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Stürme

Hurrikan Sandy an der Ostküste der USA

Am 29. Oktober 2012 traf Hurrikan Sandy auf die Küste New Jerseys und hinterließ beispiellose Verwüstungen. Sandy war der verheerendste tropische Wirbelsturm in den nordöstlichen Vereinigten Staaten seit dem Neuengland-Hurrikan von 1938.

08.04.2013

Hurrikan Sandy war der vorletzte Tropensturm der Hurrikansaison 2012. Als Tropisches Tiefdruckgebiet 18 entwickelte sich Sandy am 22. Oktober in der zentralen Karibischen See. Auf seinem Weg nach Norden gewann der inzwischen tropische Sturm an Stärke und überquerte am 24. Oktober als Hurrikan mit einer Windgeschwindigkeit von 130 km/h Teile von Jamaika. Danach wuchs er sich mit Windgeschwindigkeiten von 175 km/h zu einem Sturm der Kategorie 2 auf der Saffir­-Simpson­-Hurrikanskala aus und traf am nächsten Tag auf Kuba.

Nach kurzer Abschwächung auf seinem weiteren Weg zog Sandy am 27. Oktober über die Bahamas und drehte, bedingt durch eine starke Kaltfront in den östlichen Vereinigten Staaten, zunächst nach Nordosten, bevor er wieder auf den ursprünglichen nordwestlichen Kurs schwenkte. Schließlich erreichte Sandy am 29. Oktober 2012 um 20 Uhr Ortszeit mit einer Windgeschwindigkeit von 130 km/h in der Nähe von Atlantic City in New Jersey das nordamerikanische Festland.

Meteorologische Bedingungen

Zu den besonderen Merkmalen von Sandy gehören die zeitweise nordwestliche Zugbahn und die enorme Größe des Windfelds mit einer Fläche von 1,5 Millionen Quadratkilometern. Beide Besonderheiten beruhten auf dem Zusammenspiel des Hurrikans mit anderen Tiefdrucksystemen im Rahmen der sogenannten extratropischen Umwandlung.

Diese Umwandlung durchläuft mehr als die Hälfte aller atlantischen tropischen Wirbelstürme. Es ist ein Prozess, bei dem sich die Struktur von einem System mit warmem Kern zu einem System mit kaltem Kern verändert. Hurrikan Sandy durchlief gleich zwei markante Phasen extratropischer Umwandlungen, weshalb er von den US-­Medien auch „Frankenstorm“ bzw. „Superstorm“ genannt wurde. Die erste Phase begann beim Verlassen von Kuba, als seitliche Höhenwinde und trockene Luft seinen Kern störten. Das Windfeld dehnte sich aus, Frontenmerkmale begannen sich zu entwickeln.

Als Sandy sich von diesem Tief entfernte und nördlich auf die Bahamas zusteuerte, kehrten jedoch einige seiner tropischen Merkmale zurück. Zwei Tage später begann die zweite extratropische Umwandlungsphase im Zusammenspiel mit einem umfangreichen Tiefdruckgebiet über den Vereinigten Staaten. Diesmal schloss Sandy die Umwandlung ab und wurde noch vor Erreichen der Küste vollständig außertropisch. Die zwei Phasen der extratropischen Umwandlung sind mit hoher Wahrscheinlichkeit dafür verantwortlich, dass das Windfeld des Hurrikans auf Rekordgröße anwuchs.
Am 29. Oktober 2012 traf Hurrikan Sandy auf die Küste New Jerseys und hinterließ beispiellose Verwüstungen. Sie war der verheerendste tropische Wirbelsturm. © Munich Re
Windfeld Hurrikan Sandy

Die zweite Besonderheit von Sandy, das zeitweise Schwenken auf nordwestlichen Kurs, beruht zum einen ebenfalls auf der extratropischen Umwandlung, zum anderen auf einem als Fujiwhara-­Effekt bekannten Phänomen: Nähern sich zwei Tiefdruckgebiete an, so beginnen sie sich (in der nördlichen Hemisphäre) umeinander gegen den Uhrzeigersinn zu drehen und anzuziehen. Unter Umständen verschmelzen beide Systeme zu einer einzelnen, größeren Zirkulation. Dies war bei Sandy der Fall, als sich der Hurrikan 24 Stunden vor Erreichen des Festlands mit einem südwestlich davon gelagerten Tiefdruckgebiet vereinigte. Durch die Drehbewegung wurde Sandy zunächst nach Westen abgedrängt, bevor sich beide Systeme vor der Küste New Jerseys zu einem großen außertropischen Sturm zusammenschlossen und nach Nordosten zogen.

Vergleich mit dem Neuengland-Hurrikan von 1938

Aufgrund des Schadenausmaßes von Sandy drängt sich ein Vergleich mit dem Neuengland­-Hurrikan von 1938 auf. Obwohl nur begrenzt Beobachtungsdaten von damals vorliegen, lassen sich Parallelen zwischen den beiden Stürmen feststellen. Dazu gehören das Durchlaufen der extratropischen Umwandlung, die fast gleichzeitig mit dem Gezeitenhochwasser auftretenden hohen Sturmfluten, ein ähnlicher Druck im Zentrum des Sturms sowie ein großes Windfeld, das tief ins Landesinnere eindrang.

Die wesentlichen Unterschiede sind die Regionen des Landfalls sowie die sehr viel höhere Intensität des Hurrikans von 1938. Hätte er sich in der heutigen Zeit ereignet, wären aller Wahrscheinlichkeit nach noch größere Verwüstungen als bei Sandy aufgetreten. Damals hatte der Neuengland-­Hurrikan nördlich der Bahamas die Kategorie 5 auf der Saffir-Simpson-­Skala erreicht. Die danach einsetzende Abschwächung wurde durch seine schnelle Vorwärtsbewegung von 100 km/h gebremst. Die rasche Vorwärtsbewegung trug auch maßgeblich zu den höheren Windgeschwindigkeiten auf der rechten Sturmseite bei.

Wurden 1938 mittlere Windgeschwindigkeiten von über 200 km/h und Sturmböen von mehr als 290 km/h gemessen, erreichte Sandy nur an einzelnen Beobachtungsstationen Hurrikanstärke mit Sturmböen von bis zu 180 km/h. Da Windschäden exponentiell zur Geschwindigkeit zunehmen, war der Hurrikan von 1938 ein weitaus gefährlicherer Sturm als Sandy. Auch bezüglich der Sturmfluten übertraf der Neuengland-Hurrikan mit einer geschätzten Höhe von zehn Metern Sandy um etwa das Doppelte.

Dafür erwiesen sich bei Sandy andere Aspekte als deutlich schadenträchtiger. Sandy traf entlang der Küste New Jerseys und New Yorks auf dichter besiedeltes Gebiet als 1938, wo der Landfall bei Long Island lag. Zudem wurde New York City von der stärkeren Seite der Sturmzirkulation getroffen, was das Schadenpotenzial zusätzlich erhöhte.

Sandys Verlauf und das ausgedehnte Windfeld boten darüber hinaus eine viel größere Angriffsfläche für Sturmfluten entlang der Küsten, als dies 1938 gegeben war. Das gilt besonders für die Bucht von New York, wo beständige Ostwinde Wasser in den New Yorker Hafen trieben und Rekordpegel erreicht wurden. Aufgrund des ausgedehnten Windfelds verursachte Sandy Schäden von Indiana bis hinauf nach Nova Scotia in Kanada, was einer Strecke von 1.600 km entspricht. Die betroffene Region war somit weitaus größer als 1938.

Versicherungsaspekte

Wie bei früheren Hurrikanen sollten Versicherer und Rückversicherer Sandy zum Anlass nehmen, ihre Versicherungsbedingungen und Modellannahmen zu überprüfen und gegebenenfalls zu modifizieren. Besonderes Augenmerk sollte auf folgenden Punkten liegen:

Nach den beispiellosen Schäden von Hurrikan Andrew 1992 führten viele Versicherer, die in Florida Geschäft zeichnen, eine Selbstbeteiligung für Hurrikanschäden in ihren Policen ein. Sie entspricht gewöhnlich einem gewissen Prozentsatz der Versicherungssumme und liegt um einiges höher als die Standardselbstbeteiligung bei Brandschäden. Der eingeführte Selbstbehalt hilft, die Versicherungsbeiträge zu reduzieren, weil Hauseigentümer nun bei seltenen, aber schadenträchtigen Hurrikanen einen Teil der Kosten selbst tragen müssen. Seither hat die erhöhte Selbstbeteiligung bei Hurrikanschäden in der Versicherungsbranche und bei den Aufsichtsbehörden an Akzeptanz gewonnen und wurde in 18 Bundesstaaten eingeführt.

Allerdings blieben die Erfolge hinter den Erwartungen der Versicherungsbranche zurück. Ein Grund hierfür ist, dass über die verschiedenen Bundesstaaten hinweg keine einheitlichen Regelungen bestehen, wann die Selbstbeteiligungen zum Tragen kommen. Als mögliche Kriterien kommen Windgeschwindigkeiten, vom National Hurricane Center ausgesprochene Warnungen und Beobachtungen, eine Kategorie der Saffir-Simpson-­Skala oder die Benamung des Sturms durch staatliche Behörde infrage.

Wenn Ungewissheit über die Intensität eines Sturms oder dessen Status besteht, können bundesstaatliche Behörden die Höhe der Selbstbeteiligung beeinflussen. So sank beispielsweise die Intensität von Hurrikan Irene (2011) unter Hurrikanniveau, bevor er New Jersey, New York und Connecticut durchquerte. Für die Regierungen dieser Bundesstaaten waren damit die Voraussetzungen für eine Hurrikan-Selbstbeteiligung nicht mehr gegeben. Bei Hurrikan Sandy erklärte das National Hurricane Center, der Sturm habe sich kurz vor Erreichen des Festlands in New Jersey in ein „post-tropisches“ System verwandelt. Obgleich dort Windgeschwindigkeiten in Hurrikanstärke auftraten, lehnten New Jersey und andere Bundesstaaten die Anwendung der Hurrikan-Selbstbeteiligung ab.

Wie Irene und Sandy zeigen, können Regierungen bei unklarem Status eines tropischen Wirbelsturms die Selbstbeteiligungsklausel „Hurrikan“ außer Kraft setzen. Viele Erst- und Rückversicherer erstellen jedoch typischerweise Modelle zum Hurrikanrisiko unter der Annahme, dass die Selbstbeteiligungen auch bei grenzwertigen Ereignissen der Kategorie 1 oder in Fällen der extratropischen Umwandlung greifen. Da die Realität anders aussieht, liegen die tatsächlichen Schäden für Versicherer bei Ereignissen wie Irene und Sandy letztlich höher als erwartet. Vor diesem Hintergrund wird die Versicherungsbranche die Annahmen in ihren Modellen ändern müssen.
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