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Waldbrände

Die Bestie – Feuersbrunst in Kanada

Die Versicherungswirtschaft war überrascht, als 2016 der bislang teuerste versicherte Schaden in Kanada durch einen Waldbrand verursacht wurde. Waldbrandschäden dieser Größenordnung traten in der Vergangenheit ausschließlich in Kalifornien auf, wo die Gefährdung deutlich höher ist.

27.03.2017

Der Waldbrand, den die Bevölkerung später als "die Bestie" bezeichnete, wurde am 1. Mai südwestlich von Fort McMurray – einer Stadt mit rund 80.000 Einwohnern inmitten des borealen Nadelwalds Kanadas – wahrscheinlich durch Menschen entzündet. Das Feuer fand ideale Bedingungen, um sich rasch auszubreiten. Nach einem trockenen und milden Winter war die Schneedecke dünner gewesen und schmolz im Frühjahr früher als gewöhnlich. Da es zudem seit Mitte April keinen ¬nennenswerten Niederschlag gegeben hatte, war die Vegetation leicht entzündlich.

Feuer wütete zwei Monate

Der Waldbrand geriet schnell außer Kontrolle, Fort McMurray wurde komplett evakuiert. Am 3. und 4. Mai erreichten die Temperaturen tagsüber mehr als 30 °C und waren damit erheblich höher als die gewöhnlichen Höchsttemperaturen im Mai. Die Waldbrandgefahr war extrem (siehe Abbildung), und die vom Wind angefachten Flammen konnten trotz großer Bemühungen der Feuerwehr in die Stadt vordringen. Rund 2.000 Gebäude, etwa zehn Prozent der Stadt, wurden zerstört. 

Es dauerte noch gut zwei Monate, bis das Feuer Anfang Juli völlig unter Kontrolle war. Insgesamt war ein Gebiet von rund 590.000 Hektar betroffen, was etwa der doppelten Fläche von Luxemburg entspricht. Glücklicherweise gab es keine Todesopfer durch das Feuer. 

Fort McMurray liegt inmitten der größten Ölsand-Lagerstätte in Alberta. Aufgrund der Bedrohung durch das Feuer ruhte die Ölförderung in der Region für Wochen. Tausende Arbeiter wurden in Sicherheit gebracht, eine große Unterkunft brannte nieder. Signifikante direkte Schäden an den Anlagen oder den Pipelines entstanden nicht. Die indirekten Schäden für die Unternehmen durch die Betriebsunterbrechungen waren jedoch beträchtlich.

Waldbrände in Kanada im Vergleich

Das Feuer von Fort McMurray verursachte einen versicherten Schaden von 2,9 Milliarden US-Dollar und ist damit nicht nur der bisher teuerste Waldbrand weltweit (siehe Tabelle unten), sondern auch die bislang teuerste Naturkatastrophe für den kanadischen Versicherungsmarkt. 

Frühere Waldbrände in Kanada erreichten bei Weitem nicht dieses Schadenausmaß. So fiel beispielsweise 2011 ein Drittel der Kleinstadt Slave Lake in der Provinz Alberta Flammen zum Opfer. In der Region wurden über 500 Gebäude zerstört oder stark beschädigt. Der Gesamtschaden belief sich auf 1,1 Milliarden US-Dollar (in Originalwerten), wovon 720 Millionen US-Dollar versichert waren. Die betroffene Fläche war mit 22.000 Hektar deutlich kleiner, und anders als beim Feuer von Fort McMurray hatte die Feuerwehr die Flammen schnell unter Kontrolle. 2003 gab es in British Columbia und im Südwesten Albertas schwere Waldbrände. Besonders hart traf es seinerzeit die Stadt Kelowna, in der 239 Wohngebäude zerstört wurden und versicherte Schäden von 160 Millionen US-Dollar entstanden.

Deutlich erhöhtes Risiko

Der gewaltige Schaden durch den Waldbrand 2016 verdeutlicht, wie das Risiko in der Region zugenommen hat. Wegen der steigenden Förderung von Ölsand ist die abgelegene Stadt Fort McMurray seit den 1970er-Jahren stark gewachsen. Es kam zu einer Konzentration von Werten in unmittelbarer Nähe des Waldes, ein von Feuern besonders bedrohter Bereich.

Im Bereich der Vorsorge und des Managements von Naturkatastrophen ist das Wort Resilienz zum meistgebrauchten Schlagwort geworden. Resilienz stellt eine der wesentlichen Komponenten nachhaltiger Entwicklung dar, wie sie die UN zum Beispiel in ihren Sustainable Development Goals 2015 formuliert haben. Und es ist auf gutem Weg, dem Schlüsselwort der vergangenen Jahre "Nachhaltigkeit" den Rang abzulaufen. Das Resilienz-Konzept zielt im Kern darauf ab, die Gesellschaften in die Lage zu versetzen, Schadenereignisse möglichst gut zu bewältigen.
Die zerstörten Wohngebiete Fort McMurrays waren in der Nähe des Waldes, wo die Flammen leicht auf die Häuser übergreifen konnten. Inmitten völlig abgebrannter Gebiete finden sich aber immer wieder einzelne Häuser, die bis auf eine hitzebeschädigte Fassade nahezu intakt sind.

Wahrscheinlich begünstigte die natürliche Klimaanomalie El Niño die milden Temperaturen und die Trockenheit während des Winters 2015/16. Die aktuellen Waldbrände in Kanada könnten jedoch einen Vorgeschmack auf eine durch den Klimawandel veränderte Zukunft geben. Der Anstieg der Durchschnittstemperaturen dürfte die Waldbrandsaison in Kanada verlängern. Nehmen zudem – wie von den Klimamodellen berechnet – Hitzeperioden zu, wird auch das Auftreten von intensiveren Waldbränden wahrscheinlicher. Denn zu den schweren Ereignissen kommt es typischerweise an den wenigen kritischen Tagen im Jahr mit sehr hoher Waldbrandgefahr. Wärmere Temperaturen können auch den Befall durch Borkenkäfer begünstigen. Milde Winter führen dazu, dass mehr Käferlarven unter der Rinde überleben. Warme, trockene Sommer sind zudem für die Entwicklung und die Ausbreitung der Käfer günstig, da Dürrestress die Abwehr der Bäume schwächt. Die abgestorbenen Bäume bieten künftigen Feuern zusätzliche Nahrung. 

Das steigende Risiko sowie die jüngsten Schadenereignisse zeigen, dass Waldbrand eine der wichtigsten Naturgefahren beim Risikomanagement von Versicherern in Kanada ist. Deshalb ist es unerlässlich, dass das Waldbrandrisiko integraler Bestandteil des Pricings von Naturkatastrophen in Kanada ist. Das gilt umso mehr für die Einschätzung von Kumuls-zenarien. Angesichts der jüngsten Ereignisse in Kanada – Kelowna, Slave Lake und zuletzt Fort McMurray – müssen sich die Underwriter dort künftig genau an¬sehen, wo es größere, von Waldbränden gefährdete Wertekonzentrationen gibt. 

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