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Erdbeben

Erdbeben in Neuseeland: Vier Jahre nach Lyttelton

Gerade hatten die Neuseeländer das Erdbeben in Christchurch vom Herbst 2010 überstanden und sich bemüht, die Trümmer zu beseitigen und ihr bisheriges Leben wieder aufzunehmen, bebte die Erde Anfang 2011 erneut. Zwar waren die Erderschütterungen vom 22. Februar 2011 nicht ganz so stark, doch hatten sie katastrophalere Auswirkungen und forderten 185 Todesopfer. Vier Jahre danach sind der Wiederaufbau und die Prozesse zur Versicherungsabwicklung noch im Gange.

20.02.2015

Das Erdbeben von Darfield oder Canterbury vom 4. September 2010 zeigte einen Wert von 7,1 auf der Momentmagnituden-Skala (Mw). Sein Zentrum lag 40 km östlich der Stadt Christchurch in einer Tiefe von 10 km. Obwohl das Beben keine direkten Todesfälle verursachte, entstanden dadurch in dem ländlichen Gebiet und in der Stadt beträchtliche versicherte Schäden (derzeitigen Schätzungen zufolge in Höhe von 10 Mrd. NZ$). Dem Ereignis folgte eine langanhaltende Abfolge kleinerer Nachbeben.

Die Reaktion und die Bewertungsaktivitäten wurden durch eingeschränkte Ressourcen behindert; ab Mitte Februar 2011 war allerdings ein leichter Fortschritt beim Beginn des Wiederaufbaus zu verzeichnen. Die Stimmung war positiv und mit Ausnahme einer kleinen Anzahl von Immobilieneigentümern mit beträchtlich beschädigten Gütern lag die Aufmerksamkeit darauf, zur Normalität zurückzukehren. In manchen Wohngebieten traten Verflüssigungen auf und einige, vorwiegend ältere Gebäude erlitten schwere strukturelle Schäden. Im Allgemeinen war dies ein Ereignis, von dem sich die Stadt dank einer bestehenden Versicherung in einer gut geplanten und angemessenen Weise erholen konnte. Durch die Versicherung konnten Ansprüche routiniert und unkompliziert abgewickelt werden. Das Erdbeben von Lyttelton am 22. Februar stellte all dies in Frage.

Mit 6,3 auf der Mw-Skala war das Erdbeben von Lyttelton schwächer als das in Darfield, allerdings lag sein Zentrum lediglich 10 km vom Stadtzentrum entfernt und in einer Tiefe von nur 5 km. Diese unmittelbare Nähe zur Stadt in Verbindung mit der bestehenden Geologie führte zu weitaus größeren versicherten Schäden (derzeitigen Schätzungen zufolge in Höhe von 21,5 Mrd. NZ$) sowie zu 185 Todesfällen. Deutlich größere Wohngebiete der Stadt waren von starken Verflüssigungs- und Erschütterungsschäden betroffen. Im zentralen Geschäftsbezirk von Christchurch (CBD) waren Gebäude jeden Alters betroffen, vorwiegend von Erschütterungen, aber auch von Verflüssigungen. Bedeutende Gebiete der Stadt wurden für unbewohnbar erklärt und der CBD unterlag aus Sicherheitsgründen einer Sperrung, die erst Mitte 2013 vollständig aufgehoben wurde. Trotz der Sperrung blieb eine kleine Anzahl von Gebäuden bewohnt, deren Eigentümer Abfindungsangebote zurückwiesen.

Nicht weniger als 8.000 Wohnungen befanden sich in Gebieten mit so starken Verflüssigungsschäden, dass die Behörden beschlossen, die Häuser abzureißen oder umzusiedeln, da die Infrastruktur auf wirtschaftliche Weise nicht mehr sichergestellt werden konnte. Dies war typisch, weil das Land keinen Wohnraum mehr bereitstellen konnte und die niedrig gelegenen Gebiete so weit abgesunken waren, dass Abwasser- und andere auf Schwerkraft basierende Drainagesysteme unwirksam gewesen wären. Schließlich wurden 1.084 Gebäude jeden Alters im CBD abgerissen, da sie fortwährende Sicherheitsmängel aufwiesen und nicht kostengünstig repariert werden konnten.

Eine Änderung der Grundhaltung

Während die Menschen in und um Christchurch in den Monaten nach dem Ereignis von Darfield weitgehend optimistisch gewesen waren und sich darauf konzentrierten, bei Gebäuden und Infrastruktur den Zustand wie vor dem Erdbeben wiederherzustellen, musste die Gemeinschaft sich nun der Tatsache stellen, dass der Wiederaufbau keine Option mehr war. Der CBD existierte nicht mehr und die Schäden an der Infrastruktur waren so weit verbreitet, dass die Wiederherstellung – falls überhaupt möglich – ein langer Prozess gewesen wäre. Das Ausmaß und der Umfang der Schäden in den Wohngebieten waren so groß, dass viele Gebäude als dauerhaft verloren angesehen wurden.

Ein Merkmal des neuseeländischen Marktes ist der hohe Versicherungsdurchdringungsanteil, der sich einigen Schätzungen zufolge auf über 80 % beläuft. Beeindruckend ist die außergewöhnlich weite Verbreitung von persönlichen und kaufmännischen Versicherungen sowie Wohngebäudeversicherungen pro Kopf. Dementsprechend waren die individuellen Erwartungen an die Versicherungsauszahlungen besonders hoch – ebenso wie der Widerstand gegenüber Schadensregulierungen, die unter den vom Versicherungsnehmer erwarteten oder den tatsächlichen Ansprüchen lagen. Man könnte sagen, dass das Ereignis eine alarmierende Lücke aufzeigte zwischen dem, was tatsächlich abgedeckt war und dem, wovon man glaubte, dass es abgedeckt sei – sowohl für Versicherer als auch für Versicherte. Die Todesfälle und Schäden führten zu einer intensiven Hinterfragung vorherrschender Regeln der Technik. Das nicht überraschende Ergebnis daraus war eine Grundhaltung, die die herkömmlichen Lösungsansätze zum Wiederaufbau und der Wiederherstellung stark favorisierte. Der Wunsch, eine belastbare Umwelt zu schaffen, in der sich die strukturellen Defizite der Vergangenheit nicht wiederholten – die zur Zeit der Planung/des Aufbaus nicht erkannt wurden – war weit verbreitet.

Physikalische Auswirkungen

Im Zeitraum zwischen dem ersten Erdbeben am 4. September 2010 und Ende 2012 waren die Region Canterbury und die Stadt Christchurch von mehr als 15.000 Nachbeben und 30 Erdbeben mit einem Wert von mehr als 5 auf der Mw-Skala betroffen. Wenngleich sehr wenige eine Stärke zeigten, die Sachschaden hätte verursachen können, waren ihre schiere Anzahl und unerbittliche Wiederholung der konkrete Beweis dafür, dass das Gebiet weiterhin seismisch aktiv war. Diese fortdauernde Seismizität verunsicherte nicht nur die Bewohner, sondern führte auch zu Verzögerungen bei der Aufnahme der Reparatur- und Wiederaufbauarbeiten. Vorhersagen anhaltender Erschütterungen bestätigten sich über mehrere Monate hinweg.

Wie oben ausgeführt, war das Ausmaß der Erschütterungsschäden extrem und große Gebiete der Stadt (die auf tief liegendem Untergrund gebaut waren) erlitten beträchtliche Schäden durch Verflüssigung. In anderen Wohngebieten auf Hügeln oberhalb der Stadt verursachten die Erschütterungen ernsthafte Schäden an Häusern, zerstörten Stützmauern und destabilisierten große Felsbrocken. Insgesamt wurden in den Gebieten 8.600 Wohnungen für nicht mehr bewohnbar erklärt. Innerhalb des CBD waren 1.350 Gebäude so stark beschädigt, dass der teilweise oder vollständige Abriss die einzige Möglichkeit für den Erhalt der öffentlichen Sicherheit war. Wegen begrenzt verfügbarer Abrisskapazitäten erstreckte sich dieser Prozess über einen längeren Zeitraum und der Zugang zum CBD musste über viele Monate hinweg kontrolliert werden. Große Bereiche des CBD wurden in Freiflächen umgewandelt, die nur als Parkplätze geeignet waren. Wegen dieses begrenzten Zugangs und der Zahl der unsicheren Gebäude verlagerte sich der Wirtschaftsstandort vom CBD auf die umliegenden flach gebauten Industrie- und Gewerbegebiete. Die Erinnerungen an die Erdbeben waren so stark, dass sich diese flach gebauten Gebäude zum bevorzugten Arbeitsplatztyp entwickelten.

Die Austreibung von Verflüssigungsmaterial von unterhalb der Erdoberfläche hatte drei signifikante Konsequenzen: eine davon war, dass in großen Teilen der Stadt das bereits tief liegende Land noch weiter absank und damit unter widrigen Wetterbedingungen noch anfälliger für Flutschäden wurde; als weitere Konsequenz war eine schwerkraftabhängige Infrastruktur wie beispielsweise ein Abwassersystem nicht länger praktikabel; die dritte Konsequenz war, dass die ohnehin bereits dünne Schicht aus stabilem Material, die über der verflüssigten Schicht lag, noch dünner wurde. Die Folge dieses letzten Faktors war, dass nun tausende Häuser in Gebieten lagen, in denen jede weitere seismische Aktivität wahrscheinlich die beiden ersten Faktoren ins Spiel gebracht und das Land in einem Ausmaß beeinträchtigt hätte, dass Gebäude nicht mehr unterstützt worden wären. Für reparierbare Häuser waren wesentlich stärkere Fundamente erforderlich als diejenigen, die vor den Erdbeben bestanden.

Versicherungskomplikationen

Ein einzigartiges Merkmal des neuseeländischen Versicherungsmarktes ist die von der Regierung gegründete Erdbebenkommission (EQC). Seit ihrer Gründung in den 1940er Jahren hatte die EQC einige Reformen durchlaufen. Bis 2010 bot sie Deckung bis zu einem Höchstbetrag von 100.000 NZ$ für Schäden an Wohneigentum sowie für die ersten 20.000 NZ$ für Inhaltsschäden. Zu dem Zeitpunkt, als diese Beträge in den 1990er Jahren festgesetzt wurden, stellten sie die realistischen durchschnittlichen Wiederbeschaffungskosten dar; sie wurden jedoch über viele Jahre hinweg nicht inflationsbereinigt. Die EQC stellte zusätzlich Deckung für Landschäden unter den Häusern und in einem vorgeschriebenen umliegenden Gebiet bereit. Das Ergebnis war eine wiedereinsetzende Erstrisikodeckung mit einem zusätzlichen Landdeckungselement in einer Region mit einer beträchtlichen Anzahl an Immobilien, die entweder auf sedimentäres Land oder in relativ steiles Hügelgebiet gebaut waren und schließlich von einer Folge schädlicher Erdbeben getroffen wurden.

Um die Situation noch zusätzlich zu verkomplizieren, erforderte die Gesetzgebung, dass Zahlungen für Schäden oberhalb der Verlustgrenze nicht an den Versicherer, sondern an den Hauseigentümer vorzunehmen waren. Der Erstrisiko-Charakter dieser Deckung bedeutete, dass für Häuser mit beträchtlichen Schäden - davon gab es tausende - die Sachverständigen des EQC zwischen Schäden aus den einzelnen Erdbeben unterscheiden mussten. Für den Fall, dass der Schaden die zu Grunde liegende EQC-Deckung überstieg, mussten außerdem die Sachverständigen der Versicherungsgesellschaft eine ähnliche Prüfung vornehmen. Die daraus resultierende Arbeitsbelastung für die EQC erforderte eine personelle Aufstockung von ungefähr 20 auf nahezu 2.000 Mitarbeiter.

In den vielen Jahren vor 2010, in denen es kein signifikantes Erdbeben gab, hatte sich der breitere Sachversicherungsmarkt überwiegend auf Feuerschäden fokussiert – im Endeffekt also auf die Einzelrisikodeckung. Als Ergebnis aus diesem und den oben erwähnten konvergierenden Faktoren offenbarte diese in einem großen Gebiet aufgetretene Schadenssituation aus verschiedenen Ereignissen viele unerwartete und problematische Situationen für Versicherer. Die anspruchsvollsten Deckungselemente sind die Folgenden:

Wiederbeschaffungsdeckung für inländische Immobilien
Diese universell bereitgestellte Deckung bedeutete, dass es keine Versicherungssumme gab. Aufgrund von Ungenauigkeiten in der Bewertungsgrundlage könnte die „Wiederbeschaffung“ für einen einzelnen Hausbrand etwas schwierig sein, im Allgemeinen wäre das gewünschte Ergebnis allerdings leicht zu erreichen. Durch tausende betroffener Wohnungen vermischten sich jedoch jegliche Ungenauigkeiten nicht nur in der Katastrophenrückversicherung, sondern führten auch zu extremen Schwierigkeiten bei der Erstellung eines oberen Schätzwerts für den Gesamtschadensanspruch.

Wiederherstellungsdeckung für unterversicherte Gebäude
Wie bereits erwähnt ist dies für einen einzelnen Feuerschaden eine einfache Schadenbeurteilung. Durch die große Anzahl an betroffenen Gebäuden, die vorherrschende Unterversicherung und die wiederhergestellte Deckung nach jedem Schadensereignis führt dies zur möglichen Gewährung von Vielfachen der Versicherungssumme bis hin zum Wiederbeschaffungswert des Gebäudes.

Wiederherstellung des gesetzlich vorgeschriebenen Standards zum Datum der Reparaturaufnahme
Für ein Feuer könnte dies mitunter zusätzlichen Gebäudeservice oder Behindertenzugang bedeuten. Da die aus der Erdbebenfolge entstehenden Schäden eine Neubeurteilung der notwendigen seismischen Verstärkung erforderlich machen, ist die Anhäufung zusätzlicher Kosten im Katastrophenprogramm von großer Bedeutung (zusätzlich zu den weiteren Service-/Zugangskosten für einen Einzelschaden).

Angenommener Totalschaden
Im Falle eines sehr großen Feuerschadens kann die Möglichkeit des Wiederaufbaus dessen, was übrig geblieben ist, fraglich sein. Hierfür ist diese Klausel nützlich. Großflächige Schäden bringen viele andere Betrachtungen ins Spiel, beispielsweise die Weigerung von Menschen, in Hochhäusern oder in einem Gebiet zu arbeiten, das seine Anziehungskraft verloren hat. Die Frage ist dann nicht nur, ob ein Wiederaufbau möglich ist, sondern auch, ob er gewünscht wird.

Deckung für einen Standard von „im Wesentlichen wie neu“
Diese und ähnliche Formulierungen haben sich als problematisch erwiesen, da sie für Versicherer, Versicherte und Juristen sehr unterschiedliche Dinge bedeuten können.

Gebäude mit geteilten Strukturmerkmalen und Landeigentum
Übergreifendes Leasing war üblich, wobei jeder Eigentümer seinen oder ihren eigenen Besitz versicherte. Dies machte eine vollständige Übereinstimmung hinsichtlich der Reparatur zwischen den betroffenen Parteien erforderlich. Im schlimmsten Fall bedeutete dies, dass Wohnimmobilien mit individuellem EQC-Anspruch, die von mehreren Ereignissen betroffen waren, mehrere Eigentümer hatten, die durch verschiedene Träger (und einige gar nicht) versichert waren. Die Komplexität ist enorm.

Heute ist die Mehrheit der Ansprüche aus dieser beispiellosen Serie von Ereignissen beglichen (>90 % gewerblich; <70 % privat). Es muss jedoch auch darauf hingewiesen werden, dass die Versicherungsindustrie und die Versicherten in Neuseeland mehr als vier Jahre nach dem ersten Erdbeben weiterhin mit den oben beschriebenen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Mindestens ein Erstversicherer hat sich aus dem Land zurückgezogen. Gegenwärtig planen die Versicherer die Vervollständigung ihrer Wohnimmobilienprogramme bis 2017. Um aus den Erdbebenfolgen in Neuseeland von 2010–2011 zu lernen und dazu beizutragen, diese unbefriedigende Entwicklung der Umstände in Zukunft zu vermeiden, werden alle Interessenvertreter um Zusammenarbeit mit dem Ziel größerer Transparenz, eindeutiger Wortwahl und adäquater Deckungen gebeten.
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