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Betriebsrisiken

D&O-Haftungsrisiken: Entwicklungen in den USA und weltweit

Das Haftungsspektrum für Manager ist seit Langem von einem dynamischen Schadenumfeld geprägt. In der Vergangenheit beschränkten sich die auffälligsten Entwicklungen in diesem Bereich weitgehend auf die USA. Ursache hierfür war die dort traditionell vorherrschende Klagefreudigkeit. Änderungen der haftungs- und aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen sowie eine Reihe öffentlichkeitswirksamer Haftungsfälle führten jedoch dazu, dass die Bedeutung von D&O-Versicherungen weltweit steigt.

07.07.2016

Für Unternehmen, die in den USA börsennotiert sind, besteht das größte D&O-Haftungsrisiko in der Möglichkeit einer Sammelklage auf der Grundlage der US-Wertpapiergesetze („Securities Class Actions“). Laut NERA Economic Consulting betrug 2015 das Durchschnitts- und Medianvolumen der Vergleiche im Rahmen solcher Sammelklagen 52 bzw. 7,3 Millionen US-Dollar – dazu kommen Millionen an Verteidigungskosten. Aus diesem Grund stellen die Trends bei Securities Class Actions einen wichtigen Indikator für die Häufigkeit und Höhe von D&O-Schadenfällen insgesamt dar und werden von den D&O-Versicherern in den USA äußerst aufmerksam beobachtet. Mehrere der Trends, die 2015 zu beobachten waren, könnten der Versicherungswirtschaft dabei Anlass zur Besorgnis geben:

So stimmte die Zahl der Securities Class Actions 2015 (189) zwar nahezu mit dem Jahresdurchschnitt zwischen 1996 und 2014 (188) überein. Sie war jedoch die höchste seit dem Finanzkrisenjahr 2008. Die Signifikanz dieser Zahlen steigt, wenn sie der Anzahl der Unternehmen gegenübergestellt werden, die an einer US-Börse notiert sind. Seit Anfang der 1990er-Jahre gab es einen stetigen Rückgang von in den USA börsennotierten Unternehmen (auch wenn in den vergangenen Jahren aufgrund der Zunahme von Börsengängen ein leichter Aufwärtstrend zu beobachten war). Insgesamt sank die Zahl der an einer US-Börse notierten Unternehmen gegenüber 1996 um fast 40 Prozent.

Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein in den USA notiertes Unternehmen mit einer Securities Class Actions konfrontiert wird (2015 ca. 4 Prozent), so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Zum Vergleich: Zwischen 1996 und 2014 lag die durchschnittliche jährliche Wahrscheinlichkeit einer Klage bei in den USA notierten Unternehmen bei 2,9 Prozent.

In seinem Jahresbericht zur Häufigkeit von Securities Class Actions in den USA zwischen 1996 und 2014 kam Cornerstone Research zu dem Ergebnis, dass es für an US-Börsen notierte Unternehmen 2015 wahrscheinlicher war denn je zwischen 1996 und 2014, Gegenstand einer solchen Sammelklage zu werden.

Gründe für den Anstieg der Securities Class Actions

Für das vermehrte Auftreten von Securities Class Actions in den USA gibt es eine Reihe von Gründen. Dazu gehört unter anderem die in den vergangenen Jahren wieder gestiegene Zahl von Börsengängen an den US-Börsen. Aber auch die Zunahme von Klagen mit Beteiligung von Life-Science-Unternehmen trugen zum allgemeinen Anstieg der Klagehäufigkeit bei. Ein weiterer Faktor war 2015 die hohe Zahl von Klagen, in die außerhalb der USA ansässige Unternehmen mit Notierung an US-Börsen verwickelt waren.

Viele Jahre lang waren ca. 16 Prozent aller in den USA börsennotierten Unternehmen außerhalb der USA ansässig. In der Vergangenheit waren diese Nicht- US-Unternehmen weniger häufig Gegenstand von Verfahren in den USA als in den USA niedergelassene Unternehmen. So betrug der Anteil von Klagen mit Beteiligung von Nicht-US-Unternehmen zwischen 1996 und 2014 in den USA nur ca. 11 Prozent. Entgegen diesem längerfristigen historischen Trend ist es in den vergangenen Jahren für Nicht-US-Unternehmen jedoch wahrscheinlicher geworden, in eine Klage in den USA verwickelt zu werden als für ihre US-Pendants. So machten Klagen mit Beteiligung von Nicht-USUnternehmen 2015 fast 19 Prozent aller US-Securities Class Actions aus, obwohl der Anteil von Nicht-US-Unternehmen an allen in den USA notierten Unternehmen knapp 17 Prozent betrug. Und obwohl die jährliche Wahrscheinlichkeit, dass ein in den USA notiertes Unternehmen mit einer Klage konfrontiert wird (4 Prozent), 2015 so hoch war wie seit vielen Jahren nicht mehr, war die Wahrscheinlichkeit einer Klage gegen ein Nicht-US-Unternehmen sogar noch höher.

Die gestiegene Wahrscheinlichkeit einer Securities Class Action gegen Nicht-US-Unternehmen könnte den Schluss nahelegen, dass alle Nicht-US-Unternehmen einem größeren Klagerisiko unterliegen, als vergleichbare US-Unternehmen und D&O-Versicherungen für Nicht-US-Unternehmen entsprechend einzustufen und zu bepreisen sind. Allerdings bedürfen die Daten einer etwas fundierteren Analyse, bevor sich Rückschlüsse für das D&O-Underwriting ziehen lassen.

Der wichtigste zusätzlich zu berücksichtigende Faktor besteht darin, dass von den 35 Securities Class Actions, an denen 2015 Nicht-US-Unternehmen beteiligt waren, 15 Klagen in den USA notierte chinesische Unternehmen betrafen. Die gestiegene Häufigkeit von Securities Class Actions gegen Nicht-USUnternehmen 2015, wie übrigens auch in den Jahren davor, beruht also weitgehend auf der Zunahme von Verfahren gegen chinesische Unternehmen. Wird der Effekt der mit chinesischen Unternehmen verbundenen Klagen ausgeklammert, entspricht der Anteil der Securities Class Actions mit Beteiligung von Nicht- US-Unternehmen im Wesentlichen ihrem Anteil an den an US-Börsen notierten Unternehmen.

Wesentliche Entwicklungen außerhalb der USA

Obwohl Securities Class Actions in den USA weiterhin häufiger vorkommen und zu größeren Entschädigungen führen als anderswo, gibt es Anzeichen dafür, dass entsprechende Klagen außerhalb der USA an Bedeutung gewinnen. In einigen Ländern haben Gesetzesänderungen zu einem vermehrten Klageaufkommen geführt. Die erhöhte aufsichtsrechtliche Kontrolle während und nach der globalen Finanzkrise verstärkt diesen Trend – genauso wie die leichtere Verfügbarkeit von Methoden zur Klagefinanzierung. Hinzu kommen einige öffentlichkeitswirksame Skandale, die zahlreiche Anleger und ihre Vertreter dazu ermutigten, sich kollektiv gegen Anlageverluste zur Wehr zu setzen.

Securities Class Actions sind in Kanada und Australien mittlerweile fest etablierter Justizalltag. In jüngster Zeit führten mehrere Änderungen rechtlicher Rahmenbedingungen sowie die Aufdeckung angeblichen Fehlverhaltens von Unternehmen zu zahlreichen Klageinitiativen in verschiedenen Ländern, darunter das Vereinigte Königreich, Brasilien und Deutschland.

Niederländische Sammelvergleiche

Alle diese Entwicklungen sind interessant und sollten weiter beobachtet werden. Der möglicherweise bedeutendste und interessanteste Fall dürfte jedoch der jüngst bekannt gegebene Vergleich mit den Fortis-Anlegern im Rahmen eines Sammelvergleichsverfahrens nach niederländischem Recht („WCAM“) sein. Am 14. März 2016 gab Fortis (inzwischen unter Ageas firmierend) bekannt, sich mit mehreren Aktionärsstiftungen auf einen Vergleich über 1,204 Milliarden Euro geeinigt zu haben. Anlass für das Verfahren waren die näheren Umstände der Beteiligung von Fortis an der Übernahme von ABN AMRO 2007. Der Vergleich bedarf noch der Zustimmung des Amsterdamer Berufungsgerichts.

Sollte der Fortis-Vergleich genehmigt werden, wäre dies bei Weitem die höchste Vergleichssumme, die im Rahmen des niederländischen Sammelvergleichsverfahrens bislang erzielt wurde. Darüber hinaus könnte diese Einigung anderen derzeitigen Initiativen Auftrieb verleihen, das niederländische Sammelvergleichsverfahren für die Entschädigung von Aktionären im Rahmen aktueller Skandale zu nutzen.

Natürlich wären noch zahllose Fragen zu klären, bevor die Streitigkeiten im Zusammenhang mit einem dieser Fälle mithilfe des niederländischen Vergleichsverfahrens beigelegt werden könnten. Gleichwohl besteht kein Zweifel daran, dass sich das niederländische Sammelvergleichsverfahren durch den Fortis-Vergleich als Option für eine kollektive Anlegerentschädigung empfohlen hat. Da bei einer Genehmigung des Vergleichs durch die niederländischen Gerichte dieser wohl europaweit durchsetzbar wäre und das niederländische Vergleichsmodell auf dem „Opt-out“-Prinzip beruht (betroffene Aktionäre müssen ausdrücklich aus dem Vergleich aussteigen, damit dieser sie nicht bindet), könnte das niederländische Verfahren sowohl für beklagte Unternehmen wie auch Geschädigte von Interesse sein.

Unabhängig davon, ob sich das niederländische Verfahren für Sammelvergleiche zum bevorzugten Mechanismus zur Anlegerentschädigung in Europa entwickeln wird, ist absehbar, dass Anleger ihre Ansprüche künftig nicht mehr nur in den USA, Kanada und Australien geltend machen werden. Die verschiedenen neueren Anlegerinitiativen in anderen Ländern und insbesondere die mögliche Nutzung des niederländischen Verfahrens für Sammelvergleiche dürften die Rahmenbedingungen für D&O-Versicherer spürbar verändern. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass mindestens 290 Millionen Euro des 1,2 Milliarden Euro schweren Fortis-Vergleichs von den D&OVersicherern von Fortis aufgebracht werden müssen.

Fazit

Die jüngsten Entwicklungen und Trends bei der Geltendmachung von Ansprüchen bedeuten, dass sich die D&O-Versicherer zunehmend einem komplexen und schwierigen Umfeld gegenübersehen. Mehr Entschädigungsforderungen von Anlegern, insbesondere im Rahmen von Sammelverfahren, bedeuten für D&O-Versicherer das Risiko eines Anstiegs der Schadenfrequenz und -schwere. Zudem ist das Risiko von Sammelverfahren nicht mehr weitgehend auf die USA beschränkt, sondern breitet sich zunehmend auf andere Staaten aus.
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