regeln, wir können neue Regeln aufstellen und sie auch brechen. Wir denken in Konzepten, denken interaktiv und verändern Dinge. Das menschliche  Gehirn behält also in vielen Bereichen die Oberhand.

Können Sie den Unterschied genauer erläutern?

Computer arbeiten nach dem Schema Input-Verarbeitung-Output. Beim Gehirn ist Verarbeitung und Output ein und dasselbe. Gedanken sind nicht Ergebnisse, die ausgespuckt werden wie beim Computer, sondern das Zusammenspiel von Nervenzellen. Die Anzahl der Gedanken oder Zustände, die ein Gehirn in einem Moment denken oder empfinden kann sind theoretisch immens und übersteigt die Atome im Universum um eine unfassbare Zahl. Das Gehirn hat 80 Milliarden Zellen. Das Gehirn ist nicht datenbasiert, es rechnet nicht einzelne Schritte mit Einsen und Nullen durch, sondern arbeitet mit Konzepten oder Kategorien.

Sie sprechen in Vorträgen von unserer Geheimwaffe. Was ist damit gemeint?

Wir nehmen nicht nur Informationen auf und geben sie wieder, sondern wir verstehen, worum es geht und abstrahieren das Verstandene auf andere Dinge. Wir erfassen zum Beispiel sehr schnell die Bedeutung neuer Wörter – etwa Brexit oder Teuro. Wir verstehen das Konzept und können es nach einmaligem Hören sofort anwenden, weil wir die Idee begriffen haben. Das können die derzeitigen Systeme nicht. Auch wenn ein Computer sehr gut Schach spielen kann, weiß er nicht, was Schach ist. Er wendet Regeln an und gibt in einem System eine optimale Antwort, weil man ihm vorher gesagt hat, was die bestmögliche Antwort ist. Aber kein Computer weiß, was Schachfiguren sind, was ein Bauer oder ein König ist, dass Schach ein Spiel ist.

Was bedeutet Intelligenz in diesem Kontext?

Wir benutzen Intelligenz meist als Oberbegriff für menschliches Denken, dabei ist sie nur ein Teilbereich unserer geistigen Fähigkeiten. Menschliches Denken ist viel mehr. Wir sind ja auch kreativ, emphatisch, kommunikativ. Der intelligenteste Mensch der Welt hat nichts von seiner Intelligenz, wenn er seine Ideen niemandem vermitteln kann. Wenn ich Regeln nicht brechen kann, bringt mir das auch nichts.

Warum soll man Regeln brechen?

Wer Auto fährt, muss die Verkehrsregeln beachten. Wer aber ein neues Auto bauen will, muss mit eingefahrenen Denkmustern und auch Regeln brechen. Auf dem Weg zu neuen Perspektiven ist das unausweichlich. Man muss in Frage stellen können, auch wenn man aneckt oder auf die Nase fällt. Die meisten Erfinder, Wissenschaftler oder Künstler fallen irgendwann auf die Nase und lernen aus ihren Fehlern. Wer das nicht in Kauf nimmt, riskiert, einfältig zu werden. Vielen Menschen es geht nur um Effizienz und Schnelligkeit, aber das können Maschinen auch. Der Fehler im Denken, nicht die Perfektion unterscheidet uns von der unkreativen Maschine.

Die besten Ideen entstehen bekanntlich nicht am Schreibtisch, sondern bei oft banalen Tätigkeiten? Was geschieht da genau im Gehirn?

In Situationen, in denen wir Routinetätigkeiten nachgehen, radfahren, wandern, kochen, geht das Gehirn auf Wanderschaft. Dann sind Hirnregionen aktiv, die planen oder  Hypothesen aufstellen. Dieses geistige Umherwandern oder Abdriften ist extrem kraftvoll, wenn man zuvor ein Problem bearbeitet hat. Der Fachbegriff dafür heißt „mind wandering“, das gedankliche Umherwandern. Es wird im Gehirn vom sogenannten Grundeinstellungsnetzwerk vermittelt. Dieses springt immer an, wenn man nichts tut. Es kombiniert Ideen und Eindrücke. Übrigens weiß man, dass viele Menschen im Flugzeug gute Ideen haben. Das ist ein reizfreier Raum, wo man auch kein Handy nutzen kann.

Elon Musk oder Bill Gates sagen, KI wird in Kürze das menschliche Gehirn übertreffen.

Wenn Sie sich da mal nicht täuschen! Momentan wird dieses Szenario gern heraufbeschworen, auch in Hollywood. Aber die Technologie dafür gibt es noch nicht. Es ist zwar theoretisch vorstellbar, dass eine Maschine schlauer ist als der Mensch. Doch die heutige Technik deckt nur einen winzigen Teil unseres Denkens ab, nämlich das Erkennen von Mustern. Es gibt auch keinen einzigen Trend in der Biotechnologie, der immer exponentiell weiter geht. Zudem ist KI ein energiehungriges Verfahren. Das Gehirn arbeitet mit 20 Watt. Diese reichen, um die komplette Denkleistung abzudecken. Um ein Pinguinbild in 10 Millionen Bildern zu erkennen, braucht KI unfassbar viel Energie. Damit sind ganze Rechenzentren beschäftigt, die gekühlt werden müssen, um dieses Problem zu lösen. Wenn man alles, was das menschliche Gehirn macht, mit KI darstellen wollte, bräuchten wir wahrscheinlich zig Atomkraftwerke, um die Energie dafür bereitzustellen – wenn es überhaupt möglich wäre. 

Henning Beck
Henning Beck, Neurowissenschaftler und Autor
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