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Überschwemmungen

Die fast übersehene Flutkatastrophe

Während sich Ende August weltweit die Aufmerksamkeit auf das überschwemmte Houston richtete, trafen andernorts Wasserkatastrophen die Bevölkerung noch schwerer. Ein außerordentlich heftiger Monsun in Südasien forderte fast 2700 Menschenleben und richtete schwere Schäden in der Landwirtschaft an.

Jedes Jahr Anfang Juni breitet sich ausgehend von der Südspitze Indiens der Sommermonsun nach Norden aus. In den folgenden vier Monaten fallen auf dem südasiatischen Subkontinent gewaltige Regenmengen, die rund drei Viertel des Jahresniederschlags ausmachen. Nicht nur dort, wo es heftig regnet, kommt es zu Überflutungen und Zerstörungen. Auch entlang der Flussläufe von Ganges, Brahmaputra und anderen Strömen, auf denen sich die Wassermassen hunderte Kilometer Richtung Indischer Ozean wälzen, kommt das Leben häufig zum Stillstand.

Der Sommermonsun ist der Flutgenerator Südasiens

Schlimmstes Hochwasser seit 15 Jahren

Der Monsun 2017 war außergewöhnlich, sowohl hinsichtlich seiner Dauer als auch seiner Folgen. In Nepal dauerte die Regenzeit vom 12. Juni bis 16. Oktober statt wie üblich bis etwa 23. September. Sie war mit 127 Tagen 20 Prozent länger als normal und fast so lange wie im Rekordjahr 2008 (130 Tage). Nicht außergewöhnlich waren dagegen die Gesamtregenmengen: Über das ganze Land gesehen fielen in Nepal durchschnittlich 1330 mm, das sind 92 Prozent der üblichen Menge.

Ein anderes Bild zeigt sich bei lokaler und zeitlich aufgelöster Betrachtung. Durch orographische Effekte fallen die höchsten Mengen in den Gebieten nahe des Himalaya – und das mit zeitlich sehr variabler Intensität. 2017 waren insbesondere die indischen Provinzen Assam, Uttar Pradesh – die mit 220 Millionen Menschen am dichtesten bevölkerte Provinz Indiens – und Bihar sowie in Nepal die Terai-Ebene betroffen.

In dieser 25 bis 100 Kilometer breiten Tiefebene entlang der etwa 800 Kilometer langen Grenze zu Indien, die 17 Prozent der Fläche Nepals ausmacht, lebt fast die Hälfte der nepalischen Bevölkerung und bewirtschaftet 53 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche des Landes. In den zwölf betroffenen Distrikten standen 80 Prozent der Flächen unter Wasser. Es waren laut den Vereinten Nationen die schlimmsten Überschwemmungen seit 15 Jahren.

Auch anderswo gab es Überflutungen durch Starkregen. Zwölf Jahre nach der Katastrophe von 2005 traf es erneut die Metropole Mumbai an der Westküste, wo am 29. August 2017 innerhalb eines halben Tages 315 mm Regen fielen. Selbst wenn das nur ein Drittel der Tagesmenge des 26. Juli 2005 war: Die Stadt versank wieder in den Fluten, die sogar eine deutlich größere Fläche umfassten als damals. Mumbai ist mittlerweile zwar besser gerüstet, aber immer noch kommen Vorwarnungen zu spät. Es fehlen Notfallpläne, und vor allem werden natürliche Drainagepfade hemmungslos und planlos zugebaut.

In Westbengalen und Bangladesch sorgten nicht so sehr die örtlichen Regenfälle für weitläufige Überschwemmungen, sondern das in den Flüssen aus dem Norden abfließende Hochwasser.

Mehr als 40 Millionen Menschen waren von Juni bis Oktober in Indien, Nepal und Bangladesch von den Fluten betroffen

Schäden so gut wie nicht versichert

Mehr als 40 Millionen Menschen waren von Anfang Juni bis Mitte Oktober in Indien, Nepal und Bangladesch von den Fluten betroffen. Mindestens 2670 Menschen starben (2170 in Indien, 160 in Nepal, 340 in Bangladesch), davon Dutzende in Nepals bergigen Gegenden durch Erdrutsche.

Den Großteil der Schäden gab es im Nordosten Südasiens. Von den insgesamt etwa 3,5 Milliarden US-Dollar dort entfielen auf Indien rund 2,5 Milliarden, Nepal 600 Millionen und Bangladesch 350 Millionen. Die versicherten Anteile waren in allen drei Ländern minimal. Auch wenn diese Beträge gering sind im Vergleich zu den Hurrikanschäden in Nordamerika: Sie müssen von Ländern und Menschen geschultert werden, die bereits eine äußerst vulnerable und instabile Lebensgrundlage haben.

In Nepal wurde die Land- und Viehwirtschaft hart getroffen: 40 Millionen Hektar Land wurden überschwemmt und 70.000 Haus- und Nutztiere verendeten. Versichert war so gut wie nichts. Die meisten Bauern schließen nur sehr ungern eine Versicherung ab und sind auch sonst kaum zur Vorsorge bereit bzw. in der Lage. Eine Umfrage der Vereinten Nationen in Terai im Oktober 2017 ergab, dass nur ein Drittel der Befragten Vorsorge gegen Überflutungsschäden getroffen hat, obwohl 56 Prozent von ihnen bereits in den Vorjahren Schäden hatten.

In Bangladesch uferten zahlreiche Flüsse aus, und riesige Gebiete des extrem flachen Landes gerieten unter Wasser. Straßen, Brücken, Bahnlinien und 750.000 Häuser wurden beschädigt, über 100.000 zerstört.

Der Monsun forderte 2017 in Südasien 2.700 Menschenleben

Staaten beim Katastrophenmanagement überfordert


Indien, Nepal und Bangladesch gehören zu den Ländern mit dem höchsten Flutrisiko. Zwölf Prozent des Staatsgebiets von Indien (400.000 km2) sind entlang von Flüssen potenzielle Überflutungszonen, in Bangladesch sind es sogar drei Viertel des Landes. Auf den entsprechenden 20 Prozent in Nepal leben weit mehr als die Hälfte der Nepalesen.

Neben der direkten Gefahr durch Ertrinken kommt es besonders in den Städten häufig zu Todesfällen durch Stromschläge. Das Waten im völlig verschmutzten Wasser löst zudem regelmäßig Infektionen mit Bakterien (insbesondere Leptospirose) aus, die oft zum Tode führen. Fundamente von Häusern werden unterspült oder aufgeweicht, so dass diese in sich zusammenstürzen.

Dass kaum Vorsorgemaßnahmen ergriffen werden, liegt häufig an den fehlenden Möglichkeiten. Weder haben die Menschen genügend finanzielle Mittel, noch helfen staatliche Stellen ausreichend, geeignete Lösungen zu identifizieren und umzusetzen. Direkte staatliche Schutzinitiativen sind ebenfalls rar. Es ist andererseits unbestritten, dass Vorsorge Geld spart und Leid und Not verhindert. Der Staat ist in der Pflicht, zumindest minimale Strukturen zu schaffen (und damit eine Vorbildfunktion zu übernehmen), auf denen die Bevölkerung aufbauen kann. Institutionen wie das All India Disaster Mitigation Institute (AIDMI) haben längst erkannt, dass auch die Versicherung gegen Flutrisiken – sei es in klassischer Form oder als Mikroversicherung – einen wertvollen Beitrag zum Katastrophenmanagement leistet. Auch wenn teilweise kulturelle Gründe im Wege stehen, ist das Potenzial für Veränderungen enorm. Bei der Ernteversicherung hat Indien zum Beispiel bereits einiges erreicht.

Fazit

Südasien steht stellvertretend für viele arme Regionen der Erde, die im vergangenen Jahr von Überschwemmungskatastrophen heimgesucht wurden. Südthailand, Peru, Kolumbien, Sierra Leone und der Kongo waren ebenfalls betroffen. Absolut gesehen sind die Schäden oft eine oder zwei Größenordnungen kleiner als in Europa oder Nordamerika. Dennoch sind die Auswirkungen für das Leben der Menschen und den Wohlstand des Landes in der Regel viel gravierender, zumal es häufig an Versicherungen fehlt, die die negativen Folgen abfedern könnten. Es ist nachgewiesen, dass Länder mit einer funktionierenden Elementargefahrenversicherung nach einer Katastrophe weit schneller zur Normalität zurückfinden als Länder ohne derartigen Schutz.

Während die Spuren der Verwüstungen in den Hochwassergebieten Asiens und Afrikas noch Wochen und Monate nach dem Ereignis zu erkennen waren, herrschte in Houston schon wenige Tage nach den Überflutungen annähernd normales Leben. Nur mit Mühe und anhand weniger Indizien war auszumachen, dass weite Teile der Stadt kurz zuvor metertief unter Wasser gestanden hatten. Die Vulnerabilität von Menschen und Gesellschaft zu verkleinern und ihre Systeme widerstandsfähiger und resilienter zu machen, muss das oberste Ziel der betroffenen Staaten sein.

Further Information
Munich Re Experten
Dr.-Ing. Wolfgang Kron
ist Head of Research, Hydrological Hazards in Geo Risks Research zuständig für alles, was mit „Wasser als Naturgefahr“ zu tun hat.
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