dcsimg
Klimawandel

Klimawandel und die Folgen: Was wissen wir, was vermuten wir?

Es ist oft die erste Frage nach Wetterkatastrophen, wie sie zuletzt die USA und karibische Staaten getroffen haben: Spielt der Klimawandel eine Rolle?

09.10.2017
,
Die Wissenschaft denkt fast einmütig, dass der Klimawandel überwiegend vom Menschen verursacht ist. Und auch, dass er Wetterextreme wie Stürme, Hagel, Starkregen oder Hitzewellen beeinflusst.
Doch der Zusammenhang ist extrem komplex: Natürliche Klimaschwankungen haben einen großen, bisher sogar viel stärkeren Einfluss auf Wetterkatastrophen, und die Schadenanfälligkeit von Gebäuden oder Infrastruktur beeinflusst die Schäden erheblich.
Einige Fragen sind noch leicht zu beantworten, etwa:
Gibt es völlig neuartige Naturkatastrophen, die ohne Klimawandel nicht möglich wären?
Nein!
Lassen sich einzelne Ereignisse auf die Erderwärmung zurückführen?
Nein!
Oder beeinflusst der Klimawandel gar große Erdbeben?
Nein!
Was wir sonst wissen oder vermuten:

Die Fakten

  • Die Erderwärmung seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist nahezu sicher zum allergrößten Teil durch Menschen verursacht. Fluktuationen der Strahlungsintensität der Sonne sind nur für einen Teil der Erwärmung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verantwortlich. Sie können aber nicht die starke Erwärmung seitdem erklären. In den letzten Jahren mit den stärksten Temperaturanstiegen ist die Strahlungsintensität der Sonne sogar gesunken.

  • Alle 16 Jahre seit 2001 gehören zu den 17 wärmsten seit Beginn der Messungen. Die vergangenen drei Jahre (2014-2016) waren die wärmsten überhaupt.
Es ist oft die erste Frage nach Wetterkatastrophen, wie sie zuletzt die USA und karibische Staaten getroffen haben: Spielt der Klimawandel eine Rolle?
Die 16 Jahre seit 2001 gehören zu den 17 wärmsten überhaupt

Die Meteorologie

  • Treibhausgase, allen voran Kohlendioxid (CO2), absorbieren einen Teil der langwelligen Strahlung der Erde, die sonst ins Weltall abgestrahlt würde. Dadurch steigt der Energieinhalt der unteren Atmosphäre (Troposphäre), sie erwärmt sich. Neben der Luft erwärmen sich auch Boden und Ozeane. Der Teil der Energie, der Richtung Erdoberfläche zurückgestrahlt wird, fehlt in der Abstrahlung Richtung Weltall, daher kühlt die untere Stratosphäre ab. Beide Trends, Erwärmung der unteren und Abkühlung der oberen Atmosphäre, werden seit Jahrzehnten gemessen: ein Fingerabdruck des Treibhauseffekts.

  • Der „Wettermotor“ läuft schneller: Aus wärmeren Meeren verdunstet mehr Wasser. Eine wärmere Atmosphäre kann auch mehr Wasser aufnehmen. Beides erhöht das Potenzial für Starkniederschläge. Die erhöhte Wasserdampfmenge in der Atmosphäre bedeutet mehr Energie, die freigesetzt wird, wenn der Wasserdampf in Wolken kondensiert. Diese Energie befeuert Gewitter und tropische Wirbelstürme. Der Klimawandel wird regional wahrscheinlich aber auch zu mehr Dürren führen.

 

Es ist oft die erste Frage nach Wetterkatastrophen, wie sie zuletzt die USA und karibische Staaten getroffen haben: Spielt der Klimawandel eine Rolle? © imago/CHROMORANGE
Höhere Wasserdampfmenge in der Atmosphäre bedeutet mehr Energie
  • Es ist überwiegende Erwartung der Wissenschaft – im letzten Sachstandsbericht des Weltklimarates dokumentiert -, dass es durch den Klimawandel mehr wetterbedingte Naturkatastrophen geben wird. Die Entwicklung wird nach Region und Art der Ereignisse sehr unterschiedlich sein. Die statistische Bewertung ist komplex, da durch bessere Dokumentation, das Web und soziale Medien mehr Ereignisse registriert werden als früher. In unserer NatCatSERVICE-Datenbank weisen wir eine um kleine Wetterereignisse bereinigte Statistik aus, die aber dennoch einen gewissen „Reporting Bias“ enthält. Auffällig ist dennoch, dass geophysikalische Ereignisse wie Erdbeben und Vulkanausbrüche keine eindeutigen Trends nach oben zeigen, die wetterbedingten aber schon.

Naturgefahren und Hinweise auf einen Einfluss des Klimawandels

  • Schwere Gewitter in Nordamerika: Schäden durch schwere Gewitter mit Hagel, Böen, Tornados oder Starkregen nehmen in der Tendenz deutlich zu, selbst wenn man sie um den Wertezuwachs bereinigt. Dieser Trend passt zu Veränderungen bei meteorologischen Daten, insbesondere dem Anstieg des Wasserdampfgehalts der unteren Atmosphäre. Da der zusätzliche Wasserdampf von den erwärmten Ozeanen stammt, liegt eine Verbindung zum Klimawandel nahe. Dies passt zu dem, was wissenschaftlich als Folge des Klimawandels erwartet wird.
Es ist oft die erste Frage nach Wetterkatastrophen, wie sie zuletzt die USA und karibische Staaten getroffen haben: Spielt der Klimawandel eine Rolle?
Normalisierte Schäden durch schwere Gewitter in Nordamerika nehmen zu
http://natcatservice.munichre.com/s/NsFeG
  • Schwere Gewitter in Europa: Ähnlich wie in Nordamerika sind auch hier die normalisierten Schäden signifikant gestiegen. Studien zeigen, dass in Teilen Europas, darunter Südwestdeutschland, schwere Gewitter mit Hagel bereits zugenommen haben und es auch zunehmend zu schweren Hagelschlägen kommt. Gepaart mit höherer Schadenanfälligkeit von Gebäuden durch empfindliche Wärmedämmungen, Solaranlagen oder aufwändige Metallfassaden ergeben sich steigende Schadenpotentiale. Das teuerste Schwergewitter seit 1980 ereignete sich im Juli 2013 in Deutschland, als insbesondere durch Hagel ein Gesamtschaden von 4,6 Mrd. € zu heutigen Werten entstand. Davon waren 3,5 Mrd. € versichert.
Es ist oft die erste Frage nach Wetterkatastrophen, wie sie zuletzt die USA und karibische Staaten getroffen haben: Spielt der Klimawandel eine Rolle?
Wie in Nordamerika sind in Europa die normalisierten Schäden durch schwere Gewitter gestiegen
http://natcatservice.munichre.com/s/GSQ5C
  • Hitzewellen, Starkniederschläge und der Jet Stream: Mehrere Studien sehen einen Zusammenhang zwischen lang anhaltenden Wetterlagen auf der Nordhalbkugel und der klimawandel-getriebenen starken Erwärmung der Arktis im Sommer. Dadurch sind verstärkt Hitzewellen oder anhaltende starke Niederschläge mit Überschwemmungen möglich. Beispiele sind die Hitzewellen in Europa 2003 und 2010 (Russland) oder die extremen Hochwasser in Europa 2002 und 2013.

  • Monsun und Hitzewellen in Südasien: Hitzewellen gehören in Südasien, vor allem in Indien, bereits zu den Ereignissen mit schlimmsten humanitären Folgen: Bei den sommerlichen Hitzewellen mit Temperaturen weit über 40°C kommen regelmäßig tausende Menschen ums Leben. Die Wissenschaft bewertet es als „wahrscheinlich“, dass durch den Klimawandel Hitzewellen in Südasien häufiger und extremer werden. Auch bei den Monsun-Regenfällen geht der Weltklimarat von einem Einfluss des Klimawandels aus: In Indien dürfte die durchschnittliche Niederschlagsmenge in der Monsun-Zeit etwas zunehmen. Allerdings auch der Wechsel zwischen kleinen und größeren saisonalen Niederschlagsmengen, was ein enormes Problem für die Landwirtschaft wäre. Gleichzeitig wird erwartet, dass es häufiger zu Extremniederschlägen kommt: insgesamt also höhere saisonale Variabilität und mehr Extreme.

  • Flussüberschwemmung - Entkopplung von Meteorologie und Schäden: In Europa sind die um Wertezuwächse bereinigten Schäden tendenziell zurückgegangen. Dennoch ist die Wissenschaft insgesamt überzeugt, dass der Klimawandel die Niederschlagsmuster in Europa beeinflusst und zu mehr Starkniederschlägen führt - bei gleichzeitiger Tendenz zu längeren Trockenphasen. In den vergangenen Jahren kam es zu mehreren schweren Flusshochwassern, so 2013 im Süden und Osten Deutschlands sowie angrenzenden Ländern. Das Hochwasser war in seiner meteorologischen/hydrologischen Ausprägung ähnlich dem Elbehochwasser im Jahr 2002, verursachte aber ein Drittel weniger Schäden. Als eine Erklärung gilt, dass nach der Elbeflut 2002 Milliarden in Hochwasserschutz in Deutschland und Nachbarländern investiert wurden. Schutzmaßnahmen können sich also lohnen.
Es ist oft die erste Frage nach Wetterkatastrophen, wie sie zuletzt die USA und karibische Staaten getroffen haben: Spielt der Klimawandel eine Rolle?
Hochwasserschäden in Europa sinken, Investitionen in Hochwasserschutz zahlen sich aus
http://natcatservice.munichre.com/s/gJzNX
  • Auch in Nordamerika und China gibt es Indizien, dass massive Investitionen in Hochwasserschutz an Flüssen Rückgänge der normalisierten Schäden nach sich zogen, obwohl es mehr schadenträchtige Ereignisse gab.

  • Hurrikane im Nordatlantik: Hier sind nur vorsichtige Aussagen möglich: Die Wissenschaft erwartet durch den Klimawandel keine Zunahme der Gesamtzahl, aber einen höheren Anteil starker Stürme. Der Hintergrund: Durch die Erderwärmung könnte es in höheren Schichten der Troposphäre trockener werden. Konvektive Prozesse, wie sie in tropischen Stürmen essentiell sind, werden gehemmt. Gleichzeitig steigt mit den höheren Wassertemperaturen aber das Energiepotential. Wenn also Wirbelstürme künftig entstehen, können sie tendenziell größere Intensitäten erreichen.
    Aber: Im tropischen Nordatlantik wird die Sturmaktivität stark durch natürliche Klimazyklen beeinflusst, so durch mehrere Jahrzehnte anhaltende Warm- und Kaltphasen im Nordatlantik (Atlantische Multidekadische Oszillation) oder über Fernwirkungen der Klimaschaukel ENSO im Pazifik - besser bekannt durch ihre Phasen El Niño und La Niña.
© Munich Re
Mehr Schutz gegen die Folgen von Naturkatastrophen ist zwingend nötig, um die humanitären und finanziellen Folgen nicht ungedämpft wachsen zu lassen. Die finanziellen Schäden kann mehr Versicherung teilweise abfedern – die Menschen und die betroffenen Volkswirtschaften profitieren davon.
Ernst Rauch
Munich Re
Head of Climate & Public Sector Business Development

Wir verwenden Cookies um Ihr Internet-Nutzungserlebnis zu verbessern und unsere Websites zu optimieren.

Mit der weiteren Nutzung unserer Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies dieser Website zu. Weitere Informationen zu Cookies und dazu, wie Sie die Cookie-Einstellungen in Ihren Browsereinstellungen anpassen können, finden Sie in unsereren Cookie-Richtlinien.
Sie können Cookies deaktivieren, aber bitte beachten Sie, dass das Deaktivieren, Löschen oder das Verhindern von Cookies Ihre Internet-Nutzung beeinflussen wird.