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Waldbrände

Feuersturm in Fort McMurray

Hohe Temperaturen und lebhafte Winde ließen Waldbrände in der kanadischen Provinz Alberta im Frühjahr 2016 rasch außer Kontrolle geraten. Am Ende stand eine der teuersten Naturkatastrophen in der Geschichte Kanadas.

15.12.2016

Anfang Mai 2016 herrschten im Norden des kanadischen Bundesstaats Alberta ungewöhnlich hohe Temperaturen. Aufgrund der Großwetterlage strömte warme, trockene Luft aus Südwesten in die Region, wo es tagsüber mehr als 30 Grad und damit fast doppelt so warm wie sonst üblich wurde. In der Gegend um Fort McMurray zeigte das Thermometer am 3. Mai fast 33 Grad, zudem war es mit einer relativen Luftfeuchtigkeit von teilweise nur zwölf Prozent ausgesprochen trocken. Als am 1. Mai etwa 15 Kilometer südwestlich von Fort McMurray in einem entlegenen Waldstück ein Feuer ausbrach, fand es ideale Bedingungen und breitete sich rasch aus. Die Stadt liegt inmitten eines Gebiets, in dem die Vegetation auch aufgrund des zuvor niederschlagsarmen Winters ausgedörrt war. Hinzu kamen böige Winde von über 70 km/h, die die Flammen mit einer Geschwindigkeit von 40 bis 50 Metern pro Minute vorantrieben. Sie erreichten am 3. Mai das Gebiet von Fort McMurray, wo sie rund 2.400 Gebäude zerstörten.

Gefahr für den Tagebau

Das Feuer bahnte sich seinen Weg nach Nordalberta, bedrohte dort ein Tagebaurevier für Ölsand und zog weiter in die benachbarte Provinz Saskatchewan.  Insgesamt war ein Gebiet von rund 590.000 Hektar von den Flammen betroffen, was etwa der doppelten Fläche von Luxemburg entspricht. Es dauerte gut zwei Monate, bis das Feuer am 5. Juli unter Kontrolle war. 

Erste Marktschätzungen, die von einem Schaden von bis zu 9 Milliarden kanadischen Dollar ausgingen, bewahrheiteten sich nicht. Dennoch waren die Waldbrände mit versicherten Schäden von ca. 3,6 bis 4,0 Milliarden kanadischen Dollar die bislang teuerste Naturkatastrophe in Kanada nach den Flutschäden, die Alberta im Jahr 2013 erlitt.

Menschliche Ursache wahrscheinlich

Den Behörden zufolge ist der Auslöser für den verheerenden Brand weiter unbekannt. Blitzschlag schließen sie aus. Wahrscheinlich wurde das Feuer von einer oder mehreren Personen entzündet. 

Aufgrund der idealen Bedingungen entwickelte der Waldbrand eine große Eigendynamik, und „the Beast“, wie er in der Bevölkerung genannt wurde, wuchs sich rasch zum Feuersturm aus. Die Hitze ließ ein eigenes Wettersystem von sogenannten „pyrocumulus clouds“ entstehen. Dabei strömten die vom Feuer angetriebenen Luftmassen in die Höhe, und es kam in den Rauchwolken ähnlich wie bei einem Gewitter zu elektrostatischen Entladungen. Die dadurch entstehenden Blitze können neue Feuer entzünden. 

Neben Hitze und Trockenheit waren weitere Faktoren der raschen Ausbreitung der Brände förderlich. So boten die typische Holzkonstruktion der Gebäude sowie Kaminholzlagerung und die Holzzäune in der Gegend den Flammen eine ideale Nahrung, viele Dächer waren mit Holzschindeln gedeckt. Hinzu kam, dass Fort McMurray über die Jahrzehnte mit der zunehmenden Bedeutung des Ölsand-Abbaus stark gewachsen ist und Siedlungen ohne nötigen Mindestabstand zum Wald oder zu anderen feuergefährdeten Bereichen errichtet wurden. Hierbei zeigt die Erfahrung, dass Empfehlungen zum Brandschutz, etwa vertrocknete Nadeln oder Äste in den Siedlungen zu beseitigen und Dachrinnen regelmäßig zu reinigen, nicht immer umgesetzt werden. 

Obwohl das Feuer gemessen am Ausbreitungsgebiet nur an vierter Stelle in der kanadischen Geschichte steht, ist es in Hinblick auf die zerstörten Werte die größte Naturkatastrophe des Landes. Das liegt vor allem an den Schäden in Fort McMurray mit seinen rund 80.000 Einwohnern, wo zehn Prozent der Gebäude den Flammen zum Opfer fielen. Ein Toter war während der Evakuierungen zu beklagen. 

 

Hohe Temperaturen und lebhafte Winde ließen Waldbrände in der kanadischen Provinz Alberta im Frühjahr 2016 rasch außer Kontrolle geraten. Am Ende stand eine der teuersten Naturkatastrophen in der Geschichte Kanadas. © dpa picture-alliance / Nasa/Earth Observatory/Joshua St
Die Satellitenaufnahme der Gegend um Fort McMurray (siehe auch schematische Darstellung links) zeigt die unterschiedliche Ausbreitung der Waldbrände.

Schwieriger Produktionsanlauf

Die Schäden im Ölsand-Tagebau nördlich von Fort McMurray hielten sich in Grenzen. Weil das Feuer rechtzeitig abdrehte, blieben die Produktionsstätten, die den zähen Ölsand aufbereiten und verflüssigen, verschont. Allerdings standen die Anlagen aufgrund der Evakuierung des Gebiets circa einen Monat lang still. Ansprüche aus Policen für Betriebsunterbrechung während der Zeit des Stillstands werden vielfach noch im Bereich des Selbstbehalts liegen oder gar nicht getriggert. Schäden zeigten sich jedoch beim Wiederanlauf der Produktion, da das in den Anlagen befindliche Bitumen aus Teersand sich nach dem Stillstand abkühlte und verfestigte. Das Material war nicht mehr fließ fähig und blockierte die Rohrleitung. Dass die ober irdisch verlegten Pipelines und die Pumpstationen funktionstüchtig geblieben sind, ist angesichts des Funkenflugs und der Hitzeentwicklung glücklichen Umständen zu verdanken. 

Aus Versicherungssicht interessant ist das „digitale“ Schadenmuster des Feuersturms. Während einige Gebäude oder zurückgelassene Fahrzeuge komplett niederbrannten, blieben benachbarte Häuser bis auf kleinere Schäden durch Hitzeeinwirkung weitgehend unversehrt. Zu erklären ist das damit, dass der Funkenflug durch die große Hitze einzelne Häuserreihen einfach übersprungen und erst dahinter weitere Feuer entfacht hat. Weil das Schadenbild je nach Gebiet unterschiedlich war, musste man stets eine Einzelfall­betrachtung vornehmen. Totalschäden ließen sich über Satelliten feststellen, die hierfür bereits Bilder mit einer ausreichend hohen Auflösung lieferten.  Wie schwer Hitze oder Rauch auch äußerlich wenig beschädigte Gebäude in Mitleidenschaft gezogen haben, musste vor Ort geklärt werden.
Hohe Temperaturen und lebhafte Winde ließen Waldbrände in der kanadischen Provinz Alberta im Frühjahr 2016 rasch außer Kontrolle geraten. Am Ende stand eine der teuersten Naturkatastrophen in der Geschichte Kanadas.

Gefährliche Brandrückstände

Die anfänglich mit Schadstoffen aus den Verbund­wertstoffen der Häuser belastete Luft und teilweise giftige Asche verzögerten die Schadenermittlung. Die Gutachter konnten ihre Arbeit erst aufnehmen, nach­dem die Behörden die Region freigegeben hatten. Die Asche wurde mit Bindemittel daran gehindert, sich mit dem Wind weiter zu verteilen, um damit eine großflächige Kontamination zu verhindern. 
 
Der Einsatz der Bevölkerung Fort McMurrays bei der Schadenbeseitigung war hoch: Viele Menschen hat­ten ihre Häuser und Einrichtungsgegenstände selbst von Ruß und Asche gereinigt und auf mögliche Leis­tungen ihrer Versicherung zur Kostenerstattung verzichtet. Im Gegenzug war die Erwartungshaltung hoch, dass die Schäden rasch beglichen würden.

Konsequenzen aus schrumpfender Ölindustrie

Fraglich ist, wie viele der zerstörten Eigenheime überhaupt wiederaufgebaut werden müssen. Durch den Ölpreisverfall der vergangenen Jahre hat die Bedeutung der Ölgewinnung aus Teersanden stark abgenommen. Zugezogene Einwohner, die in besse­ren Zeiten aufgrund der hohen Gehälter in der Ölindustrie aus anderen Teilen des Landes angelockt wurden, könnten nun der Stadt wieder den Rücken kehren. Schätzungen gehen von einem Anteil von 10 bis 15 Prozent der Einwohner Fort McMurrays aus. 

Der mit dem Ölpreisverfall begonnene wirtschaftliche Abschwung wirkt sich ebenfalls auf die Entschädi­gungssummen aus. Bereits vor der Katastrophe waren die Immobilienpreise rückläufig. Nach Angaben der Canada Mortgage and Housing Corporation (CMHC) sank der durchschnittliche Verkaufspreis eines Einfamilienhauses von 609.000 kanadischen Dollar 2014 auf 504.000 kanadische Dollar. Kommt es nicht zum Wiederaufbau, erfolgt eine Entschädigung nach Zeitwert, der den ursprünglichen Kauf­preis in einzelnen Fällen unterschreiten wird. Die angemessene Schätzung der Verkehrswerte dürfte daher zu Diskussionen führen. Auch bei Gewerbe­treibenden wird sich die Entschädigung zum Teil kontrovers gestalten. Das gilt nicht nur hinsichtlich der Dauer der Betriebsunterbrechung, sondern auch bezüglich des daraus resultierenden Schadens. Hotels beispielsweise haben schon vor der Katastrophe unter einer geringeren Auslastung gelitten.

Steigende Baukosten befürchtet

Weitere Unsicherheiten bestehen bezüglich der Post Loss Inflation. Beim Material­ und Personalaufwand ist aufgrund der plötzlich starken Nachfrage mit einer Erhöhung zu rechnen. Verstärkt wird die Post Loss Inflation im Fall von Fort McMurray, weil die Stadt sehr abgelegen liegt und die Transportkapazitäten beschränkt sind (Transport erfolgt eigentlich nur über einen Highway aus dem Süden). Hinzu kommen  mögliche neue gesetzliche Bestimmungen, etwa für Brandschutz, die die Baukosten in die Höhe treiben können. In die gleiche Richtung weisen Überlegungen, beim Aufbau lediglich auf lokale Baufirmen zurückzu­greifen, um die Wirtschaft vor Ort anzukurbeln. 

Fazit

Positiv bleibt festzuhalten, dass die Evakuierung auf­grund der guten Organisation der Verantwortlichen geordnet und erfolgreich verlaufen ist. Ebenfalls vorbildlich war das Schadenmanagement der Erst­versicherer. Viele haben nicht auf Schadenmeldungen gewartet, sondern von sich aus den Kontakt zu den Kunden gesucht.

Demand Surge: Die große Unbekannte

Bei Naturkatastrophen mit hohen Sachschäden wie in Fort McMurray tritt häufig das Phänomen der Demand Surge, auch als Post Loss Inflation bekannt, auf. Plötzliche Engpässe bei Baumaterialien und Arbeitskräften, die für den Wieder­aufbau von Gebäuden und Infra­struktur nötig sind, treiben die Preise dafür in die Höhe. Die zusätzlichen Kosten für diese Produkte und Dienstleistungen müssen die von den Schäden Betroffenen bzw. die Versicherer tragen. Diese Entwick­lung gilt es zu beachten, wenn ein Versicherer Prognosen bezüglich der Katastrophenschäden sowie der nötigen Rückstellungen erstellt

Munich Re Experten
Markus Klug
Senior Consultant im Bereich Claims bei Munich Re
Joachim Pawellek
Claims Engineer im Bereich Claims bei Munich Re.
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