dcsimg
Cyber

Blockchain: Vom Hype zur Realität

Ist die Blockchain-Technologie die ersehnte Revolution oder doch nur alter Wein in neuen Schläuchen?

23.11.2016

Chris Storer, Leiter des Cyber Solutions-Teams bei Corporate Insurance Partner und Paul Bantick, Leiter der Fokusgruppe Cyberrisiken bei Beazley in London erläutern, warum Unternehmensvorstände diesen Paradigmenwechsel vorantreiben. 

Vor zwei Jahren kursierte der Begriff Blockchain beinahe ausschließlich unter IT-Experten und Bitcoin-Anhängern. Mittlerweile hat er sich zu einem Hype in der gesamten Finanzwelt entwickelt. Blockchain wird dabei immer wieder als Allheilmittel für lang bekannte Probleme wie veraltete IT-Infrastrukturen und aufwändige Verwaltungsprozesse gepriesen. Ist die Blockchain-Technologie die ersehnte Revolution oder doch nur alter Wein in neuen Schläuchen? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.

Eine Blockchain ist im Grunde genommen nichts anderes als ein von mehreren Beteiligten dezentral geführter, digitaler Datenspeicher, in dem zu Blöcken gebündelte Transaktionen fälschungssicher abgelegt werden. Darüber hinaus können in der Blockchain auch intelligente Verträge gespeichert werden, die sich automatisch ausführen lassen (sog. „Smart Contracts“). Der entscheidende Vorteil der Blockchain-Technologie ist erstens, dass es zur Ausführung und Bestätigung der Transaktionen keiner vertrauenswürdigen, zentralen Stelle bedarf. Zweitens stellt ein spezieller Mechanismus zur Verschlüsselung der Daten sicher, dass diese nicht nachträglich manipuliert werden können.

Der Einsatz von Blockchains liefert also insbesondere dann einen Mehrwert, wenn die folgenden zwei Bedingungen erfüllt sind. Zum einen sollten mehr als zwei Parteien in die Transaktion eingebunden sein, damit die dezentrale Datenspeicherung ihren Vorteil entfalten kann. Zum anderen bringt sie nur in Fällen, in denen es keinen vertrauenswürdigen Intermediär gibt, wirklich einen zusätzlichen Nutzen. Dann ist nämlich die Verwendung einer manipulationssicheren Transaktionsmethode sinnvoll. Mögliche Anwendungsfälle im Finanzsektor sind beispielsweise der internationale Zahlungsverkehr und der Wertpapierhandel. Mittels der Blockchain-Technologie könnten Zahlungen und Wertpapiertransaktionen deutlich schneller, kostengünstiger sowie fälschungssicher abgewickelt werden. Die Technologie hat zudem das Potenzial, zu einem neuen Industriestandard für den unternehmensübergreifenden Datenaustausch in der Versicherungswirtschaft zu werden. Theoretisch ist es sogar möglich, mit Hilfe von „Smart Contracts“ Erst- und Rückversicherungsverträge vollständig über eine Blockchain abzuwickeln.

Sollte die neue Technologie flächendeckend Anwendung finden, dürfte dies zu deutlichen Produktivitätssteigerungen im Finanzsektor führen. Damit dürfte die volkswirtschaftliche Bedeutung der Branche gestärkt werden. Außerdem würden viele Prozesse schlanker und transparenter werden. Zudem ließen sich Transaktionen zwischen Versicherungsnehmern, Erst- und Rückversicherern schneller abwickeln. Auf Seiten der Konsumenten dürfte sich dies in kürzeren Bearbeitungszeiten, rascheren Schadenregulierungen und günstigeren Prämien bemerkbar machen. Die Blockchain-Technologie könnte außerdem die Grundlage für innovative Produktentwicklungen sein, die sich noch näher am Kundenbedarf orientieren.

Ungeachtet des Hypes sollte jedoch das Bewusstsein entstehen, dass Blockchain eine Lösung für bestimmte Probleme sein kann – nicht aber eine Lösung, für die Probleme gesucht werden müssen. Man darf dabei auch nicht übersehen, dass noch einige Kinderkrankheiten bewältigt werden müssen, bevor die Technologie tatsächlich eingesetzt werden kann. Handlungsbedarf besteht sowohl bei technischen als auch rechtlichen Fragen. Momentan stößt die Technologie relativ schnell an Kapazitätsgrenzen hinsichtlich Verarbeitungsgeschwindigkeit und Anzahl der zeitgleich durchführbaren Transaktionen. Hier ist noch einiges an Entwicklungsarbeit zu leisten.

Utopisch hingegen ist die Vorstellung, dass in Zukunft eigenständige, intelligente Verträge ausschließlich über eine Blockchain ohne Beteiligung einer weiteren Instanz ausgeführt werden. Sowohl aus technischen als auch juristischen Überlegungen heraus ist es unabdingbar, dass die gültigen Vertragsbedingungen zusätzlich außerhalb der Blockchain fixiert werden. Wird allein der Programmcode der „Smart Contracts“ als verbindlicher Vertragstext interpretiert, können Vorfälle wie der spektakuläre Fall rund um den auf der Blockchain-Technologie basierenden Investmentfonds DAO („DAO-Hack“) auch in Zukunft nicht ausgeschlossen werden. Im Juni 2016 war es einem Anteilseigner gelungen, eine Schwachstelle im Code auszunutzen und umgerechnet über 40 Mio. Euro aus dem Fonds abzuziehen.

Nichtsdestotrotz besteht unter Experten mehrheitlich die Ansicht, dass die Blockchain-Technologie über großes Potenzial verfügt. Dafür ist es aber essentiell, dass unternehmensübergreifend an gemeinsamen Lösungen gearbeitet wird. Dazu hat sich Munich Re jetzt mit anderen Erst- und Rückversicherungen zur Blockchain Insurance Industry Initiative (B3I) zusammengeschlossen.

Munich Re Experten
Susanne Gäde
ist als Economist bei Munich Re zuständig für Geldpolitik, Finanzmarktregu­lierung und kapitalmarktnahe Themen.
Christina Wallner
ist Economist in der volkswirtschaftlichen Abteilung von Munich Re und beschäftigt sich unter anderem mit digitalen Trends.
Drucken
Wir verwenden Cookies um Ihr Internet-Nutzungserlebnis zu verbessern und unsere Websites zu optimieren.

Mit der weiteren Nutzung unserer Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies dieser Website zu. Weitere Informationen zu Cookies und dazu, wie Sie die Cookie-Einstellungen in Ihren Browsereinstellungen anpassen können, finden Sie in unsereren Cookie-Richtlinien.
Sie können Cookies deaktivieren, aber bitte beachten Sie, dass das Deaktivieren, Löschen oder das Verhindern von Cookies Ihre Internet-Nutzung beeinflussen wird.