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Erdbeben

Open Quake

Nach mehr als sechsjähriger Arbeit ging Ende Januar 2015 die OpenQuake-Plattform an den Start. Das Ziel der Gemeinschaftsinitiative Global Earthquake Model (GEM) ist nicht weniger als die ganzheitliche Form der Risikobetrachtung. Fragen an Alexander Allmann, Geophysiker und Erdbebenexperte bei Munich Re.

23.02.2015

Herr Allmann, was verbirgt sich hinter der OpenQuake-Plattform?

Die OpenQuake-Plattform ist ein Projekt der von Munich Re bereits 2006 auf den Weg gebrachten Gemeinschaftsinitiative Global Earthquake Model (GEM). Es geht uns darum, mehr Transparenz über das Erdbebenrisiko insbesondere in den Regionen und die damit verbundenen Schäden zu schaffen. Ein geschärftes Risikobewusstsein gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern ist nötig, um einerseits Schäden künftig zu vermeiden, aber auch, um sie besser einschätzen zu können. Wir setzen bewusst auf Open-Source-Software, denn nur durch die offenen Standards wird es möglich, dass sich möglichst viele Wissenschaftler zu einer globalen Risiko-Community zusammenschließen. Bisher gab es praktisch keine einheitlich zugängliche Software, die über die Gefährdung und das daraus resultierende Risiko zuverlässig Auskunft geben konnte. Das Besondere ist, dass wir nun globale Datensets mit lokalen Begebenheiten verbinden können.

Warum sind es gerade Schwellen- und Entwicklungsländer, die von der Plattform profitieren werden?

In Industrieländern wie den USA oder Japan ist in der Regel eine Risiko-Community bereits etabliert, in Schwellen- und Entwicklungsländern fehlt oft ein Expertennetzwerk, das auf solide Daten zurückgreifen kann. Als vor vier Jahren in Pakistan mehrere zehntausend Menschen bei einem starken Erdbeben starben, waren die Schäden für die Volkswirtschaft vergleichsweise gering.

Ganz anders war die Situation nach einer Serie schwerer Beben in Christchurch in Neuseeland in den Jahren 2010 und 2011: Dort verloren weniger als 200 Menschen ihr Leben, wo hingegen der Schaden für die Versicherungswirtschaft im zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich lag. Bei einem vergleichsweise schwachen Beben vor drei Jahren in Emilia-Romagna in Süditalien kamen 23 Menschen ums Leben, doch verursachte es einen Schaden in Milliardenhöhe. Während also in Ländern der ersten Welt die physikalischen gegenüber den sozioökonomischen Schäden überwogen, war es in den Schwellen- und Entwicklungsländern umgekehrt. Besonders dort war die Bewertung von Erdbebenrisiken wegen unzureichender Daten und verschiedener Methoden bisher schwer möglich. Nun können auch Institute in abgelegenen Gegenden auf die Datenbank zugreifen, die erstmals zwei Expertisen zusammenbringt – die Gefahreneinschätzung und das Engineering-Know-How, um letztlich das Risiko der Region berechnen zu können.

Inzwischen hat GEM Projekte etwa in Südostasien, in der Subsahara, Kirgisistan und Südamerika sowie City-Szenarien über Quito in Ecuador und Lima in Peru auf den Weg gebracht. Gerade, wo es keine oder eine kleine Risiko-Community gibt, gibt es die Chance, einerseits mehr für die Gefahren durch Erdbeben zu sensibilisieren, und so letztlich natürlich auch für Versicherungslösungen.

Die OpenQuake-Plattform soll vorrangig die Risikobewertung und -transparenz in Hinsicht auf Erdbeben verbessern, und so etwa Prävention fördern. Lassen sich durch die neue Menge an Daten Erdbeben besser vorhersagen?

Erdbeben lassen sich nicht vorhersagen. Allerdings ermitteln wir Wahrscheinlichkeiten, die beispielsweise auch für Bauordnungen relevant sind. Regionen, die mit zehnprozentiger Wahrscheinlichkeit in den kommenden 50 Jahren mit einem Erdbeben rechnen müssen, können wir so ermitteln. Wir wissen auch, dass 90 Prozent aller Erdbeben an den Bruchkanten der tektonischen Platten vorkommen und kennen daher auch die Brennpunkte. Gerade dadurch, dass es immer mehr und immer größere Ballungsräume weltweit gibt, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen Opfer von Erdbeben werden. Wenn wir es eines Tages schaffen würden, dass ein Blick in die Datenbank genügt, um das Risiko zu kennen, das mit dem Bau des eigenen Hauses verbunden ist, egal an welchem Ort auf dem Erdball: Dann hätten wir unser Fernziel erreicht.
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