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Klimawandel

„Wir müssen die Zusammenhänge verstehen“

Als leitender Fachexperte für Klimarisiken und Naturgefahren bei Munich Re beschäftigt sich Eberhard Faust mit risikorelevanten Veränderungen bei extremen Wetter- und anderen Naturgefahren. Dabei hilft ihm nicht nur sein Studium der Geoökologie/Umweltwissenschaften. Faust hat zuvor evangelische Theologie studiert, also eine klassische historische Wissenschaft. Diese auf den ersten Blick überraschende Fächerkombination erwies sich als gewinnbringend.

01.08.2014

Was hat Theologie mit Meteorologie oder Hydrologie zu tun, und was das Studium antiker Schriften mit naturwissenschaftlichen Beobachtungen? Dr. Eberhard Faust kann in allen diesen Disziplinen akademische Abschlüsse vorweisen. Da fällt es ihm leicht, die Verbindung herzustellen: „In meinen historischen Studien habe ich viele altgriechische Schriftquellen analysiert. Durch das wissenschaftliche Arbeiten in diesem Fach habe ich mir das Instrumentarium eines kritischen Historikers zu eigen gemacht.“ Das sei ihm bei seiner weiteren Ausbildung und seiner beruflichen Laufbahn sehr zugute gekommen, betont Faust. Sowohl die historisch-kritische Analyse alter Schriften als auch die naturwissenschaftliche Analyse erfordern Genauigkeit und methodisches Vorgehen. So nutzte Faust Methoden aus der Wissenssoziologie, um zu verstehen, wie die ganz alltäglichen sozialen und politischen Erfahrungen im römischen Reich die Gestaltung religiöser Vorstellungen beeinflusste.

Es gibt jedoch noch eine weitere Verbindung zwischen den Naturwissenschaften und der Theologie, die wohl noch wichtiger für die Entwicklung von Faust als Umweltwissenschaftler ist. „Beim Studium der Geisteswissenschaften und der Theologie kristallisierte sich für mich als Grundprinzip die Relationalität allen Seins heraus, also dass alles mit allem zusammenhängt. Es gibt nichts, was isoliert stattfindet. Das ist nach meiner Auffassung die innere Wahrheit unserer Gesellschaft und sogar unserer Welt. Gewiss ist es die innere Wahrheit von Religion. Gleichzeitig bildet dieses Prinzip auch den inneren Kern der Naturwissenschaft – eine Erkenntnis, die auch renommierte Naturwissenschaftler wie der vor kurzem verstorbene Physiker Hans-Peter Dürr ausgedrückt haben.”

Der Risikoforscher

„Alles hängt zusammen“ heißt nichts anderes, als dass monokausale Ursachenzuschreibungen nicht hilfreich sind. In den meisten Fällen sind Prozesse eng mit vielen weiteren Prozessen verwoben. Das komplexe Klimasystem der Erde ist ein gutes Beispiel dafür, aber diese Beschreibung gilt auch für die Auswirkungen der natürlichen Klimavariabilität oder des anthropogenen Klimawandels auf soziale Systeme. Die können, so Faust, oft nur verstanden werden, wenn man eine „vielschichtige Denkfigur von unterschiedlichen Stressoren“ oder mehrdimensionale Erklärungen zulässt.

Das ist nicht von ungefähr der Grundansatz des vor kurzem veröffentlichten Fünften Sachstandsberichts des Weltklimarats (IPCC AR5), an dem neben vielen weiteren Experten auch Eberhard Faust mitgewirkt hat. Er führt das Beispiel der Bauern in den trockenen Subtropen an, die zunehmend mit Trockenheit zu kämpfen haben und um die knappen Wasserressourcen mit anderen Nutzern konkurrieren müssen. Für sie ist der Klimawandel nur ein weiterer Stressfaktor, der andere verstärkt. Hierzu zählen biophysikalische Faktoren wie Bodenerosion oder sozioökonomische Stressoren, etwa fehlende Institutionen, Versicherungsmöglichkeiten, unzureichende wirtschaftliche Diversifizierung und verbreitete Armut – der Klimawandel ist da letztes Glied in einer ohnehin kritischen Kette. Aber Faust ist keiner, der Untergangsstimmung verbreitet. „Eine Gesellschaft, die entsprechend vorbereitet ist, kann besser mit den Herausforderungen umgehen“, so Faust.

Im Kapitel des Sachstandberichts zu wichtigen Wirtschaftssektoren und -dienstleistungen („Key economic sectors and services“, IPCC AR5), an dem Faust beteiligt war, erörtern die Autoren, welche Rolle beispielsweise die Entwicklung des Versicherungsmarkts in Ländern mit einem niedrigen bzw. mittleren Einkommensniveau spielen kann. Verfügbare Versicherungssysteme können z.B. die landwirtschaftliche Entwicklung in Schwung bringen und die schadenbedingte Finanzierungslücke nach großen Naturkatastrophen reduzieren. Gleichzeitig lässt sich das Diversifizierungspotenzial innerhalb der global verflochtenen Versicherungswirtschaft durch solche neu entwickelten Märkte etwas erhöhen.

Im Dienst des Kunden

Eine der wichtigsten Botschaften des neuen IPCC-Sachstandberichts  lautet, dass häufigere oder extremere Wetterereignisse in manchen Regionen die Schäden und die Schadenvariabilität erhöhen und damit die Versicherungssysteme vor Herausforderungen stellen werden. Es wird schwieriger, bezahlbare Versicherungen anzubieten und gleichzeitig mehr Risikokapital aufzubringen. Ein Beispiel für derartige Veränderungen bei Wettereignissen sind Flussüberschwemmungen – solche Ereignisse werden wahrscheinlich in vielen Regionen der Erde in den kommenden Jahrzehnten sowohl häufiger als auch intensiver auftreten. Eine Studie, die von wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland in Zusammenarbeit mit dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) durchgeführt wurde, projizierte für Deutschland, dass die jährlich aggregierten Versicherungsschäden durch Überschwemmung in den kommenden Jahrzehnten substanziell zunehmen werden. Solche Erkenntnisse helfen den Versicherern, sich auf die zu erwartenden Herausforderungen vorzubereiten. Sie unterstützen auch die Forderung an Politik und Behörden nach einer vernünftigen Planung für Landnutzung und Hochwasserschutz .

Neben den mittel- bis langfristigen Auswirkungen des Klimawandels wirken sich die natürlichen Klimaschwankungen eher kurzfristig risikomodifizierend aus. Ein wichtiges Element dabei ist das pazifische El-Niño-Phänomen mit den größten Wirkungen im tropischen und subtropischen Raum. In ganz Ostasien wiederum unterliegt die Taifunaktivität einer Jahrzehnte übergreifenden zyklischen Schwankung, die sich auch in den Schäden zeigt. Solche Erkenntnisse ermöglichen der Assekuranz ein besseres Risikomanagement. Faust kennt die Anforderungen im Risikomanagement von Versicherern nur zu gut, schließlich hat er an diversen Stellen im Prozess mitgearbeitet. Vor einigen Jahren hat er ein Risikomodell für europäische Winterstürme von Grund auf konzipiert und programmiert.

Auf die Frage, ob er im Nachhinein nicht doch lieber der Wissenschaft treu geblieben wäre, antwortet er ohne zu zögern: „Ich bin bewusst in die Praxis gegangen und habe mich für ein Arbeitsgebiet  entschieden, das sich sehr konkret mit verschiedenen Änderungsrisiken konfrontiert sieht – Klimavariabilität und Klimawandel eingeschlossen. Meine Aufgabe ist es, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu nutzen, um das Risikomanagement im Versicherungskontext zu optimieren. Wie sehen die Änderungen und ihre Auswirkungen aus? Welche neuen, bisher noch nicht ausreichend berücksichtigten Gefahren zeichnen sich ab? Wie können Versicherungssysteme angesichts dieser Herausforderungen robust entwickelt und zukunftstauglich gemacht werden? Wir suchen beim Risikotransfermanagement nach den richtigen Lösungen, gerade angesichts komplexer Herausforderungen. Genau darum geht es im Leben.” Als Umweltwissenschaftler hat Eberhard Faust eine klar abgesteckte Aufgabe: Er analysiert stetig sich ändernde Gefahren und Risiken, die unter anderem von den natürlichen Fluktuationen im Klimasystem und dem vom Menschen verursachten Klimawandel beeinflusst werden.

Dem Geisteswissenschaftler Eberhard Faust gelingt es wiederum, den Klimawandel in einen weiten Horizont zu stellen. „Meine Grundüberzeugung ist ein weitgehender Zusammenhang der Dinge und des Seins, eine fundamentale Relationalität. Die Aufgabe besteht also darin, das System, dessen Teil wir sind, möglichst umfassend zu verstehen und es auf dieser Grundlage in einer zukunftsfähigen Weise gestalten zu können. Das beinhaltet auch die Strukturen des Risikotransfers als wichtige Anpassungsmechanismen.”
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