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Resilienz

Ganz oben auf der Agenda

Die Vereinten Nationen haben der Resilienz gegenüber Risiken hohe Priorität eingeräumt und 1999 mit der International Strategy for Disaster Reduction (ISDR) ein eigenes UN-Sekretariat für Katastrophenvorsorge eingerichtet. Im Skype-Interview mit Munich Re: Robert Glasser, UN-Sonderbeauftragter des Generalsekretärs der Vereinten Nationen für Katastrophenvorsorge und Leiter von UNISDR.

09.03.2017

Vor etwa einem Jahr haben Sie die Leitung von UNISDR übernommen. Was war in Ihrer neuen Position bisher die positivste Erfahrung?

Robert Glasser: Im Umgang mit Katastrophenrisiken sind beachtliche Fortschritte zu beobachten. Ich bin viel gereist, um an regionalen Treffen mit Regierungsvertretern und Regierungschefs teilzunehmen. Mancherorts gibt es merkliche Fortschritte, aber längst nicht überall. Es bleibt also noch einiges zu tun. Aber es werden zunehmend Katastrophenvorsorgepläne erstellt. In einigen Ländern hat man sogar die Verfassung geändert, um den Umgang mit Katastrophenrisiken zu verankern. Auch bei den aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen gibt es Verbesserungen, und die Parlamente nehmen ihre gestaltende Rolle bei der Verabschiedung von gesetzlichen Regelungen stärker wahr. In Teilbereichen der Katastrophenvorsorge gibt es ebenfalls große Erfolge, insbesondere bei Frühwarnsystemen, Evakuierungsplänen und Schutzbauten in Ländern wie Bangladesch, Indien und Pakistan. Wir bemerken auch ein stärkeres Engagement des privaten Sektors.

Wie kann man die Resilienz gegenüber den Auswirkungen von Naturereignissen am besten stärken?

Einer der wichtigsten Faktoren, welche die Bedrohung und ihre Unvorhersehbarkeit erhöhen, ist der Klimawandel. Ein wichtiger Beitrag zur Krisenfestigkeit sind daher der Klimaschutz und die Reduzierung der Treibhausgase. Ich bin überzeugt, dass letztlich alle unsere Bemühungen um besseren Katastrophenschutz zunichte gemacht werden, wenn es uns nicht gelingt, den Treibhausgas getriebenen Temperaturanstieg in den Griff zu bekommen. Was wir also wohl am dringendsten brauchen, ist eine Reduzierung der Emissionen. Außerdem müssen wir sicherstellen, dass Katastrophenrisiken in die grundsätzlichen ökonomischen Planungsprozesse Eingang finden. Hierfür müssen die Länder nicht nur ein gutes Risikoverständnis entwickeln, sondern auch die damit verbundenen Kosten beziffern können und sich mit künftigen Trends auseinandersetzen. Denn beim Klimawandel und bei anderen Einflussfaktoren ist der Blick in die Vergangenheit kein zuverlässiger Indikator für die Risiken der Zukunft. Die Versicherungswirtschaft besitzt die entsprechenden Daten und ist daher unabdingbar, wenn es um ein ganzheitliches Risikomanagement geht.

Was kann die Versicherungsbranche tun, um Ihre Bemühungen zur Förderung der Resilienz zu unterstützen? Welche Versicherungsinstrumente bieten sich an?

Risikotransfer gehört zu den wichtigsten Mechanismen, welche die Länder beim Risikomanagement nutzen können. Natürlich muss zunächst alles getan werden, um die Risiken von vornherein gering zu halten – so sollten zum Beispiel Krankenhäuser erst gar nicht in Überschwemmungsgebieten gebaut werden. Wenn aber alle präventiven Maßnahmen ausgeschöpft sind, sollten die öffentlichen Stellen die Möglichkeit haben, einen Teil des Risikos an die Versicherer abzugeben. In einigen Staaten erschwert die Regulierung es den Versicherern, eine solche Funktion zu übernehmen. Gerade in benachteiligten Gesellschaften kann die Assekuranz jedoch eine wichtige Rolle übernehmen. Sie kann geeignete Produkte – zum Beispiel auf der Basis einer Gegenseitigkeitsversicherung – entwickeln, um Bevölkerungsgruppen abzusichern, die besonders Naturgefahren ausgesetzt und zudem anfällig sind. Die Grundvoraussetzung für risikomindernde Maßnahmen und einen sinnvollen Risikotransfer ist ein entsprechender Kenntnisstand der Behörden. Was die Schadenexponierung anbelangt, gibt es sowohl in den reichen Nationen, als auch in den Entwicklungsländern erhebliche Wissenslücken. Hier kann die Assekuranz einen maßgeblichen Beitrag leisten, um das Risikobewusstsein zu schärfen und eine solide Grundlage für den Risikotransfer zu schaffen.

Sie sprachen davon, dass ärmere Menschen besonders anfällig sind. Was sollte getan werden, um die Resilienz in Entwicklungs- und Schwellenländern weiter zu erhöhen?

Alle Länder stehen vor der Herausforderung, dass die Ressourcen zur Stärkung der Resilienz begrenzt sind, aber natürlich sind die Defizite in den Entwicklungsländern am größten. Diese Regionen haben unverhältnismäßig stark unter Naturkatastrophen zu leiden. Unseren Analysen zufolge liegen die jährlichen Naturkatastrophenschäden in den einkommensschwachen Ländern durchschnittlich bei über 20 Prozent ihrer jährlichen Sozialausgaben. Des Weiteren bestehen in Bezug auf Katastrophenschäden Wissenslücken, ganz zu schweigen von unzureichenden Möglichkeiten der Risikoabschätzung und der Berücksichtigung der jeweiligen Risiken in wirtschaftlichen Planungen. All diese Bereiche müssen angegangen werden, um das Katastrophenrisiko zu reduzieren, und die Assekuranz spielt bei jedem Teilaspekt eine wichtige Rolle.

Gibt es im Bereich Public-Private-Partnership Projekte mit Modellcharakter, die ausbaufähig oder nachahmenswert sind?

Ja, da gibt es durchaus einige Leuchtturmprojekte, zum Beispiel im Bereich Mikroversicherungen, welche in Zusammenarbeit mit Behörden und Nicht-regierungsorganisationen den Zugang zu Versicherungsprodukten ermöglichen. UNISDR hat mit dem privaten Sektor eine erfolgreiche Allianz geschmiedet und kooperiert auf globaler Ebene mit internationalen Unternehmen, auf regionaler Ebene mit umtriebigen Verbänden und deren Mitgliedsunternehmen, insbesondere in Japan und auf den Philippinen. Die Allianz mit dem Namen Arise Network entwickelt öffentlich-private Partnerschaften mit dem Ziel, das Katastrophenrisiko zu senken. Die Aktivitäten sind vielfältig. So kümmert sich die Allianz darum, dass Risikothemen in den betriebswirtschaftlichen Studiengängen auf den Lehrplan kommen, um bei der künftigen Generation von Führungskräften das Verständnis für Katastrophenrisiken zu fördern. Außerdem wird in Zusammenarbeit mit kleinen und mittleren Unternehmen untersucht, wie krisenfest diese sind und wie gut die Katastrophenvorsorge ist – und vieles andere mehr. Gerade starten wir auch eine interessante Initiative in Verbindung mit Finanzaufsichtsbehörden, der Bank für internationalen Zahlungsausgleich und dem Financial Stability Board. Wir haben eine Möglichkeit gefunden, das Thema Katastrophenrisiken auf globaler Ebene in die Regularien einfließen zu lassen, die für die Versicherungswirtschaft weltweit Richtlinien vorgeben. Das ist ein wichtiger Schritt. Jetzt gilt es, eine geeignete Aufgabenverteilung zwischen der öffentlichen Hand und der privaten Versicherungswirtschaft herauszuarbeiten. Letztlich muss sich eine Win-win-Situation ergeben.

Ihre Organisation hat für die nächsten 15 Jahre einen Maßnahmenkatalog festgelegt. Oberste Priorität hat dabei das "Verstehen von Katastrophenrisiken". Wie können die Versicherer Sie dabei unterstützen?

Entscheidend ist, wie gesagt, das Thema Katastrophenrisiken in die wirtschaftlichen Planungen einzubeziehen. Risikoeinschätzungen sowie fundiertes Wissen über Katastrophenschäden und ihre Ursachen sind dabei zwei einer ganzen Reihe von Elementen. Global gesehen wäre es ausgesprochen hilfreich, wenn die Versicherer ihre Risikodaten auf breiterer Basis bereitstellen würden. Mir ist durchaus bewusst, dass es sich vielfach um firmeneigene Informationen handelt. Dennoch besteht ein starkes gemeinsames Interesse – auch aufseiten der Versicherer –, das Wissen zu bündeln, wenn die frei zugänglichen Daten nicht ausreichen. Dies wird die Möglichkeit schaffen, die Preise für Risiken besser zu kalkulieren und neue Märkte zu erschließen und letztlich mehr Risiken zu transferieren.

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