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Erdbeben

Doppelschlag für Kumamoto

Zwei starke Erdbeben innerhalb von 28 Stunden haben im April 2016 im Südwesten Japans große Schäden verursacht. Nach dem Tohoku-Beben von 2011 und dem Kobe-Beben von 1995 war der Doppelschlag gemessen an den gesamten Schäden das drittteuerste Beben in der Geschichte Japans.

27.03.2017
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Japan befindet sich an der Grenze mehrerer tektonischer Platten und wird daher immer wieder von starken Erdbeben getroffen. Im Süden des Landes schiebt sich die Philippinische Platte mit fünf Zentimetern pro Jahr unter die Eurasische Platte. Die dadurch entstandene Spannung im Gestein hat ab dem 14. April 2016 eine Serie von Beben ausgelöst. An diesem Tag traf ein Vorbeben mit der Momenten-Magnitude 6,2 die Insel Kyushu, gefolgt von kleineren Nachbeben und schließlich dem Hauptbeben mit einer Magnitude von 7,0 am 16. April (siehe Abbildung Seite 20). Die Erdbebenserie verursachte zahlreiche Hangrutsche. Insbesondere viele alte Gebäude wurden stark beschädigt. Große Industrieanlagen standen tagelang still. An mehreren Orten kam es zu Bodenverflüssigungen, die an Gebäuden sehr hohe Schäden verursachten.

Beben abseits der eigentlichen Plattengrenzen

Die Erdbeben fanden an bekannten, sogenannten krustalen Verwerfungen in einer geringen Tiefe von ca. zehn Kilometern statt, hauptsächlich an der Hinagu- und Futagawa-Verwerfung. Diese Art von Verwerfungen, weit weg von den eigentlichen Plattengrenzen, entsteht oftmals durch interne Deformation der tektonischen Platten als Folge des Drucks von außen. Trotz kleinerer Magnitude und längerer Wiederkehrperiode im Vergleich zu Subduktionsbeben – bei denen eine Platte unter eine andere abtaucht – sind krustale Beben oft zerstörerischer, da sie näher an bewohnten Gebieten auftreten. Im Gegensatz zum Vorbeben erreichte der Bruch des Hauptbebens in Kumamoto die Oberfläche. An mehreren Orten riss der Boden auf, örtlich traten horizontale Bodenverschiebungen von mehr als zwei Metern auf.

Beide Beben erzeugten der Japan Meteorological Agency (JMA) zufolge außergewöhnlich hohe Bodenbeschleunigungen von über 10 m/s2. Auch das Auftreten direkt aufeinanderfolgender schwerer Beben in derselben Region gilt als eher seltenes Ereignis. Beim Vorbeben beschädigte Gebäude waren wesentlich anfälliger für die Bodenbewegungen des zweiten großen Bebens. Dies hatte trotz der hohen Baustandards große Schäden zur Folge.

Erdbebensicheres Bauen in Japan

In Japan gibt es seit 1924 offizielle Baustandards in gefährdeten Regionen. Diese wurden immer wieder aktualisiert. Große Anpassungen erfolgten beispielsweise 1981 (nach dem Miyagi-Erdbeben von 1978), demzufolge ein Gebäude auch bei starken Bodenbewegungen zwar Schaden nehmen, aber nicht einstürzen darf. Kleinere Anpassungen gab es immer wieder in den nachfolgenden Jahren. Dies betraf im Jahr 2000 unter anderem die Stabilität von Holzgebäuden und im Jahr 2006 die Vorgabe, dass alle in Bau befindlichen Gebäude von unabhängiger Stelle inspiziert und auf Einhaltung der Baunormen überprüft werden müssen.

Die Erdbebensequenz im April verursachte große Schäden in der Präfektur Kumamoto und in den umliegenden Städten (zum Beispiel Mashiki). 69 Menschen kamen ums Leben, zahlreiche wurden verletzt. Fast 300.000 Menschen wurden nach dem Hauptbeben evakuiert. Ungefähr 8.000 Häuser stürzten ein, mehr als 140.000 Gebäude wurden beschädigt, 24.000 davon stark. Ein Großteil der eingestürzten Häuser waren Holzgebäude mit schweren Dachkonstruktionen, die nach dem alten Baustandard vor 1981 errichtet worden waren. Mehrere Kulturerbe- Stätten wurden beschädigt (zum Beispiel Burg Kumamoto, Aso-Schrein), genauso wie Infrastruktur (Straßen, Brücken, Eisenbahnlinien), entweder direkt vom Beben oder durch Hangrutschungen.
Zwei starke Erdbeben innerhalb von 28 Stunden haben im April 2016 im Südwesten Japans große Schäden verursacht. Nach dem Tohoku-Beben von 2011 und dem Kobe-Beben von 1995 war der Doppelschlag gemessen an den gesamten Schäden das drittteuerste Beben in der Geschichte Japans. © The Asahi Shimbun / Getty Images
Alte Wohnhäuser in Japan sind meist aus Holz und haben schwere Dächer. Ihr Einstürzen machte den Löwenanteil der Schäden bei den beiden Kumamoto-Beben 2016 aus.

Lieferketten unterbrochen

Im Industriegebiet nordöstlich von Kumamoto sind einige Firmen ansässig, die Autos, Elektronikkomponenten oder Arzneimittel herstellen. Obwohl die strukturellen Schäden an Gebäuden meist eher gering waren, stand die Produktion an mehreren Standorten zumindest in der Woche nach dem Beben still. Es kam weltweit zu Unterbrechungen in der Lieferkette für nachgelagerte Produktionsstätten. Diese Beispiele industrieller Schäden in Kumamoto belegen erneut die hohe Anfälligkeit moderner "Just-in-time"-Lieferungen gegenüber Engpässen bei einzelnen Komponenten.

Die Gesamtschäden für die beiden Erdbeben in Japan belaufen sich auf rund 31 Milliarden US-Dollar, wovon sechs Milliarden US-Dollar versichert waren. Damit ist das Beben nach dem Tohoku-Beben von 2011 und dem Kobe-Beben von 1995 das drittteuerste für die Gesamtwirtschaft (vgl. Tabelle). Über die Hälfte der Gesamtschäden und sogar fast drei Viertel der versicherten Schäden stammen von Wohngebäuden und deren Inventar.

Da die Anzahl der versicherten Gebäude stark zugenommen hat, war der versicherte Schaden 2016 deutlich höher als beim Kobe-Beben 1995. Der Anteil der Haushalte, die bei privaten Versicherungsunternehmen gegen Erdbeben versichert waren, hat sich seitdem von neun auf 29 Prozent mehr als verdreifacht. Dennoch war der Anteil der nicht versicherten Schäden wegen der insgesamt immer noch geringeren Versicherungsdichte in Japan höher als bei vergleichbaren Katastrophen in anderen Industrieländern wie etwa Neuseeland.
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