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Erdbeben

Der nächste Dominostein

Vier Jahre nach der heftigen Erdbebensequenz in der norditalienischen Region Emilia-Romagna hat es 2016 Mittelitalien getroffen.

27.03.2017
In der Nacht vom 23. zum 24. August 2016 wurden die historische Altstadt von Amatrice (ca. 2.500 Einwohner) und andere Dörfer im Apennin-Gebirge Mittelitaliens von einem schweren Erdbeben mit der Momenten-Magnitude 6,0 getroffen. 299 Menschen kamen ums Leben.

Es folgten ein weiteres Beben am 26. Oktober (Magnitude 5,9) sowie zahl¬reiche kleinere Erschütterungen, die immer mehr Zerstörung über die Region brachten. Die Sequenz gipfelte am 30. Oktober im größten Beben seit 36 Jahren in Italien mit einer Magnitude von 6,5. Dass es bei diesem Be¬ben zu keinem weiteren Todes¬opfer kam, ist wohl hauptsächlich der großräumigen Evakuierung seit Ende August und der Angst vor Nachbeben als Folge des spä-teren Erdstoßes zu ver¬danken. Zum Vergleich: 1915, als 100 Kilometer südöstlich ein Beben der Magnitude 6,7 die Gemeinde Avezzano erschütterte, kamen etwa 30.000 Menschen ums Leben, bei dem 250 Kilometer südöstlich gelegenen Irpinia-Beben (Magnitude 6,9) von 1980 waren fast 3.000 Tote zu beklagen.

Verborgene Verwerfungen

Ross Stein vom geologischen Dienst United States Geological Survey (USGS) beurteilt die Lage folgendermaßen: Seit dem Erdbeben von L’Aquila 2009 folgen die anderen Beben wie „eine Reihe fallender Dominosteine“. Sie breiten sich Richtung Nordwesten aus. Zudem, so Stein, treten Beben in Italien bevorzugt in Gruppen auf, vermutlich da die zugrunde liegenden Verwerfungen erst seit weniger als einer Million Jahren bestehen und damit relativ jung sind. Deshalb finden sich auch nur wenige Anhaltspunkte an der Oberfläche, die es Geologen erlauben würden, diese Verwerfungen zu kartieren. Die meisten werden daher als „blinde Verwerfungen“ bezeichnet. Trotz dieser Schwierigkeiten hat das italienische Istituto Nazionale di Geofisica e Vulcanologia in seiner Datenbank DISS (Database of Individual Seismogenic Sources) das Wissen über 300 georeferenzierte Verwerfungen gesammelt. Diese Informationen können zur regionalen und landesweiten Einschätzung der seismischen Gefährdung benutzt werden.

Die italienische Regierung schätzt die durch die Bebensequenz 2016 entstandenen Kosten auf 23,5 Milliarden Euro (26 Milliarden US$). Die eigentlichen Sachschäden belaufen sich nach Einschätzung von Munich Re auf 10 Milliarden Euro (11 Milliarden US$). Bis heute ist die Versicherungsdurchdringung in dieser Region Italiens bezüglich Erdbeben sehr gering, insbesondere für Wohngebäude. Das Schadenbild zeigt einmal mehr, dass Mittelitalien durch die Kombination von hoher seismischer Gefährdung und vielen historischen Gebäuden charakterisiert ist. Für Aufsehen sorgte 2016 der teilweise Einsturz der Basilica di San Benedetto in Norcia aus dem späten 14. Jahrhundert. 1997 kam es bei einem Beben der Magnitude 6,1 im Colfiorito-Becken (ca. 30 Kilometer nördlich von Norcia) in weiten Gebieten zu großen Schäden, und auch das Deckengewölbe der Oberen Basilica San Francesco in Assisi hielt damals den Erschütterungen nicht stand. In L’Aquila (50 Kilometer südlich von Amatrice), das 2009 von einem Erdbeben der Magnitude 6,3 erschüttert wurde, ist die Rekonstruktion bzw. Restauration der historischen Altstadt noch im Gange.

Kostspieliger Wiederaufbau

Das italienische Consiglio Nazionale Ingegneri (CNI) präsentierte 2014 eine Studie zum Thema Erdbebenkosten, die Daten seit 1968 auswertet. Demzufolge musste Italien während der vergangenen knapp 50 Jahre rund 120 Milliarden Euro (in Werten von 2014) für den Wiederaufbau nach Erdbeben aufwenden. Das sind 2,4 Milliarden Euro pro Jahr. Knapp 94 Milliarden Euro kosten würde es, den gesamten privaten Gebäudebestand Italiens erdbebensicherer zu machen. Das könnte zumindest dazu beitragen, Menschenleben zu retten und wirtschaftliche Verluste zu reduzieren, wie in Norcia beim Beben vom 30. Oktober – auch wenn deutlich standfestere Gebäude selbstverständlich nicht verhindern können, dass gelegentlich schwere Schäden auftreten. Nach dem Beben von Amatrice hat die italienische Regierung das Projekt „Casa Italia“ ins Leben gerufen. Es soll dazu beitragen, den Erdbebenschutz landesweit zu verbessern, was enormer Anstrengungen in den kommenden Jahren bedarf. Schon nach dem verheerenden Irpinia-Erdbeben von 1980 hatte der kürzlich verstorbene Professor Giuseppe Grandori vermehrte Anstrengungen in diesem Bereich angemahnt. Wenn man keinen systematischen Plan für die Nachrüstung von Gebäuden entwickle, so der Tenor, würde man mehr seismische Sicherheit im Lauf der Jahre allenfalls automatisch erreichen – indem die historischen Gebäude nach und nach von Erdbeben zerstört werden. Es bleibt zu hoffen, dass es die Regierung mit ihren Investitionen zur Verbesserung der Erdbebensicherheit ernst meint. Denn die Statistik ist eindeutig: Selbst wenn wir nicht genau wissen, wo und wann: Es wird mit Sicherheit zu weiteren Erdbeben kommen.
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