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Erdbeben

Erdbebeben am Dach der Welt

Schwere Erdstöße trafen im Frühjahr 2015 Nepal und die Nachbarstaaten Indien, China sowie Bangladesch. Die Folgen waren verheerend, besonders für die ländliche Region nordwestlich der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu.

02.03.2016

Der Himalaya als mächtigste Gebirgskette der Erde beheimatet auch die höchsten Berge unseres Planeten. Sie entstanden durch die Kollision der Indischen mit der Eurasischen Kontinentalplatte, die vor ca. 65 Millionen Jahren begann. Heute bewegt sich die Indische Platte mit rund vier bis fünf Zentimetern pro Jahr Richtung Norden und drückt dabei den Himalaya weiter um jährlich etwa einen Zentimeter in die Höhe. Die Kräfte, die bei dieser Plattenkollision auftreten, übersteigen von Zeit zu Zeit die Scherfestigkeit des Gesteins tief unter dem Himalaya. Es kommt zu plötzlichen Verschiebungen mächtiger Gesteinspakete, die in Sekunden aneinander vorbeischrammen und heftige Erdstöße auslösen.

Verschiebungen von bis zu vier Metern

Ein solches Beben erschütterte Nepal am 25. April 2015 um 5 vor 12 Uhr mittags. Es ereignete sich auf einer der bekannten Hauptverwerfungslinien entlang des Himalaya mit dem Epizentrum nahe der Stadt Gorkha und einer Magnitude von 7,8. Besonders heftig traf es die ländliche Region nordwestlich der Hauptstadt Kathmandu. Dort kam es in einer Tiefe von zehn bis 25 Kilometern auf einer nach Norden geneigten Bruchfläche zu einer Verschiebung von bis zu vier Metern. Insgesamt war die Bruchfläche ca. 100 Kilometer lang und 80 Kilometer breit. Im Epizentralgebiet wurden Bodenbewegungen bis zur Mercalli-Intensität IX (von insgesamt XII) beobachtet. In den weiter nördlich gelegenen Hochgebirgsregionen lösten die Erschütterungen großflächige Hangrutsche und Lawinenabgänge aus, die in den steilen und tief eingeschnittenen Tälern ganze Dörfer unter sich begruben. In den folgenden Tagen kam es zu Hunderten kleineren und größeren Nachbeben. Das stärkste mit einer Magnitude von 7,3 ereignete sich am 12. Mai wiederum um die Mittagszeit rund 80 Kilometer östlich von Kathmandu. Es traten weitere Schäden auf, und auch die bereits vor Ort tätigen Rettungskräfte internationaler Hilfsorganisationen waren betroffen.

Viele Schulen zerstört

Die Beben forderten insgesamt rund 9.000 Menschenleben in Nepal, Indien, China und Bangladesch. Mehr als 23.000 Verletzte und gut eine halbe Million Obdachlose wurden gezählt. Obwohl in Nepal seit 1994 eine nationale Baunorm existiert, entsprechen die Gebäude nur selten dieser Norm. So ist das Baumaterial (Lehm, Ziegel, Bambus und Holz) oft von schlechter Qualität, und die Konstruktionsweise weist typische strukturelle Schwachstellen auf. Entweder wurden Versteifungselemente ganz weggelassen oder die Verstärkungsmaßnahmen waren unzureichend. Alarmierend war die große Anzahl betroffener Schulgebäude, von denen über 6.000 signifikant beschädigt oder total zerstört wurden. Hätte das Beben nicht an einem Samstag, sondern an einem Schultag stattgefunden, wären weit mehr Kinder unter den Opfern gewesen.

Gorkha kein „Worst-Case-Szenario“

Nepal gilt als eines der gefährdetsten Erdbebengebiete der Welt. Dabei sind stärkere Erschütterungen und heftigere Bodenbewegungen als beim Gorkha-Beben durchaus möglich. Die mächtigen Sedimentablagerungen in den südlichen Ausläufern des Himalaya (zum Beispiel im Kathmandu-Tal) können diese sogar lokal deutlich verstärken. So gesehen war das Gorkha-Beben kein „Worst-Case-Szenario“. Historische Erdbebenkatastrophen in der Region um Kathmandu sind aus den Jahren 1833 (Magnitude 7,6), 1934 (Magnitude 8,0) und 1988 (Magnitude 6,9) bekannt (siehe Grafik Seite 28/29). 1934 starben 10.700 Menschen, rund 80.000 Gebäude wurden zerstört und mehr als 120.000 beschädigt. Gut 50 Jahre später kostete das Beben von 1988 1.450 Menschen das Leben und beschädigte trotz der relativ kleinen Magnitude wiederum mehr als 80.000 Gebäude. Auch Bahnstrecken, Brücken und Straßen wurden erheblich in Mitleidenschaft gezogen.

Nur wenig versicherte Schäden

Die gesamtwirtschaftlichen Schäden der Beben vom 25. April und 12. Mai werden auf 5,6 Milliarden US-Dollar geschätzt, wovon 90 Prozent in Nepal auftraten und rund 210 Millionen versichert waren. Lebensversicherer schätzen, dass sie für einheimische Opfer kaum mehr als eine Million US-Dollar ausbezahlen müssen, da nur wenige von ihnen versichert waren (ca. vier Prozent). Am stärksten betroffen waren Wohngebäude, Bildungseinrichtungen, kulturelles Erbe und Gesundheitswesen (Abb. 2). Die meisten privaten Wohngebäude verfügten über keinen Versicherungsschutz. Lediglich Schäden an neueren Gebäuden, deren Bau über Banken finanziert wurde, waren größtenteils gedeckt. In Nepals Wirtschaft nimmt der Tourismus einen hohen Stellenwert ein. Nepal zählt jährlich mehr als eine halbe Million Besucher aus dem Ausland, schätzungsweise 20.000 hielten sich zur Zeit des Erdbebens im April im Land auf. Zahlreiche weltberühmte Monumente, von denen viele zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören, trugen schwere Schäden davon. Darunter auch 700 historische, meist buddhistische Bauwerke mit ihren typischen Pagoden und Stupas, die wohl nicht alle rekonstruiert werden können. Angesichts der Bedeutung des Tourismus war der nepalesischen Regierung sehr daran gelegen, einige der wichtigsten Schauplätze (zum Beispiel Bhaktapur Durbar Square, Hanuman Dhoka Durbar Square, Bodnath Stupa, Patan Durbar Square, Pashupatinath Tempel) so schnell wie möglich wieder zugänglich zu machen. Bereits Anfang Juni hat das Ministerium für Kultur und Tourismus Nepal zudem wieder als sicheres Reiseland eingestuft. Die Wiederaufbauarbeiten der wichtigsten Kulturstätten dürften sich aber mindestens fünf Jahre hinziehen.

Bergsteiger betroffen

Eine andere touristische Attraktion sind die Berge. Vor allem der Mount Everest mit seinem Gipfel auf 8.848 Metern Höhe, den das Beben um etwa vier Zentimeter nach Südwesten verschob, ist für viele ein begehrtes Ziel. Eine vom Beben ausgelöste Schnee- und Eislawine am benachbarten Siebentausender Pumori forderte zahlreiche Todesopfer. Mindestens 19 Bergsteiger und Sherpas starben dadurch im Basislager des Mount Everest, weitere wurden verletzt. Zwei Wochen nach dem Beben hat die Regierung auf Druck internationaler Expeditionen zunächst erste Aktivitäten zur Eröffnung der klassischen Route durch den Khumbu-Eisbruch zugelassen (Tourismusverband Nepal: „… climbing will continue, there is no reason for anyone to quit their expedition“). Allerdings entschlossen sich die nepalesischen und chinesischen Behörden kurz darauf, alle weiteren Expeditionen zu verbieten. So kam es, dass der Mount Everest im Jahr 2015 zum ersten Mal seit 41 Jahren nicht bestiegen wurde.

Verteilung der Milliardenhilfen stockt

Die internationale Staatengemeinschaft und Spendenorganisationen sagten Nepal bis Ende Juni Hilfen in Milliardenhöhe zu. Aufgrund der Streitigkeiten um eine neue Verfassung kam allerdings offenbar kaum staatliche Hilfe bei den Betroffenen an. Schon unmittelbar nach dem Beben standen die Behörden in der Kritik, weil langwierige Zollverfahren die Einfuhr von Hilfsgütern verzögerte. Mangels offizieller Unterstützung halfen sich die Menschen, so gut es ging, meist selbst. Sie wandten sich an Familienangehörige und Bekannte im Ausland oder versuchten, als Arbeiter in Katar und Saudi-Arabien Mittel für den Wiederaufbau zu beschaffen.

Risikobewusstsein schärfen

Angeschoben von der auch von Munich Re unterstützten Gemeinschaftsinitiative Global Earthquake Model (GEM) erschien im August 2015 eine Studie über die seismische Gefährdungs- und Risikosituation in Nepal. Die Erkenntnisse daraus bilden eine wichtige Grundlage für politische Entscheidungen über Landnutzung, Baunormen, die Ausgestaltung des Versicherungswesens und für die Katastrophenplanung. Mit einer adäquaten Risikoeinschätzung ist es möglich, die sozialen und ökonomischen Folgen von Erdbeben zu verringern. Bereits 1995 ist das Kathmandu Valley Earthquake Risk Management Project an den Start gegangen, das ebenfalls von Munich Re unterstützt wird. Es verfolgt das Ziel, Schulgebäude standfester zu machen, indem man beim Bau Kenntnisse über erdbebensichere Bauweisen und wirksame bautechnische Verstärkungselemente berücksichtigt. Von dem Projekt profitierten bereits 300 Schulen, 270 davon im jüngst betroffenen Erdbebengebiet. Keines dieser Gebäude wies schwere Schäden auf, während 80 Prozent der anderen Schulen stark beschädigt waren oder sogar einstürzten. Als weiteren positiven Effekt des Projekts kann man verbuchen, dass die Kenntnisse über erdbebensichere Bauweisen in vielen Dörfern auch bei neu errichteten Wohngebäuden Anwendung fanden. Nepal beabsichtigt, in einem ambitionierten Zeitraum von fünf Jahren alle eingestürzten Schulen durch neue, verstärkte Gebäude zu ersetzen. Die Kosten dafür belaufen sich voraussichtlich auf 400 Millionen US-Dollar. Dass dieser Zeitplan eingehalten werden kann, bezweifeln internationale Organisationen: Jedes Jahr müssten mehr als 1.200 Gebäude erneuert werden.

Munich Re Experten
Wilhelm Morales Avilés
ist Consultant für geophysikalische Risiken im Bereich Corporate Underwriting/Geo Risks.
Martin Käser
Senior Consultant für geophysikalische Risiken, Corporate Underwriting/Geo Risks
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