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Klimawandel

“Wir haben das Unbeherrschbare vermieden”

Nach dem Klimagipfel in Paris trafen sich Hans Joachim Schellnhuber, Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, und Peter Höppe, Leiter des Munich Re Bereichs Geo Risks Research/Corporate Climate Centre, in Potsdam, um die Ergebnisse zu diskutieren.

02.03.2016

"We have avoided the unmanageable!"
Hans Joachim Schellnhuber, Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, und Peter Höppe, Leiter der Georisikoforschung/Corporate Climate Center bei Munich Re (Videos sind nur in Englisch verfügbar.)
Peter Höppe: Herr Schellnhuber, Sie haben an vielen Veranstaltungen des Klimagipfels in Paris teilgenommen. Wie beurteilen Sie das Ergebnis insgesamt?

Hans Joachim Schellnhuber: Um es auf den Punkt zu bringen: Der Geist von Paris hat das Gespenst von Kopenhagen vertrieben. Aber wir müssen noch einiges tun und können noch viel erreichen.

PH: Ich war überrascht, dass sich die 195 Länder zu dem Ziel bekannt haben, den Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, und damit die Obergrenze nachgeschärft haben. Wie müssen wir die Regularien gestalten, um dieses Ziel zu erreichen?

HJS: Die Politiker haben den Klimaschutz für sich entdeckt – und darüber freue ich mich. Es ist absolut sinnvoll, den Temperaturanstieg auf unserem Planeten auf höchstens 1,5 bis zwei Grad zu begrenzen. Allerdings bin ich nur bedingt zufrieden, was den Plan der CO2-Neutralität bis zum Jahr 2070 bzw. 2080 angeht. Übersetzt man nämlich das Pariser Abkommen in Emissionsszenarien, muss man die Dekarbonisierung eigentlich schon zwischen 2050 und 2070 erreichen. Das ist die Krux.

PH: Neben der Mitigation, also den Maßnahmen zur Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen, nimmt die Anpassung an die unausweichlichen Folgen des Klimawandels im Pariser Abkommen breiten Raum ein. Die vereinbarten 100 Milliarden US-Dollar für die Unterstützung der Schwellenländer wurden bestätigt, das ist sehr wichtig. Doch was muss sonst noch getan werden, um gegen die Folgen des Klimawandels besser gewappnet zu sein?

HJS: Für mich ist das Schlüsselwort „Capacity Building“, also die Struktur- und Kompetenzentwicklung. Es geht hier nicht nur um Geld. Ich war vor Kurzem in Kamerun und erfuhr Folgendes: Als sich die Briten in den 1960er-Jahren von dort zurückzogen, gab es 49 Wetterstationen. Davon sind jetzt nur noch drei auf den großen Flughäfen übrig. Wir müssen jedoch die nötigen Fähigkeiten und Strukturen aufbauen, damit die Länder in der Lage sind, das Geld, die Unterstützung und das Fachwissen aufzunehmen und in zielführende Maßnahmen umzusetzen. Für die Länder südlich der Sahara ist das von entscheidender Bedeutung.

PH: In Artikel 8 des Pariser Abkommens ist von Versicherungsschutz als möglicher Lösung für die Anpassung an den Klimawandel die Rede. In Ihrem neuen Buch „Selbstverbrennung” zeigen Sie anhand von Informationen aus der Munich Re NatCatSERVICE-Datenbank Trends von Naturkatastrophen und der damit einhergehenden Schäden auf. Welche Rolle spielen nach Paris Versicherungen, wenn es um Anpassung geht?

HJS: Wenn wir uns auf neue Klimaverhältnisse mit Extremereignissen zubewegen – und eine Erderwärmung um zwei Grad bringt neue Klimaverhältnisse mit sich – und wenn wir für die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen Schutzmechanismen vorsehen wollen, um die Folgen abzufedern, lässt sich das nur mit Versicherungen erreichen. Das Problem ist, dass diejenigen, die den Schutz am nötigsten haben, die Prämien nicht bezahlen können. Deshalb brauchen wir ein globales Solidarsystem. Es wäre interessant zu wissen, welche Gruppen tatsächlich von Extremereignissen betroffen sind. Können wir anhand von Daten belegen, dass die Armen am stärksten betroffen sind?

PH: Ja, das können wir. Wir haben unsere Daten aus der NatCatSERVICE-Datenbank nach verschiedenen Einkommensgruppen ausgewertet. Wir unterscheiden dort nach sehr armen Ländern, Ländern mit mittlerem Einkommensniveau und reichen Ländern. Hier ist deutlich erkennbar, dass die Ärmsten am stärksten betroffen sind, besonders wenn man die Schäden zum jeweiligen Bruttoinlandsprodukt in Beziehung setzt und zu dem, was die Menschen besitzen und sich leisten können.

HJS: Also gemessen am Einkommen?

PH: Genau. Die reichen Länder können sich eine Katastrophe leisten, sie haben Versicherungen und raschen Zugang zu finanziellen Mitteln, um ihre Wirtschaft zu stützen oder anzukurbeln. Die einkommensschwachen Länder hingegen sitzen in der Armutsfalle, wenn es keine Unterstützung – zum Beispiel durch eine Versicherung – gibt, die sie wirtschaftlich wieder auf die Beine bringt. Ein weiterer Grund, warum die armen Länder vom Klimawandel stärker betroffen sind, ist, dass sie überwiegend in extremen Klimazonen liegen. Deshalb haben wir vor rund zehn Jahren die Munich Climate Insurance Initiative MCII ins Leben gerufen. Und kurz vor Paris haben die G7-Staaten – parallel zum Klimaschutz-Verhandlungsprozess – ein großes Klimaversicherungsprojekt initiiert. Sehen Sie darin einen wertvollen Beitrag zum gesamten Verhandlungsprozess?

HJS: Und ob! Ich bin geradezu begeistert, zumal die G7-Initiative kurz vor Paris kam. Das war genau das richtige Signal. Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt, den wir nicht außer Acht lassen sollten: Wenn wir von Anpassung als globaler Strategie sprechen, ist die Migration wohl die wichtigste Anpassungsstrategie überhaupt. Allerdings hat nicht jeder die nötigen Mittel dafür. Viele Menschen, die in gefährdeten Gebieten leben, sind gezwungen, dort zu bleiben, denn es fehlt ihnen an Geld, aber auch an Informationen. Bei einem Temperaturanstieg von zwei Grad werden Umsiedlungen aber kaum zu vermeiden sein.

PH: Das gilt wohl besonders für die kleinen Inselstaaten.

HJS: Die Malediven sind schon bei einem Temperaturanstieg von unter zwei Grad dem Untergang geweiht, das ist eine Tatsache. Aber auch Bewohner anderer Regionen sind von sich wandelnden Wettermustern oder Niederschlagsverhältnissen betroffen. Wenn wir also den Menschen helfen und die Folgen abfedern wollen, müssen wir vielleicht auch über neue Formen der Versicherung nachdenken, um die Mobilität der Betroffenen zu fördern, auch wenn das über das klassische Format der Versicherung hinausgeht.

PH: Munich Re gehört hier zu den Vorreitern und stellt schon seit Langem Schadendaten zur Verfügung. Wir haben auch nachgewiesen, dass es bei wetterbedingten Schadenereignissen bereits Veränderungen gibt, und die damit verbundenen Probleme ins Bewusstsein gerückt. Und wir bieten neue Lösungsansätze wie die Mikroversicherung an. Welche Erwartungen haben Sie in den kommenden Jahren darüber hinaus an die Versicherungswirtschaft?

HJS: Zuerst einmal möchte ich erneut betonen, dass Sie hier in zweierlei Hinsicht eine zentrale Rolle spielen. Sie liefern weltweit mit die besten Daten über die Entwicklung von Extremereignissen und Schäden, und einfach jeder schaut sich die Tabellen und Diagramme von Munich Re an. Außerdem haben Sie eine eigene Einheit, die sich mit dem Klimawandel beschäftigt, und schon früh über neue Formate und Konzepte nachgedacht, um den Menschen Versicherungsschutz anbieten zu können, die ansonsten keine Versicherung abschließen könnten. Allerdings wäre es meiner Meinung nach nur konsequent, wenn Sie auch darüber nachdenken würden, auf Investitionen im fossilen Energiesektor zu verzichten. Sie erhöhen Ihre Risiken selbst, indem Sie letztlich die Entstehung tropischer Stürme finanzieren – das macht keinen Sinn.

PH: Das ist sicher zu prüfen. Doch lassen Sie mich zur Klimaforschung kommen: Sie haben eines der renommiertesten Institute für die Klimafolgenforschung aufgebaut. Sehen Sie nach Paris die Notwendigkeit, Ihre Arbeit anders auszurichten?

HJS: Die Ergebnisse von Paris sind auch für die Klimafolgenforschung sehr positiv. Ich war schon oft genug in der unangenehmen Situation, Zukunftsszenarien für unseren Planeten skizzieren zu müssen, bei denen die Forschung an ihre Grenzen stößt. Wissenschaftlich fundierte Aussagen lassen sich kaum noch treffen, wenn die Szenarien so dramatisch sind, dass die Auswirkungen auf unseren Planeten unabsehbar werden. Wenn es uns aber gelingt, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, ist eine solide Folgenanalyse sehr wohl möglich. Auch wenn wir uns dabei schon recht weit von den Bedingungen entfernen, die wir heute auf der Erde kennen. Wir haben jetzt das Unbeherrschbare vermieden oder besser gesagt: Wir haben die Chance, es zu vermeiden – jetzt gilt es, das Unvermeidbare zu beherrschen.
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