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Überschwemmungen

Land unter in vielen deutschen Regionen

Blitz, Donner und Starkregen in Serie: Seit Mitte Mai 2018 sind der Westen und Süden Deutschlands von heftigen Unwettern betroffen. Vielerorts wurden Straßen zu braunen Flüssen. Örtlich fielen binnen Stunden bis zu 150 mm Regen – ungefähr der Inhalt einer normalen Badewanne auf einen Quadratmeter. Andererseits war es im Norden und Osten Deutschlands außergewöhnlich warm und trocken. Wir sprechen mit Eberhard Faust, Forschungsleiter Klimarisiken und Naturgefahren von Munich Re, über diese Wetterkapriolen und die Frage, ob sich darin ein Klimawandeleinfluss zeigt.

08.06.2018

Herr Faust, was hat es mit der Serie von Unwettern in Deutschland auf sich?

Eberhard Faust: Ursache für die vielen Gewitter mit Hagel und Starkregen ist eine Großwetterlage, die seit Mitte Mai dominiert. Die Höhenströmung („Jetstream“) führt seither im Mittel in einem großen Bogen nach Norden um Mitteleuropa herum. Dieser Bogen verhindert, dass sich Wettersysteme abwechseln, stabilisiert also die Lage. Ein hochreichendes Tiefdruckzentrum über Westeuropa, das sich immer wieder bis nach Mitteleuropa ausdehnt, führt unablässig feuchtwarme subtropische Luft in den Westen und Süden Deutschlands. Starke lokale Gewitter dort waren im Mai und den ersten Junitagen die Folge, die sich wegen schwacher Höhenwinde kaum weiterbewegten, sondern an Ort und Stelle abregneten. Diese Lage dauert schon Wochen an und wird auch noch einige Tage weitergehen. Gleichzeitig brachte der Bogenverlauf des Jetstreams ein Hochdruckgebiet in Nordeuropa mit sich, das den Norden und Osten Deutschlands stark beeinflusste. Die Temperaturen stiegen örtlich auf über 34°C, mit vielfach neuen Stationsrekorden. In Berlin und Frankfurt/Main wurden seit Ende Mai Tropennächte registriert, d.h. die Temperatur fiel nachts nicht unter 20°C. Entsprechend des Hochdruckeinflusses kam es im Norden und Osten Deutschlands zu extremer Trockenheit. In Brandenburg galt zeitweise für 6 von 14 Landkreisen die höchste Waldbrandgefahrenstufe.
Bogen des Jetstreams verhindert Wetterwechsel © Munich Re based on NCEP/NCAR reanalysis data
Bogen des Jetstreams verhindert Wetterwechsel
Mittlerer Verlauf der polwärts über Europa aufgewölbten Schleife der schnellen Höhenströmung (Jetstream) von 15. Mai bis 2. Juni 2018. Solche Wetterlagen halten sich hartnäckig und blockieren einen Wechsel der Wettersysteme.

Spielt der Klimawandel eine Rolle?

Der Deutsche Wetterdienst hat den Monat Mai als wärmsten Mai in Deutschland seit Messbeginn 1881 identifiziert. Hier kommt der seit 1881 beobachtete langfristige Zunahmetrend bei den Monatsmitteltemperaturen für Mai ins Spiel, und auch der April 2018 war ja bereits der wärmste registrierte April. Solche Beobachtungen zeigen sehr klar den Einfluss des anthropogenen Klimawandels. Eine Wetterlage wie die skizzierte ist hingegen in ihren Details individuell und kann per se nicht auf den Klimawandel zurückgeführt werden. Allerdings ähnelt die jetzige Wetterlage stark der vom Mai und Juni 2016, als ebenfalls immer wieder Gewitter über Deutschland brodelten und ein so genannter Omegablock mit einem Bogen des Jetstreams in Form des griechischen Großbuchstaben Omega (Ω) die Lage stabilisierte. Die kleinen Orte Simbach und Braunsbach wurden größtenteils überschwemmt, der Schaden in ganz Deutschland lag bei 2,6 Mrd. €. Aus Studien wissen wir, dass die Wahrscheinlichkeit von Starkniederschlägen im Frühjahr in der Nordhälfte Europas in den vergangenen zwei Dekaden deutlich höher war als in den Jahrzehnten zuvor. Aus Klimamodell-Studien wissen wir, dass es künftig häufiger konvektive Starkniederschläge und mehr Hitze- und Trockenperioden geben dürfte. Beides gehört zusammen. Konvektive Starkniederschläge fallen auch umso intensiver aus, je höher die Umgebungstemperatur ist. Die Wetterabläufe der vergangenen Wochen passen also grob in das Bild, dass uns der Klimawandel in der Zukunft noch viel häufiger zeigen wird.

Welche Regionen sind diesmal besonders betroffen?

Aktuell kommt es seit Mitte Mai immer wieder lokal zu Starkregen und schweren Überflutungen, insbesondere südlich einer Linie Emden - Chemnitz. Zwischen dem 22. und 27. Mai ereigneten sich in Deutschland jeden Tag gewittrige Starkniederschläge. Im Vogtland verzeichnete der Deutsche Wetterdienst am 24. Mai Niederschläge von mehr als 150 Milimetern innerhalb von Stunden. Am 27. Mai waren Hunsrück, Mittel- und Nordhessen betroffen, am 29. Mai gab es lokale Sturzfluten in Teilen von Nordrhein-Westfalen, in der Nacht zum 1. Juni war vor allem das Saarland dran. Lokal wurden öfters bei der Niederschlagsmenge innerhalb einer oder zwei Stunden die Wiederkehrperiode von 100 Jahren überschritten. Von der derzeitigen Wetterlage mit Gewitterneigung können weiterhin vor allem West- und Süddeutschland über die kommenden Tage betroffen sein.

Vielerorts kam es zu Sturzfluten, also lokaler, plötzlicher Hochwasser. Wie entstehen diese?

Bei starken Niederschlägen auf begrenztem Raum, wenn sich die Gewitter wie derzeit nicht verlagern, überfordern die Wassermassen oft die Entwässerungssysteme. In flachem Gelände bleibt das Wasser einfach stehen. In hügeligem Gelände reißen Wassermassen abgeschwemmte Erde und Treibgut mit sich. Das wiederum kann Brückendurchlässe verstopfen und zu Aufstauungen führen. Bei starken Abflüssen mit großem Gefälle in der Landschaft können Geröll und mitgerissene Bäume an Gebäuden große Schäden anrichten. In den letzten Wochen waren auch Hangrutsche, die Verkehrswege blockierten, die Folge.

Was heißt das aus der Versicherungsperspektive?

Solche Gewitterzellen können theoretisch überall auftreten. Und genau hier liegt auch die Herausforderung in der Prävention. Hinzu kommt, dass auch die lokalen Gegebenheiten selbst das Risiko von Sturzfluten beeinflussen. Geringe Vegetation begünstigt einen schnellen Abfluss des Oberflächenwassers, ebenso wie steiles Gelände oder ein hoher Anteil bebauter Flächen. Hochwasserschutzbauwerke oder riesig dimensionierte Verdolungen, also Wasserdurchlässe etwa unter Straßen, stellen einen planerischen und finanziellen Aufwand dar. Dieser kann angesichts der örtlich sehr geringen Frequenz extremer Ereignisse oft nicht gerechtfertigt werden. Allerdings lässt sich mit Hilfe kommunaler Starkregengefährdungskarten im Vorfeld ausweisen, wo welche Überflutungstiefen, nicht mehr passierbare Straßen- oder Verkehrsdurchlässe, Aufstauungen von Treibgut und Überflutungsgebiete wahrscheinlich sind, und welche Abflusswege eine Gemeinde vorhalten sollte. Anhand dieser Informationen können Evakuierungspläne erstellt werden und Einsatzkräfte sowie Anwohner entsprechende Übungen abhalten. Aktuell arbeitet auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) an einer deutschlandweiten Starkregengefährdungs-Zonierung, die voraussichtlich 2019 zur Verfügung stehen wird. Aber auch jeder einzelne Haushalt kann etwas tun: Kellerfenster besser abdichten, Rückstauventile einbauen, Wertgegenstände nicht im Keller lagern, und ähnliches. Für die denkbaren Schäden sollte eine Überschwemmungsversicherung auch abseits von Flüssen ein wesentliches Element der Risikovorsorge sein, denn solche Starkregenereignisse treten in allen Landschaftsräumen auf und können jeden treffen. Da die Ereignissen lokal begrenzt sind und überall verteilt auftreten können, sind sie gut versicherbar. Die Prämien für diese so genannte Erweiterte Elementargefahrenversicherung sind also in der Regel nicht sehr hoch.
Munich Re Experten
Dr. Eberhard Faust
Forschungsleiter Klimarisiken und Naturgefahren
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