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Waldbrände

Waldbrände in Kanada und USA

Die Waldbrände von Fort McMurray sorgten in diesem Jahr für Schlagzeilen und belasteten die Halbjahresergebnisse der Versicherer. Auch Kalifornien war im letzten Jahr von schweren Waldbränden betroffen. Topics Online sprach mit Philipp Wassenberg, CEO der Munich Reinsurance Company of Canada, und Mark Bove, Senior Research Meteorologist bei Munich Reinsurance America Inc., über das Phänomen und seine Auswirkungen für die Assekuranz.

28.09.2016

Topics Online: Nimmt das Waldbrandrisiko in Nordamerika zu?

Philipp Wassenberg: Ja, auch infolge des Klimawandels. Die jüngsten Brände in Kanada waren auf die heiße, trockene Witterung zurückzuführen – möglicherweise eine Folge von El Niño. Zunehmend geschädigte Wälder, fehlende öffentlicher Mittel zur Bekämpfung von Waldbränden und die Zunahme naturnaher Besiedelungszonen sind weitere Faktoren, die zu einem Anstieg des Risikos beitragen. Man erwartet, dass die Größe der durch Waldbrände zerstörten Flächen erheblich zunimmt. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Brände außer Kontrolle geraten, die betroffenen Gebiete evakuiert werden müssen und Sachschäden entstehen.

Mark Bove: Das Waldbrandrisiko in Nordamerika steigt, keine Frage. Wie Philipp bereits erwähnt hat, ist dieser Anstieg zum Teil auf sozioökonomische Faktoren zurückzuführen, beispielsweise auf die Ausweitung naturnaher Besiedelungszonen und die steigende Wertekonzentration in den betroffenen Gebieten, sowohl bei Immobilien als auch bei sonstigen Sachwerten. Darüber hinaus tragen umweltbedingte Faktoren zu einem Anstieg des Waldbrandrisikos bei. Aufgrund des Klimawandels nehmen Hitze und Trockenheit in Kalifornien und im Südwesten der USA zu. Dadurch verlängert sich die Waldbrandsaison. Die stärkere Hitzebelastung macht die Bäume weniger widerstandsfähig gegen Insektenbefall. In den westlichen Landesteilen sind bereits Millionen von Bäumen dem Borkenkäfer zum Opfer gefallen. Ihre Überreste liefern künftigen Bränden reiche Nahrung.

Welche Lehren sollten die Versicherer ganz konkret aus den jüngsten Ereignissen ziehen, was die Bewertung von Waldbrandrisiken betrifft?

Philipp Wassenberg: In Kanada müssen die Underwriter Waldbrände konsequent im Blick haben, wenn es um Katastrophenrisiken geht. Beim Pricing von Naturkatastrophenprogrammen sollte die Häufigkeit und Schwere von Waldbränden künftig eine maßgebliche Rolle spielen. Das gilt umso mehr für die Einschätzung von Kumulrisiken. Angesichts der jüngsten Ereignisse in Kanada – Kelowna, Slave Lake und zuletzt Fort McMurray – müssen die Underwriter dort künftig Waldbrände vorrangig in die Kumulkontrolle einbeziehen.

Mark Bove: Angesichts der besonderen Umstände bei den Bränden in Fort McMurray – etwa die extreme Abgeschiedenheit des betroffenen Gebiets und seine Bedeutung für die kanadische Petrochemieindustrie –fällt es schwer, aus diesem Ereignis Erkenntnisse für die USA abzuleiten. Es gibt jedoch zahlreiche allgemeine Zeichnungsrichtlinien für Risiken in waldbrandgefährdeten Regionen. Wichtige Aspekte sind die geografische Lage des Risikos sowie die Oberflächenbedeckung und Topographie am Risikostandort. Ist der Risikostandort für Löschfahrzeuge und sonstige Brandbekämpfungsgeräte gut zugänglich? Wurden bei der Errichtung von Gebäuden nicht brennbare Baumaterialien verwendet? Sind Hof- und Dachflächen frei von Vegetationsresten? Gibt es in der Umgebung des Risikostandorts weitere versicherte Risiken? Dies sind nur einige wichtige Fragen, die Underwriter im Zusammenhang mit Waldbrandrisiken stellen sollten.

Wie gut lässt sich das Risiko modellieren?

Philipp Wassenberg: Obwohl wir wissen, welche Gebiete grundsätzlich waldbrandgefährdet sind, ist das Risiko nicht leicht zu modellieren. Die Wahrscheinlichkeit eines Waldbrands und das Ausmaß der verursachten Schäden hängen unter anderem von den Niederschlagsmengen ab, die im Winter als Schnee, im Sommer in Form von Regen niedergehen. Bei längeren Dürreperioden nimmt die Häufigkeit von Waldbränden zu. Wichtig zu verstehen ist, an welchem Ort ein Brand in den borealen Wäldern auf Grund einer reduzierten Schneedecke entstehen kann und wo dies mit einem hohen Kumulrisiko zusammentrifft. Munich Re versteht diese Zusammenhänge. Wir wussten, dass die Situation 2016 aufgrund der dünneren Schneedecke kritisch war. Die konkrete Gefahr für Fort McMurray war uns dagegen nicht bewusst. Allerdings besteht für alle Ortschaften in borealen Waldgebieten bei ungewöhnlich heißer und trockener Witterung ein erhöhtes Risiko.

Mark Bove: Bei der Entwicklung eines Waldbrandmodells steht man vor zahlreichen Herausforderungen. So muss ein Modell sowohl natürliche als auch vom Menschen ausgehende Brandursachen berücksichtigen. Ebenso sind die zum Zeitpunkt des Ereignisses herrschenden Witterungsbedingungen einzubeziehen, da sie zur Brandausbreitung beitragen können. Des Weiteren ist zu berücksichtigen, dass auch mehrere Kilometer von der Feuersbrunst entfernt liegende Gebäude durch verwehte Glut in Brand gesetzt werden können. Wichtig ist außerdem, wie einfach oder auch wie schwierig es ist, einen Brand zu bekämpfen. Es stehen nur sehr begrenzt Schadendaten zur Verfügung, aus denen sich Vulnerabilitätskurven ableiten lassen. Das gilt insbesondere für Regionen außerhalb Kaliforniens. Unter finanziellen Gesichtspunkten muss ein Modell außerdem die Ereignisklauseln abbilden, die üblicherweise in Erst- und Rückversicherungsverträgen verwendet werden.

Wie können die Versicherer dazu beitragen, das Waldbrandrisiko auf globaler, regionaler und lokaler Ebene abzufedern?

Philipp Wassenberg: Die Assekuranz legt ja keine Bauvorschriften fest. Aber dank ihrer Erfahrung mit Schäden aus Waldbränden und sonstigen Bränden wissen die Versicherer, wie man Schäden verhütet und die Resilienz stärkt. So hat in Kanada das Institute for Catastrophic Loss Reduction (ICLR) nach den verheerenden Bränden von Slave Lake im Jahr 2011 Vorsorgemaßnahmen gegen Waldbrände vorgestellt. Durch eine konsequente Umsetzung dieser Empfehlungen ließe sich künftig ein beträchtlicher Teil der Schäden vermeiden.

Mark Bove: In den USA führt das Insurance Institute for Business & Home Safety (IBHS), eine Non-Profit-Organisation, die von der Versicherungswirtschaft gesponsert wird, auf ihrem Testgelände in South Carolina Untersuchungen an Versuchsgebäuden im Maßstab 1:1 durch, um die Vulnerabilität von Wohngebäuden gegenüber Waldbränden zu ermitteln. Es bleibt zu hoffen, dass die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit bei der künftigen Gestaltung der Bauvorschriften für waldbrandgefährdete Regionen berücksichtigt werden. Die Untersuchungen fließen auch in das "FORTIFIED Home"-Programm des IBHS ein, das über bauliche Maßnahmen informiert, mit denen die Widerstandsfähigkeit von Wohnhäusern und gewerblich genutzten Gebäuden gegenüber verschiedenen Naturgefahren wie Waldbränden erhöht werden kann. Vor Kurzem hat das IBHS gemeinsam mit Munich Re eine App für Tablets entwickelt, mit der sich Hausbesitzer auf ganz einfache Weise informieren können, welche FORTIFIED-Empfehlungen beim Bau eines neuen Heims zu beachten sind bzw. wie sie ihr Haus nachrüsten können, um es gegen Naturgefahren zu wappnen. Kommunen, die die FORTIFIED-Richtlinien für Waldbrände beherzigen, stärken ihre Resilienz erheblich. Eine entsprechende Aufklärung der Hausbesitzer, Bauausführenden und lokalen Behörden ist deshalb von entscheidender Bedeutung. Sie kann Menschenleben und Sachwerte retten und ganzen Gemeinden verheerendes Leid ersparen. Das Interview ist zuerst in „Reactions“ am 13. September 2016 veröffentlicht worden.

Munich Re Experten
Mark Bove
Mark Bove
Meteorologe und Fachmann für die Modellierung von Naturkatastrophenrisiken mit Schwerpunkt Nordamerika. Er ist in den USA im Bereich Kumulrisiken für Munich Re tätig.
Philipp Wassenberg
CEO of Munich Reinsurance Company of Canada
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